20 Februar, 2008

Der Swedish Classic

Veröffentlicht in Freizeit, Gesundheit, Schweden-Attraktionen, Sport um 3:07 nachmittags von Burkhard

Dass die Schweden sportbegeistert sind, ist bekannt. Besonders mögen sie die richtig langen Ausdauerveranstaltungen.  Bekanntestes Beispiel ist der Vasaloppet, die größte Skilanglauf-Veranstaltung der Welt über 90 km von Sälen nach Mora. Je nach Witterung schaffen die Besten das schwierige Terrain unter 4 Stunden – doppelt so lange ist für die meisten aber eher realistisch. Die Gesamtdistanz nehmen jedes Jahr um die 35.000 Leute in Angriff, aber es gibt auch viele kürzere Strecken. Im Rekordjahr 2004 nahmen am Vasaloppet insgesamt 143.584 Menschen teil! Der Vasaloppet ist immer am ersten Sonntag im März, also in wenigen Tagen.

Nun könnte man ja sagen: Mit einer erfolgreichen Teilnahme am Vasaloppet hat man sich und seiner Umwelt nun wirklich bewiesen, dass man es sportlich drauf hat. Aber einigen ist das immer noch nicht genug. Sie versuchen sich am ‚Swedish Classic‘, das ist die Kombination von vier schweren Ausdauerwettbewerben in einem Jahr:

  • Vasaloppet: Skilanglauf, 90 km.
  • Vätternrundan: Fahrradrennen um den Vättern, 300 km (!).
  • Vanbrosimmet: Schwimmen, nur drei Kilometer, dafür aber ein Kilometer stromaufwärts, und in etwa 17 Grad kaltem Wasser (!).
  • Lidingöloppet, ein Lauf über 30 (schwere) Kilometer.

Über 23.000 Männer und fast 5000 Frauen haben bisher den Swedish Classic vollbracht. 10 Männer haben es bereits 25 mal geschafft, 3 Frauen bisher über 15 mal. Verrückte!

Ich sprach mit einem, der den Swedish Classic geschafft hat. Für ihn war mit Abstand das Schwierigste die Vätternrundan. Irgendwann, sagte er, hätte er nicht mehr sitzen können, nicht mehr stehen können, einfach gar nichts mehr machen können, was nicht irgendwo mächtig weh getan hat.

Liebeserklärung an SE-LTV

Veröffentlicht in Leben im Ausland, Schweden-Attraktionen, Stockholm-Attraktionen um 11:42 vormittags von Burkhard

Wie viele andere Großstädte auch hat Stockholm drei sehr verschiedene Flughäfen: den ‚normalen’ Großflughafen vor den Toren der Stadt (Arlanda), den weit entfernten Billigst-Flughafen für Ryanair und Konsorten (Skavsta), und schließlich den kleineren Innenstadt-Flughafen (Bromma). Letzterer hat alle typischen Eigenschaften für seine Art: Er wurde bereits vor dem zweiten Weltkrieg gebaut und ist daher etwas altmodisch, die Stadt ist mittlerweile darum herumgewachsen, aus Emissionsgründen dürfen nur kleinere Flugzeuge starten, es gibt eine Dauerdiskussion um die Schließung (Anwohner gegen Betreiber), er ist bei Geschäftsreisenden wegen der kurzen Anreise sehr beliebt, und es gibt einen sensationellen Landeanflug über die Stadt. Vettern von Bromma sind z.B. der Ronald Reagan Washington National Airport und natürlich Berlin-Tempelhof (RIP).

Geschäftsreisen sind lästig und zeitraubend, aber wenn es denn sein muss, dann bietet das Fliegen ab Bromma für mich immer noch das größte Vergnügen. 30-45 Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein reicht völlig aus. Zehn Minuten vor Abflug gehen die Passagiere über das offene Flugfeld zur ihren Maschinen, meist Turboprops. Der Morgen dämmert herauf, die Luft ist kalt und klar. Ein schmales Treppchen führt hinauf in die Maschine. Oft bleibe ich noch einen Moment am Fuß der Treppe stehen, um die Atmosphäre zu genießen. Um mich herum brummen die Propellermotoren, viele mit über 4000 PS, nach wie vor ein Gänsehautgeräusch für mich. Ich berausche mich am Duft des Kerosins. Und dann natürlich der Anblick meiner Maschine, an dem ich mich nicht sattsehen kann.

