03.24.07
So ist er, der Schwede an sich
Ich werde oft gefragt, wie sie denn so sind, die Schweden. Schwierige Frage, denn von der Beschreibung einer Mentalität ist es immer nur ein winziger Schritt zum Klischee. Dennoch will ich eine erste Annäherung versuchen. Nehmen wir doch ein typisches schwedisches Paar, Kjell Olsson und seine Frau Åsa.
Wer die Olssons verstehen will, schaue sich das Land an! Wie ist die Landschaft, das Klima, die Historie, die geopolitische Lage? Das ist die leichteste und wie ich meine auch richtigste Art, etwas über die Menschen zu erfahren. Nun, Schweden ist groß, ist sehr dünn besiedelt, ist nördlich gelegen mit harschem Klima und dunklen Wintern, ist ländlich geprägt, hat wenige Nachbarn und war meist eher am Rande der globalen oder auch nur europäischen Aufmerksamkeit. All dies hat die Olssons geprägt.
Sowohl Kjells als auch Åsas Familien kommen vom Lande, aus winzigen Dörfern in einer dünn besiedelten Region Dalarnas, einer Landschaft in Mittelschweden. Ihre Eltern leben noch dort, aber Kjell und Åsa sind nach Stockholm gezogen.
Wie alle echten Landjungen ist Kjell ziemlich autoverrückt. Als Kind war sein Reiseradius durch sein Fahrrad bestimmt – wie sehnte er sich als Jugendlicher den Führerschein herbei! Im Winter fährt Kjell einen Toyota Prius, wie mittlerweile so viele Stockholmer – er ist als umweltfreundliches ‚Miljömobil’ auch praktisch steuerfrei. Im Sommer genießt Kjell aber seinen brandneuen Audi TT. Nichts gegen schwedische Autos, findet Kjell, aber wer es sich wie er leisten kann, fährt ein sportliches deutsches Auto. In einer Großstadt wie Stockholm sind beide Autos eigentlich weitgehend überflüssig, aber Kjell liebt Autos nun mal.
Åsa ist weniger Auto- als vielmehr ziemlich kommunikationsverrückt. Sie bekommt das Handy kaum vom Ohr. Mit Leuten zu reden und zu Leuten fahren zu können ist ein großer Wert und ein großes Vergnügen, wenn man wie sie aus einem einsamen und dünn besiedelten Landstrich kommt.
Wo es wenige Menschen gibt, rückt man auch gern zusammen und sucht die Nähe der anderen menschlichen Wesen. Wenn nur sehr wenige Menschen da sind, ist jeder für den anderen wichtig, früher sogar manchmal überlebenswichtig. Die Olssons können sich eine Wohnung mit einem großen Wohnzimmer leisten, aber eigentlich genießen sie das gar nicht. Dagegen freuen sie sich immer riesig darauf, in ihre kleine Hütte auf dem Lande zu fahren uns sich den Platz dichtgedrängt mit Freunden und Familienmitgliedern zu teilen.
Durch diesen ländlichen Hintergrund sind die Olssons gemeinschaftlichen und letztendlich auch sozialistischen Gedanken durchaus zugetan. Jeder in der Gemeinschaft ist wichtig und keiner ist mehr wert als der andere. Natürlich sind die Olssons keine reinrassigen Sozialisten, aber Gemeinschafts-Werte sind immer noch ein wichtiger Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Dazu gehört eine gewisse Bescheidenheit. Früher war es wohl sogar ziemlich verpönt, wenn Wohlhabende zu sehr zeigten, was sie haben. Heute ist das nicht mehr so stark wie früher der Fall, schon gar nicht in Stockholm. Heute fährt Kjell ohne schlechtes Sozialgewissen mit seinem Audi herum. Allerdings achtet er dabei stark darauf, dass er bei den Anderen nicht so rüberkommt, als hielte er sich deshalb für was Besseres. Er checkt auch gern im Luxushotel ein, aber einen Befehlston gegenüber dem Rezeptionisten würde er sich nie erlauben.
Weil in einer kleinen, ländlichen Gesellschaft jeder wichtig ist, ist auch Toleranz gefragt. Kjell hat die Einstellung, dass jeder dazugehört, auch wenn er anders ist oder ihm nicht besonders gefällt. Zum Beispiel ist es bis heute unangemessen für ein schwedisches Schulkind, nur seine besten Freunde zum Geburtstag einzuladen, es muss die ganze Klasse sein (oder mindestens alle Jungs bzw. Mädels). Einzelne dürfen nicht ausgegrenzt werden. Kjell sagt immer, in keinem Land der Erde kann jemand so lange Aussenseiter sein, ohne es zu merken, wie in Schweden. Aussenseiter werden eben irgendwie mit dazugepackt, man versucht es zumindest. Es gibt da auch eine Toleranz gegenüber der Privatsphäre, die anders ist als in anderen Ländern. Wenn sich zum Beispiel hier ein Mitglied der Königsfamilie scheiden lässt, so geht davon die Welt nicht unter. Åsa würde dazu sagen: „Sein Eheleben und die Scheidung ist seine Privatsache. Unabhängig davon kann er unser Land gut repräsentieren.“ Dieses Leben-und-leben-lassen führt jedoch auch dazu, dass es für Einwanderer ziemlich schwierig ist, sich mit Schweden anzufreunden. (Doch dazu schreibe ich später mal mehr).
