02.21.07
Die Gefängnisinsel
Heute sind wir über Langholmen spaziert. Dies ist die ehemalige Gefängnisinsel Stockholms. Die großen Gefängnisgebäude wurden in eine sehr feine Jugendherberge und ein tolles Hotel umgewandelt. Die Zimmer sind die ehemaligen Zellen. Das angeschlossene Restaurant gehört zur Luxusklasse. Ein Knastmuseum gehört auch dazu. (Die letzte Exekution in Schweden fand auf Langholmen im Jahre 1910 statt, mittels einer einer dafür eigens aus Frankreich angeschafften Guilliotine). Die Insel war ursprünglich nur ein kahler Fels im Meer, aber jetzt ist sie sehr grün, da die Gefangenen die Felsen mit Erde bedecken mussten – jetzt wachsen dort Wälder.
Afrikanische Restaurants am 59. Breitengrad; Luxushotels in Knastzellen. Kontraste sind das Salz in der Suppe, und unser Bedarf an Kontrasten wird hier derzeit bestens befriedigt.
02.20.07
Äthiopier, die zweite
Wir sind neulich ins Abyssinia gegangen – ihr wisst schon, der Äthiopier um die Ecke. Ich lästere nie wieder über die äthiopische Küche – es war lecker, sehr reichlich, relativ preiswert, und die Atmosphäre stimmte. Besteck gab es keins, man nimmt das Essen mit kleinen Fladenstückchen auf und steckt es sich in den Mund. Diese Essweise erinnerte mich an das Restaurant ‚Im Herzen Afrikas‘ in Frankfurt. Allein wäre ich in den Laden nie reingegangen, aber mein damaliger unerschrockener australischer Projektkollege hat es entdeckt. Der Laden ist tatsächlich komplett mit Sand ausgelegt; man sitzt auf niedrigen Bänken fast auf dem Boden und mampft mit den Fingern leckeres Essen aus Gemeinschaftsschüsseln.
02.19.07
Winterdreck
Für die von Euch, die es mittlerweile unglaubwürdig finden, dass ich immer nur Gutes aus Schweden berichte, soll auch mal was Negatives vermerkt werden. Also bitte schön: im Winter sind die skandinavischen Städte wirklich ganz schön dreckig. Zum großen Teil ist das sicher der Witterung geschuldet. Man streut die Strassen und Gehwege mit braunem Schotter, und das über Monate. Das heißt, in Stockholm liegen Hunderte, wenn nicht Tausende von Tonnen fein verteilten braunen ‚Drecks‘. Wenn ich eine Stadt absichtlich verschmutzen sollte, würde ich es kaum anders anfangen. Entsprechend sehen die Gehwege, Hausfassaden, Treppenhäuser aus. Natürlich wäscht hier auch keiner sein Auto – das tue ich auch nicht, es lohnt sich im Winter einfach nicht. Bei jedem zweiten Auto ist das Heck so braun, dass bei der Nicht-Lesbarkeit des Nummernschildes jeder deutsche Bulle die Schnappatmung kriegen würde.
02.18.07
Das Motivationsseminar
Das Umhegen und Umpflegen der Mitarbeiter hat beim Arbeitgeber meiner Frau mittlerweile Ausmaße erreicht, wie ich sie zuletzt in den IT-Firmen während des Internetbooms Ende der Neuziger Jahre erlebt habe. Die Motivations- und Weiterbildungsmaßnahmen waren im Februar so zahlreich, dass die Mitarbeiter darum bettelten, an den Schreibtisch zurückzudürfen – die Arbeit stapelte sich. Ein dreitägiges Motivationsseminar fand auf der Fähre nach Oslo statt und wurde von einer Firma durchgeführt, die zwei Hauptanforderungen an jeden ihrer Trainer stellte: a) er/sie muss einen akademischen Hintergrund haben, und b) er/sie muss eine Goldmedaille bei den olympischen Spielen gewonnen haben. Noch eine Firma, die vermutlich ihre offenen Stellen nur zäh besetzen kann. Jedenfalls hat ihr das Seminar sehr gut gefallen, bis auf den Abend, an dem der Seegang so stark war, dass alle statt am Luxuxbuffet an der Schiffsrezeption angestanden haben, wo kostenlose Tabletten gegen Seekrankheit ausgegeben wurden.
02.17.07
Im Sprachkurs
Dies ist sozuagen der letzte Blog im ‚Ausnahmezustand‘. Wenn ich am Montag meinen Job antrete, wird uns der Alltag komplett eingeholt haben. Irgendwo schade, irgendwo aber auch ok so.
Samstags gehen wir jetzt immer in die Sprachschule. Ein buntes Trüppchen: ausser uns sind es noch Katharina (Polen), Elena (Bulgarien), Dara (Thailand), Nicolas (Frankreich), Ramojus (Litauen), Peter (Deutschland), Rachel (Irland), Roen (?) (Jordanien) sowie Susan und Zach (USA). Die Altersspanne reicht von Ramojus (noch Schüler) über Mittzwanziger bis zu uns, die wir schon lange im Arbeitsleben stehen. Alle finden in Schweden ihre Chancen.