Ich fliege mit einer 50-sitzigen Saab 2000 von Bromma nach Ängelholm (bei Helsingborg). Dies ist eine der besten Turboprops, die jemals gebaut wurde. Die Flugleistungen sind fantastisch, Concordinio wird sie auch genannt. Leider war die Saab kein großer komerzieller Erfolg, denn sie war im Kaufpreis teurer als vergleichbar große Maschinen der Konkurrenz, die etwas einfacher gebaut sind. Sie war einfach zu gut, um ein Erfolg bei den mit spitzem Bleistift rechnenden Fluggesellschaften zu sein. Aber sie ist eine Königin, wirklich die schönste und stärkste ihrer Art.

Ich fliege aber nicht mit irgendeiner Saab 2000. Ich fliege fast jede Woche mit derselben Maschine hin und zurück, Registrierung SE-LTV, schon 35 Mal. Es ist meine Maschine, sozusagen. Dieses Bild zeigt SE-LTV startend von Bromma Richtung Ängelholm. Hier ist ein schönes Bild von ihr im Landeanflug auf Bromma.

Ich war nie auch nur eine Minute verspätet mit ihr. Ein einziges Mal hatte ich den Rückflug von Ängelholm zu einer anderen Zeit gebucht, für die ein anderes Modell geplant war. Prompt fiel diese Maschine aus. Aber man ließ uns nicht im Stich: Eine Ersatzmaschine wurde in Bromma losgeschickt, um uns abzuholen. Mißmutig stand ich am Fenster der Wartehalle und schaute auf die Landebahn hinaus. Dann jedoch tauchte sie in der Dunkelheit auf, SE-LTV, letzte Hoffnung der Gestandeten. Ich war ihr untreu geworden, aber sie ließ mich nicht im Stich.

8 Februar, 2008

Im falschen Film

Veröffentlicht in Schwedischer Staat, Typisch schwedisch um 10:40 vormittags von Burkhard

Jeder Londoner wird täglich 200 – 300 Mal mit von einer Kamera erfasst. In Stockholm dürfte die Zahl nicht geringer sein. Jedes öffentliche Transportmittel ist mit Kameras ausgestattet – nicht nur die U-Bahn, sondern auch jeder Bus. Auch in fast jedem Taxi schaut Dich mittlerweile ein Kameraauge an. Draußen ist es nicht besser. Jeder öffentliche Platz ist kameraübersät; das geht bis in die Nebenstrassen hinein. Das Handy in Deiner Tasche gibt ständig Deine Position bekannt. Eltern können einen Dienst abonnieren, mit dem sie den Aufenthaltsort ihrer Kinder so überwachen.

Es gibt also de facto keine Möglichkeit, sich in Stockholm unverfolgt zu bewegen. Und die meisten dieser Daten laufen nicht etwa bei der Polizei auf, wo man je nach persönlichem Vertrauen in den Staat von einer mehr oder weniger kontrollierten Verwendung ausgehen kann. Sie laufen bei Privatunternehmen auf. Dass die Daten dort vor Missbrauch sicher sind, glauben nur Weltfremde.

Über Deinen Namen kann jeder Deine ‚Personnummer’ leicht herausfinden, und darüber widerum eine Fülle an Informationen, die Behörden und Unternehmen über Dich speichern, ohne Dich zu fragen, und austauschen, ebenfalls ohne Dich zu fragen. Das Finanzamt gibt jedem, der es wissen will, Dein Gehalt bekannt. Die schwedische GEZ schrieb mich an; es fragt systematisch Informationen bei Arbeitgebern ab – auch meiner hatte willig Daten über mich rausgegeben. Mein Kabelunternehmen wusste über meinen Namen sogar direkt die Verkabelung meiner Wohnung.

Ehrliche Menschen haben nichts zu verbergen, heisst es oft als Kommentar. Aber kann man es sich wirklich so einfach machen?