An den langen, dunklen Wintern stellt sich bei den Olssons eine gewisse Melancholie ein. Sie hören dann schwedische Volkslieder, die diese eigentümliche Stimmung so gut einfangen können. Bei dieser Musik sitzen die Olssons an langen Winterabenden vor dem Kamin. Sie sinnieren über dies und das oder lesen, was ganz nebenbei ihrer Bildung gut bekommt. (OK, heute ist auch viel Fernsehen dabei. Das macht die Schweden dümmer, nicht so sehr, weil Fernsehen so viel Dummes verbreitet, sondern weil es den Leuten so viel Zeit für Klügeres stiehlt.) Oft blicken die Olssons aber auch nur gedankenverloren ins Feuer und warten auf das Licht des Frühlings. Eine gewisse Ruhe, eine Schwere, ein Ernst stellt sich dann ein. Sie sind nicht todtraurig, aber alles hat eben einen Schuss Melancholie.
Extreme sind den Olssons eher unangenehm, und dazu zählen auch extreme Emotionsäusserungen. Gestern war eigentlich ein schlechter Tag, dann jemand ist auf Kjells Audi aufgefahren, ganz klar seine Schuld. (Schwedischer wäre es übrigens zu sagen, der
Tag war ,inte så bra’, nicht so gut.) Dennoch hat Kjell nicht rumgebrüllt und wild gestikuliert. Er blieb beherrscht und tauschte höflich die Versicherungskarte mit dem Unfallgegner aus. Da konnte man beobachten, wie tief die Ruhe in Kjells Charakter verankert war, dass er in einer solchen Ausnahmesituation so ruhig reagiert hat, obwohl er sein Auto doch so liebt. Es gibt ein schwedisches Wort dazu namens ‚mellan’; es ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Es heißt ‚dazwischen’, aber auch so etwas wie ‚gemäßigt’, ‚die Extreme meidend’, ‚moderat’. Ein kluger Kopf hat einmal Schweden ‚das Land des mellan’ genannt. Schon im zweiten Weltkrieg war Schweden ja ‚dazwischen’, nämlich zwischen den Deutschen und den Russen, die bereits Finnland eingenommen hatten. Mit ein paar Kompromissen hat man es jedoch geschafft, seine Neutraliät zu bewahen und damit dem Volk den Krieg zu ersparen. ‚Das war typisch schwedisch, und das haben wir nicht schlecht hinbekommen’, denkt Åsa zufrieden und trinkt noch ein Glas Mellanmjölk (Milch mit mittelmäßig hohem Fettanteil).
(Korrektur 06.04.: Das hatte ich missverstanden, das Wort ist lagom, nicht mellan. Semantisch ist das aber nicht so weit weg, es heisst nämlich passend, angemessen, mit Maßen, gerade richtig. Also auch ein Wort der ‘Mittellage’, das die Extreme meidet.)
So eine Gelassenheit wächst auch, wenn man seit 200 Jahren keinen Krieg mehr gekannt hat.
Dazu kommt noch die gute wirtschaftliche Lage. In jedem Schweden ist heute tief verwurzelt, dass das Leben sicher ist und alles schon irgendwie weitergeht und gut wird. Letztes Jahr war plötzlich Kjells Job weg – na und? Da suchte er sich eben einen neuen. Vielleicht sind die Olssons auch ein wenig zu cool – sie haben noch nicht so recht angenommen, dass viele Probleme heute globaler Natur sind. ‚Wir hier in Schweden werden unser Leben schon leben und unsere Problem in den Griff bekommen’, denkt Kjell. In der Zeitung liest er zunächst 30 Seiten Schweden-Nachrichten, überschlägt dann die 1-2 Seiten Weltnachrichten und widmet sich dann den folgenden 25 Seiten mit Sportnachrichten.