Peter ist ein junger Uhrmacher aus Münster. Seine Firma, so erzählte er, hatte schon vor seinem Weggang zwei Uhrmacherstellen, die sie nicht besetzen konnte. Insgesamt fehlt es in Deutschland derzeit an 600 Uhrmachern. Bei dieser Arbeitsmarktlage kann ein guter Mann wie er es sich leisten, sich eine Weile die Welt anzuschauen. Auch die HSH sucht händeringend gute Leute, genau wie Unilog oder Airbus. Qualifizierte Leute –verzweifelt gesucht. Also irgendwas klappt in Deutschland nicht bei der Aufgabe, Arbeitssuchende auf das Qualifikationsniveau zu bringen, dass tatsächlich von den Unternehmen nachgefragt wird. Sind die Leute faul und dumm geworden? Bildet die Wirtschaft nicht genügend aus? Stimmen die Schulen und die anderen staatlichen Rahmenbedingungen nicht? Ich fürchte, alles drei stimmt ein bisschen.
02.02.07
Erste Schritte
Fitnessmäßig habe ich mich für das Erikdalsbadet entschieden, da es ganz in der Nähe unserer Wohnung liegt. Es ist in erster Linie ein städtisches Schwimmbad, bietet aber auch ein Fitnessstudio. Als Wettkampfbad ist es wirklich groß: drinnen gibt es ein 50-m-Becken und zusätzlich ein 25-m-Becken, beide mit Tribünen. Dazu noch eine Spaßbadabteilung mit Rutschen und so; weiterhin ein Becken mit dem schönen Namen ‚Hoppbassäng‘ (was wird das wohl sein?). Die Größe ist den sportbegeisterten Schweden aber auch angemessen: im Studio gibt es allein 22 Laufbänder in einer Reihe nebeneinander, aber glaubt bitte nicht, dass da um 7 Uhr abends eins frei ist!
Vor ein paar Tagen kam die Set-Top-Box unserers Kabelfernsehens. Die Programmauswahl ist enttäuschend: Man kann zwar unter 120 Programmen wählen, aber es sind nur die beiden deutschen Programme ZDF und 3sat dabei. Andere schwedische Kabelfernsehprovider bieten da mehr, aber man kann sich den Provider leider nicht aussuchen, denn sie haben sich regional aufgeteilt. Da mir die Installation einer Sat-Schüssel hier zu aufwändig wäre, werden wir also 16 Euro im Monat für acht Pay-Programme zahlen, von denen nur diese beiden Programme deutschsprachig sind. Viel Geld für einmal täglich heute-journal.
Aber egal, umso mehr Motivation, am Schwedisch zu arbeiten. Meine Frau und ich haben eine neue Art gefunden, ‚Wer wird Millionär?‘ zu schauen. Die Frage wird ja vom schwedischen Moderator nicht nur vorgelesen, sondern sie erscheint auch im Text unten am Bildschirm. Für uns ist nun weniger interessant, ob A,B,C oder D richtig sind, sondern wir üben uns erst einmal darin, überhaupt die Frage zu verstehen. Dabei ist das gleichzeitige Schriftlich-sehen und das Vorlesen sehr hilfreich – das reinste Sprachlehrprogramm, diese Sendung. Überhaupt ähneln die schwedischen Unterhaltungsprogramme den deutschen; und wer sich beim deutschen ‚Let’s Dance‘ langweilte, wird es auch hier tun. Wobei, die Moderatoren sind hier vielleicht etwas weniger behäbig als Herr Kerkeling (nichts gegen Hape Kerkeling, aber eine Tanzsendung ist vielleicht dann doch nicht so sein Ding).
Ausgehtechnisch sind wir noch nicht sehr weit gekommen. Wir hatten uns von einer Website dazu verführen lassen, zum ‚Ost 100‘ zu gehen, aber man soll eben keinen drei Jahre alten Ausgehtipps trauen: der Laden hatte zu. Also sind wir beim nächsten besten Griechen gelandet, wo es relativ günstig Berge von Essen gab, ziemlich fett und mit viel Fleisch – so kennt man es beim Griechen. Ganz in unserer Nähe ist ein Äthiopier, den wir auch einmal probieren müssen. Wobei, ich war erst einmal im Leben bei einem Äthiopier, und da gab es natürlich Fladen, kalt, fade schmeckend und nicht genug, um satt zu werden. So habe ich mir die ethiopische Cuisine immer vorgestellt. Trotzdem, probieren werden wir das Abyssinia mal. Ansonsten werden wir das Metro probieren, auf obiger Site direkt über dem Ost 100 beschrieben. Das gibt es definitiv noch, ist sogar bei uns um die Ecke, und macht von außen den Eindruck einer coolen Lounge. Schließlich gibt es dann noch die München-Brauerei, aber das Ding ist sehr groß, eher was für Veranstaltungen. Die Straßenadresse finde ich passend: Torkel Knutssonsgatan 2.
Der Arbeitgeber meiner Frau ist Mitglied der deutsch-schwedischen Handelskammer und hat dort vor kurzem ein Seminar veranstaltet. Da sie leider verhindert war, hat sie mich hingeschickt. Fünfzig Leute in dunklem Zwirn waren da, und obwohl die Wirtschaft nicht mein Kerninteresse ist, fand ich die Vorträge des Volkswirts interessant, nicht zuletzt, weil sie ein durchaus optimistisches Bild der deutschen Wirtschaft zeichneten (Titel der Präsentation: ‚From Doom to Bloom‘). Ein freundlicher älterer Herr mit Krückstock wurde besonders hofiert – es war der deutsche Botschafter, Dr. Trautwein. Prominenz gibt es dort oft, zum Neujahrsfrühstück 2007 war sogar der Bundeswirtschaftsminister angereist.