Eines der Probleme: Kriminelle machen sich immer mehr Methoden der Rasterfahndung zu Nutze. Sie filtern sich genau heraus, wer Geld hat, wer Geld braucht, wer schutzlos ist, wessen Wohnung gerade leersteht. Warum nicht mal schell das ideale Vergewaltigungsopfer in Stockholm herausfiltern: jung, hübsch, und steht gerade allein in einer unübersichtlichen U-Bahnstation? Gib mir Deine Daten, Mädel, denn ein ehrlicher Mensch wie Du hat doch nichts zu verbergen.

Ebenfalls offiziell abgeschafft im Überwachungsstaat ist die Gnade des Vergebens und Vergessens. Mal das Studium abgebrochen? Die Ehe gescheitert? Psychologische Hilfe gesucht? Mit einem Ex-Chef überworfen und rausgeworfen worden? Als Jugendlicher die falschen Bücher gelesen, die falschen Freunde gehabt? Im ewigen Gedächtnis Deiner Überwachungsakte wird es gespeichert sein. Es gibt keine Möglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich zu häuten, einen neuen Anfang zu machen. Gott vergibt Sünden – die Überwachungsgesellschaft nicht.

1 Februar, 2008

Hoch hinaus

Veröffentlicht in Mentalität, Typisch schwedisch um 10:45 vormittags von Burkhard

Die Stockholmer leben gern hoch und mit Ausblick. Stehen zum Beispiel Wohnungen in einem viergeschossigen Neubau im Angebot, ist die Wohnung eine Etage höher immer 100.000 SEK (11.000 EUR) teurer als die daruntergehende, also zum Beispiel 2,0 Mio. im EG, 2,1 Mio. im 1. OG usw. bis 2,3 Mio. Im 3 OG. Das ist selbst dann so, wenn die obere Wohnung keine besondere Aussicht bietet. Trotzdem ist die obere Wohnung immer als erstes verkauft; ‚oben’ zu wohnen ist dem Stockholmer also offensichtlich die z.B. 44.000 Euro Aufpreis gerne wert.

Stockholm liegt am Wasser, aber die Schäreninseln, auf denen Stockholm liegt, wachsen durchaus zu gewissen Anhöhen aus dem Wasser empor. Eine mittelgute Wohnung mit einer guten Aussicht aufs Wasser ist bei vergleichbarer Qualität circa 1 Mio. SEK (110.000 EUR) teurer als eine vergleichbare Wohnung ohne Aussicht.

Dabei gibt es aber eine Überraschung. Als in den Fünfzigern große Neubausiedlungen gebaut wurden, wurden die natürlich auch schon bevorzugt auf den schönen Höhen erstellt. Diese Häuser werden nach wie vor dringend gebraucht. Sie sind auch sehr stabil gebaut. Darüber hinaus lassen die Besitzrechtsverhältnisse ein einfaches Abreißen und Neubauen nicht zu. Da die stadtnahen Höhen also von älteren Siedlungen besetzt sind, zwingt das die meisten großen Neubaugebiete heute ganz nah ans Wasser: Hammarby Sjöstad, Järla Sjö, Finnboda Hamn, Nacka Strand. Namensbestandteile wie ‚See’, ‚Hafen’ oder ‚Strand’ zeugen davon. Finnberget (… Berg) oder Hammarby Höjden (… Höhe) sind hingegen typische Namen für alte Stadtteile.

Mancher, der im Fünfziger-Jahre-Plattenbau lebt, hat daher einen herrlichen Ausblick hier in Stockholm. Der Upper-Middle-Class-Neubaukäufer ist jedoch meist geographisch ganz unten zu finden. Auch für diese Wohnungen finden sich genug Käufer, aber ich persönlich mag sie gar nicht, diese oft sehr verdichtete Bauweise direkt am Wasser, mit den Anhöhen direkt im Rücken. In Wassernähe zu wohnen ist schön, aber ich muss gar nicht mit den Füßen geradezu im Wasser stehen, wie bei einigen Neubauten in Järla Sjö, wo man es so weit getrieben hat, die Häuser auf Stelzen direkt ins Wasser zu bauen.

Nur sehr selten finden sich auch Neubauten auf den Höhen. Finnberget ist so ein Beispiel, wo 2004 noch eine Lücke für einige moderne Wohnhäuser auf der Höhe gefunden wurde. Die Aussicht vom Balkon ist zwar nicht so toll wie bei den benachbarten älteren Bauten, aber wenigstens hat man Luft und das Gefühl von Weite.

21 Januar, 2008

‚TetraPak Metal’ gegen ‚IKEA Retail Sucker Bucket’

Veröffentlicht in Alkohol, Ausgehen, Beruf, Kunst und Kultur, Mentalität, Schweden-Attraktionen, Typisch schwedisch um 8:00 nachmittags von Burkhard

 Es war eine anstrengende Woche gewesen. Wochenlang hatte ich den großen Workshop in der Woche für meinen Kunden, IKEA, vorbereitet. Bis zu 16 Personen hatten zusammen nachgedacht und um Lösungen gerungen. Es ging um viel für IKEA. Tief in die schwedische Provinz hatten wir uns zurückgezogen, in eine Klausur, wo uns nichts von den Aufgaben ablenkte.  

Aber es war gut gelaufen, und so waren wir alle gleichzeitig erschöpft und erleichtert, als wir uns auf die zweistündige Autofahrt zurück nach Helsingborg machten. Ich fuhr mit Olof, so dass sich reichlich Gelegenheit gab, seinen ladenneuen, erst drei Tage alten BMW zu loben. An einer Stelle kam uns ein prächtiger, männlicher Elch unkomfortabel nahe; aber er drehte dann zum Glück von selbst um und verschwand wieder im Wald.  

IKEA hatte uns zum Abschluss ins Tivoli in Helsingborg eingeladen. Dies hat natürlich nichts mit dem Kopenhagener Tivoli zu tun, sondern es handelt sich um ein Lokal mit recht großer Bühne, das im ehemaligen Helsingborger Bahnhofsgebäude untergebracht ist. An diesem Abend wurde dort ein Företagsrock veranstaltet. Dabei wetteifern Mitarbeiter einer Firma, die eine Rockbands gegründet haben, miteinander. Bis zu drei Bands pro Abend treten in je 20-minutigen Auftritten gegeneinander an. Danach wird abgestimmt. Jeden Donnerstag geht das so, und es gibt eine Ausscheidung im KO-System bis hin zu einem großen Finale im Sommer. 

Doch damit nicht genug der Überraschungen: an diesem Abend würde eine Band von IKEA Retail antreten; und einer der führenden Kollegen aus dem Workshop würde selbst auf der Bühne stehen! Oder sagen wir besser ‚sitzen’, denn er war der Drummer der Formation ‚IKEA Retail Sucker Bucket’. Der Name war eine Parodie auf das IKEA-Bürogebäude ‚sockerbruket’ in Helsingborg, das eine aufwändig umgebaute ehemalige Zuckerfabrik ist. 

An diesem Abend traten nur zwei Bands auf. Zunächst war der musikalische Gegner, ‚TetraPak Metal’, an der Reihe. Das Äußere war stimmig: AC/DC-Shirts; Tätowierungen überall; lange, fettige Haare. Sie spielten Hardrock- und Metal-Klassiker. Eine kleine Schar von Tetrapak-Groupies bangte fleissig Head vor der Bühne. Sie waren überraschend gut, besonders der Drummer, der richtig Tempo und Druck machen konnte. Amateurhaftes Geschrammele war das nicht. Ich kannte unsere Jungs nicht, aber ich war echt eingeschüchtert. Würden wir uns blamieren? 

In der Pause versammelten sich vielleicht 50 IKEA-Mitarbeiter vor der Bühne, um ihre Jungs zu unterstützen. Und dann kamen ‚IKEA Retail Sucker Bucket’ auf die Bühne und rockten los. Der Sänger machte den relativen Mangel an Tätowierungen durch zahlreiche Ringe an Ohren und Nase wieder wett; außerdem hatte er sich die kanadische und britische Flagge auf die Schulter gemalt. Er war klein, häßlich, obszön, böse; ein richtiger kleiner Giftzwerg. Er hatte definitiv mehr und blondere weibliche Fans, die es vor der Bühne abgingen ließen. Die Jungs fingen an, mir Spaß zu machen. Sie waren weniger Metallica, mehr Red Hot Chili Peppers. Musikalisch waren sie nicht besser, aber sie waren auch nicht schlecht, und ich konnte ihrem schrägen Auftritt nicht zusehen, ohne blöd dauerzugrinsen. Auch unser Kollege aus dem Team gab an der Schießbude sein Bestes. Als eine Saite riß, lieh ihnen der Gitarrist von TetraPak seine Gitarre – eine superfaire Geste, das muss ich schon sagen.  

IKEA Retail Sucker Bucket

IKEA Retail Sucker Bucket 

Das Ganze ging harmonisch aus. Es gab ein Jury-Votum (Sieger: TetraPak) und ein Publikumsvotum (Sieger: IKEA); und weil nur zwei Bands teilnahmen, kamen irgendwie beide weiter. Völlig egal, Hauptsache, es gab noch eine Zugabe und noch ein Bierchen. 

Anschliessend zogen wir noch ins Harrys weiter. Wir gingen von Bier auf Wodka mit RedBull über. An den Schweden wundert mich immer wieder, wie schnell sie in einen ausgelassenen ‚Partymodus’ und wieder zurück umschalten können. Ich meine, Deutsche können auch ordentlich feiern, aber sie brauchen irgendwie eine längere Aufwärm- und hinterher wieder Abkühlphase. Wir waren noch keine halbe Stunde in dem Laden, da schwitzten schon alle auf der Tanzfläche, und zwei unserer Mädels aus unserem Workshop tanzten schon auf einem Tisch, sehr zur Augenweide des ganzen Ladens. Drei Workshopteilnehmer waren aus Kanada angereist – die staunten nicht schlecht über das alte Europa!

Kopenhagen gegen Stockholm

Veröffentlicht in Ausgehen, Leben im Ausland, Typisch schwedisch um 7:56 nachmittags von Burkhard

Natürlich ist Stockholm schöner als Kopenhagen. Das ist schon alleine deshalb so, weil wir ja nun mal in Stockholm wohnen. Würden wir etwa nur in die zweitschönste Stadt Skandinaviens ziehen? Also. Es kann gar nicht anders sein. Keine Frage, das.  

Trotzdem haben wir ein Adventswochenende in Kopenhagen verbracht. Einfach, um nur noch mal zu sehen, wie viel schöner Stockholm ist. Das Hotel ‚The Square’ lag superzentral. Wir waren einkaufen, und ein wenig Kultur war auch drin.  

Und wo ist es nun wirklich schöner? Geschmacksache, würde ich sagen. Kopenhagen ist etwas weltstädtischer, hat einen noch etwas internationaleren Flair. Eine große Modestadt, und das merkt man auch. Zum Kleidereinkaufen der bessere Platz. Auch tolle Designwaren gibt es hier. Ich stehe ja auf schwedische Glaskunst (die es auch in Kopenhagen gibt), aber dort gibt es eben auch noch eine Großauswahl anderer schöner Dinge. Fantastische Restaurants auch, da kommt Stockholm nicht mit, auch wenn sich Stockholm diesbezüglich nicht zu verstecken braucht.   

Andererseits: Kopenhagen ist teurer als Stockholm. Für ein Hotel-Doppelzimmer muss man schon 175 Euro einrechnen, für ein gutes Abendessen zu zweit kaum weniger. Und von der Schärenlage ist und bleibt Stockholm einfach einzigartig; da kann keine Stadt der Welt dran rütteln. Venedig des Nordens, dass ich nicht lache, ihr wollt Stockholm doch wohl nicht mit diesem verrotteten italienischen Loch vergleichen?! Und die Stockholmer Altstadt ist auf jeden Fall auch sehenswert.  

Also, wenn jemand keine der beiden Städte kennt und ich eine empfehlen sollte, würde ich für die meisten Leute weiterhin bei Stockholm bleiben. Kopenhagen ist wirklich sehr schön und trendy, hat aber wenig Einzigartiges. Kopenhagen würde ich höchstens für einen eingefleischten Natur- und Kunstbanausen, aber Mode- und Shoppingfan vorziehen.  

9 Januar, 2008

Snus

Veröffentlicht in Typisch schwedisch um 7:11 nachmittags von Burkhard

Da das Rauchen in Schweden fast überall verboten ist, steigen viele Leute auf Snus um. Das sind kleine, teebeutelartige Beutelchen, die mit Tabak gefüllt sind und die man sich unter die Oberlippe steckt.  Von dort gelangt dann das Nikotin in die Blutbahn.

Das Ganze hat zwei Riesenvorteile: erstens belastet man seine Lunge nicht, und zweitens gibt es kein Passivrauchen. Laut Wikipedia benutzen inzwischen mehr schwedische Männer Snus als Tabak, und bei den schwedischen Männern wurden dadurch die Krebsfälle mehr als halbiert. Trotz aller Bedenken finde ich auch, dass die Vorteile von Snus überwiegen und verstehe nicht, dass sie EU-weit nur in Schweden erlaubt sind.  

Rauchen im Büro ist natürlich tabu hier, aber snusen ist dort Gang und Gäbe. Man sieht einen eingelegten Snus kaum und hört ihn auch kaum beim Sprechen. Dass jemand gesnust hat, merkt man oft erst, wenn er oder sie mitten im Meeting aufsteht, zum Mülleimer geht und mit einer schnellen Bewegung des Zeigefingers unter der Lippe den Snus geschickt aus dem Mund in den Mülleimer fliegen lässt. Die schwedische Variante des Zigaretteausdrückens.  

Auch wenn der Nikotingehalt eines Snus in etwa dem einer Zigarette entsprechen soll, beschrieb mir ein Snuser den ‚Kick’durch das Gift als eher stärker als bei der Zigarette – aber leider auch die Abhängigkeit. In den ersten Monaten, sagte er, stellte sich beim Snusen durch das Nikotin ein angenehmes Gefühl der Ruhe, Entspanntheit und Gelassenheit ein. Jetzt jedoch, beklagt er sich, sei es umgekehrt: Der Zustand ohne das Gift im Körper sei nervös und unruhig und man brauche das Snus, um überhaupt auf eine Art ‚Normalniveau’ zu kommen. Das klassische Muster einer körperlichen Abhängigkeit von einem sehr starken Gift. Ein Zehntel Gramm Nikotin tötet den stärksten Mann.  

Also, Snus hin oder her, Nikotin bleibt eine enorm abhängig machende Droge.  

31 Dezember, 2007

Schwedenkrimis III: Stieg Larsson

Veröffentlicht in Kunst und Kultur um 3:09 nachmittags von Burkhard

Grundsätzliches

Stieg Larsson hat eine Krimitrilogie mit den beiden Helden Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander geschrieben. Der erste Band, ‚Verblendung’, ist als Taschenbuch erhältlich. Der zweite Band, ‚Verdammnis’, ist derzeit nur im Einband zu haben, Taschenbuch im September 2008. Der dritte Band, ‚Vergebung’, erscheint in Deutsch erst im März 2008. Weitere Bücher wird es definitiv nicht geben, denn Stieg Larsson ist leider bereits früh verstorben. 

Dies sind die wahren Schwedenkrimis der Schweden. Die Bücher sind extrem erfolgreich hier; sehr lange waren alle drei in den Top 10 der verkauften Bücher. Praktisch jeder kennt sie hier. 

Anspruch

Mittel bis hoch. Es ist in erster Linie hochklassige Unterhaltung. Es kommen auch durchaus gesellschaftliche Probleme zur Sprache, aber das ist bei jeder lebendigen Darstellung unserer heutigen Welt der Fall.

Nirgendwo werden die Bücher dröge oder belehrend. Sie sind sogar besonders süffig zu lesen. Larsson lässt sich mit seinen Geschichten durchaus Zeit, und er nimmt das Tempo hier und da zurück, aber dank der treffenden Charakter- und Milieustudien liest man auch diese Passagen gern. Insgesamt sind die Geschichten aber sehr spannend. Manche Folter- und Vergewaltigungsszene dürfte sogar an der Grenze des Erträglichen für zart Besaitete sein.

Skandinavienflair

Sehr hoch. Für mich als Södermalm-Bewohner sowieso überragend: die Straßen, die Kneipen – alles echt. Ein Krimi, der bei mir um die Ecke spielt. Aber auch der Rest Schwedens, die Menschen, die Natur usw. kommt sehr authentisch rüber. Manches wird auch ironisch auf die Schippe genommen, aber das verstehen in Deutschland vermutlich die wenigsten.

Charakterzeichnungen / Was ich besonders mag

Lisbeth Salander ist schon eine schräge Heldin. Computerhackerin, anorektisch, tätowiert, mit schrecklichen Klamotten, mit dem Gesetz in Dauerkonflikt und restlos sozial gestört. Definitiv die Person, um die man auf der Straße einen Bogen macht. So jemanden muss man erst mal zum Buchhelden machen. Man kann ihr als Leser nur mit einer Mischung aus Faszination, Sympathie und Abscheu begegnen. Es braucht schon einen guten Autor, um so einen Charakter überzeugend zu zeichnen.

Mikael Blomkvist kommt dagegen als Held schon geradezu zu konventionell daher. Nichts zur Abwechselung mal gegen einen attraktiven Helden, aber die Art und Weise, wie ihm Frauen jeden Alters und Couleur mühelos zu Füßen liegen, ist mir einen Tick zu nah an pubertären Phantasien.

Aber egal: Die Bücher sind Unterhaltung vom Allerfeinsten, und wenn ich jemandem einen Urlaubs-Schmöker empfehlen soll, egal, welchen Genres, so ist es derzeit definitiv ‚Verblendung’.

19 Dezember, 2007

Schweinebacke

Veröffentlicht in Ausgehen um 12:46 nachmittags von Burkhard

Es blickt etwas verschmitzt drein, das Schwein. OK, eigentlich ist es nur noch ein echter Schweinekopf, auf einem Silbertablett. Verziert mit weißen Schaumtupfen, das eine Ohr keck abgewinkelt. Zehn Stunden am Tag schwitzt es im Scheinwerferlicht des Buffets. Manchmal unterhält es sich mit dem Handwerkerzwerg, das ist der mit dem Zollstock in der Hand.  

Wir sind im Grand Hotel, Stockholm. Drunter machen wir’s nicht. Hier gibt es das beste Julbord Stockholms (der Welt?). Julbord, das ist ein vorweihnachtliches Buffet, das die Restaurants überall anbieten. Im Grand Hotel gibt es vier Schichten am Tag, von 12:00 bis 22.00, das sind 2 ½ Stunden pro Schlemmerei; und soviel Zeit braucht man auch, um bis zu Käse und Kaffee zu kommen. Die Tische sind wochenlang im Voraus ausgebucht.  

Früher gab es mal Hemdkragen, die es unmöglich machten, den Kopf zu drehen. Der Kragen des Obers sieht zwar ganz normal aus, aber trotzdem tut er so, als würde er einen solchen Kragen tragen. Wenn er sich jemandem zuwendet, dreht er den ganzen Oberkörper, oder er schaut aus den Augenwinkeln. Das gibt ihm auch etwas verschmitztes. Verschmitzt zu schauen scheint hier das Gebot der Stunde zu sein. Ausserdem hat er dauernd den linken Arm im Kreuz. Gern würde ich ihm Tipps gegen Rückenschmerzen geben.  

Die Tische sind entlang einer Wand ganz aus Glas aufgestellt, was nicht so ganz zur sonst allgegenwärtigen Diskretion des Ortes passen will. Aber diese Aussicht konnte man einfach nicht zumauern. Etwas erhöht sitzend, blickt man auf eine der Anlegestellen für Schärenboote, wo auch jetzt, um 21:00, noch Betrieb herrscht. Dann ein schmaler Streifen Schärenwasser, und dahinter direkt der königliche Palast in seiner ganzen Wucht, kolossal, wehrhaft, einschüchternd, nordisch. Versailles ist herrlich weit weg.

14 Dezember, 2007

Werde Schwede, kaufe schwedisch!

Veröffentlicht in Schweden-Attraktionen, Typisch schwedisch, Wirtschaft um 2:51 nachmittags von Burkhard

Ich möchte nochmal ein Thema aus dem letzen Eintrag aufgreifen: der patriotische Einkauf. In immer stärkerem Maß bevorzuge ich beim Einkauf skandinavische Produkte, ersatzweise deutsche Produkte. Voraussetzung ist und bleibt allerdings, dass die Produkte ein gutes Preis-Leistungsverhältnis aufweisen. Dies ist allerdings meistens kein Problem. Ich halte das Klischee für Quatsch, dass der Käufer inländischer Produkte sozusagen ein finanzielles Opfer zur Stärkung der lokalen Wirtschaft bringen muss. Stimmt nicht! Bei sehr vielen Produktgruppen sind lokale Produkte sehr wohl konkurrenzfähig, zumindest ab mittlerer Qualität aufwärts. Nur wen sein Geldbeutel zu Billigwaren zwingt, der wird bei asiatischen Produkten landen, aber da wird die Qualität dann auch dem Preis entsprechen.   

Meine Veränderung in dieser Hinsicht hat sicher mehrere Gründe. Zum einen brauche ich nicht mehr wie noch in Studententagen nur das Billigste zu suchen. Ausserdem hat die Konkurrenzkraft europäischer Produkte auch wieder zugenommen. Heutzutage würde ich sogar ein deutsches Auto in Betracht ziehen. (Das sagt ein Honda-Fan, der für das Preis-Leistungsverhältnis deutscher Autos jahrzehntelang nur Verachtung übrig hatte.) In Zeiten der Globalisierung nehme ich die Notwendigkeit, die eigene Wirtschaft zu stützen, stärker wahr als früher. Ausserdem aber, und jetzt sind wir endlich beim Schwedenblog, hat es auch etwas mit Identifikation zu tun, nach dem Motto: Fühl Dich wie ein Schwede, besitze ein schwedisches Produkt! Konsum als Identifikationsfaktor. Man kann natürlich nörgeln und sagen, dass es bessere und billigere Wege zur Integration gibt als ausgerechnet Konsum. Stimmt, aber ich stelle ja auch einfach nur fest, dass Konsum eine gewisse Identifikationskraft hat.  

Ich meine, gegen meine neu-norwegischen Freunde bin ich ja ein Waisenknabe. Als die eine neue Hifianlage suchten, kam nur Electrocompaniet in Frage, die in ihrem Nachbarort hergestellt werden. Kenner wissen, was das heißt. Hier meine vergleichsweise bescheidene Wunschliste skandinavischer Produkte:  

  • Sowohl Schweden als auch Deutsche können gut mit Eisen umgehen. Als Outdoor-Messer hätte ich gern mal eins von EKS (aus Eskilstuna nahe Stockholm), oder gar die Legende: Fjällkniven F1.
  • Und weiter Outdoor: The North Face ist cool. Keine Frage. Aber Haglöfs ist cooler. Fjällräven auch. Fjällräven mag ich, seit ich mal ein beeindruckendes Interview mit dem schwedischen Gründer gelesen habe.
  • Schwedische Glaskunst: Sowieso unübertroffen.
  • Kleidung: Nun, ich bin ja nur sehr vorübergehend ein Fashion Victim, und meine Nudie Jeans reicht mir erst mal. Aber Mode ist hier wichtig, und Kopenhagen hat Paris als Modehauptstadt für junge Leute sogar überholt. Auch schwedische Designer haben was zu bieten, auch wenn sich einige unnötigerweise hinter französischen Namen verstecken, siehe L’ecole national.
  • Audioprodukte: Skandinavier sind begnadete Audiobauer. Besonders die Dänen: Dynaudio-Lautsprecher sind im mittleren Preisbereich für mich preis-leistungsmäßig nicht zu schlagen; Scanspeak-Chassis sind legendär.

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