Åsa hat neulich mal einen Deutschen kennengelernt, Max Mustermann. Den fand sie nett, aber auch etwas merkwürdig. Dabei war er gut frisiert und entsprach eigentlich gar nicht dem schwedischen Klischee, demzufolge die Deutschen schlecht frisiert sind und gern mit Schnäuzern und Vokuhilas daherkommen. Ihr war nicht bewusst, dass man eben auch bei den Deutschen, genau wie bei ihr, viel aus der Landschaft, dem Klima, der geopolitischen Lage erklären kann – und daraus erwachsen eben durchaus andere Menschen. Deutschland liegt im Gegensatz zu Schweden mitten in Europa, aber vor 150 Jahren hätte man das nervöser ausgedrückt: Deutschland, hat Max’ Ur-Urgroßvater immer gesagt, ist von Feinden umgeben. Aus dieser Angst wurde Preussen zu dem, was es wurde, und daraus wiederum das zwanzigste Jahrhundert zu dem, was es war. Bis heute gibt es die „German Angst“, eine spezifische Form von diffuser Furcht, die besonderer Teil der deutschen Seele zu sein scheint – auch Max ist nicht ganz frei davon. Wer in Englisch eine unbegründete, diffuse Furcht beschreiben will, benutzt dafür das deutsche Fremdwort ‚Angst’. Åsa kam mit Max gut klar, keine Frage, so unterschiedlich sind die Kulturen nun auch wieder nicht. Aber um Max ihrem Kjell ähnlicher zu machen, müsste man ihm viel von seiner deutschen ‚Angst’ nehmen und sie duch eine großzügige Portion schwedischen ‚lagom’s ersetzen.
03.23.07
Im Restaurant
Letzte Woche war der Tag der Frühlingstagundnachtgleiche, wissenschaftlicher: das Frühlingsäquinoktium, poetischer: der Frühlingsanfang! Überall auf der Erde war der Tag 12 Stunden lang. Ab jetzt ist der Tag auf der Nordhalbkugel der Erde um so länger, je weiter man nördlich kommt. Das nächste halbe Jahr kann ich Euch also mitleidig fragen, ob es etwa schon dunkel ist bei Euch. Bevor zum Herbstanfang dann das Pendel wieder zu meinen Ungunsten umschwingt.
Das Frühlingsäquinoktium ist auch mein Geburtstag (für die Haarspalter: in drei von vier Jahren). Dies war ein normaler Werktag, aber meine Frau hat ihn dadurch zu etwas Besonderem gemacht, dass sie mich abends in ein schönes, typisch schwedisches Restaurant eingeladen hat. Zur Vorspeise gab es ‚Fünf Heringsorten mit Käse’. Das ist sehr nahe dran an der klassischen schwedischen SOS-Vorspeise: Hering, Käse und Brot („Sill, Ost och Smör“), wobei der richtige Schwede meint, dass das zweite S in Wirklichkeit für ‘Snaps’ steht. Also ließen wir uns, um den Genuss zu komplettieren, einen Schnaps dazu empfehlen (zur Vorspeise, wohlgemerkt!). Die Bedienung brachte einen Skåne-Aquavit. Der sehr milde Snaps trieb uns nicht die Tränen in die Augen, schon eher später sein Preis (8 Euro das Glas). Aus irgendeinem Grund nimmt in diesem Lokal jeder zum Hauptgang Biff Rydberg, und auch damit waren wir sehr gut beraten.
03.22.07
Finnenalarm
Ich freue mich auf jede Heimfahrt vom Büro mit dem Bus, denn dann komme ich am Anlegesteg der Viking Line vorbei. Jeden Tag um präzise 14:57 zieht die Viking Cinderella an meinem Bürofenster vorbei, und bei der Heimfahrt mit dem Bus sehe ich sie dann noch mal aus der Nähe am Anleger. Ein majestätischer Anblick. Schon eine verrückte Idee, über 4000 Tonnen Stahl den Namen Cinderella zu geben. Bei ihrer Erbauung war sie mit ihren 2734 Betten sogar die größte Fähre der Welt. Kurze Zeit nach der Viking kommt dann die Birka Paradise rein (auf ‚Fartyget‘ clicken), auch ein tolles Schiff.
Mit der Cinderella kann man für kleines Geld nach Mariehamn (auf dem Archipel Åland) und dann weiter nach Finnland fahren. Die Fährfahrt finanziert sich wohl zu einem erheblichen Teil über den Alkoholverkauf an Bord mit. Die Finnen lassen es auf der Fähre so richtig krachen, weil es dort für sie billigen Alkohol gibt. Insofern ist die Überfahrt mit der Cinderella vielleicht ein nicht ganz so erhabenes Erlebnis, wie es das Schiff von außen vermuten lässt. Trotzdem werde ich das ganz sicher mal ausprobieren, besonders, da ich zwar schon mehrfach ganz nah an Finnland dran war, es aber nie bis dahin geschafft habe.
03.21.07
Der Frühling der Rock-Opas
Vor uns liegt der Frühling der Rock-Opas. Ich dachte immer, Rock/Pop hat was mit Jugend und Auflehnen gegen das Establishment zu tun. Weit gefehlt. In Stockholm gibt es viele gute Konzerte, aber heuer hat man hier den Eindruck, dass dritte Zähne des Künstlers zur Voraussetzung für gefüllte Hallen gehören.
Hier einige der wichtigsten Rentner, die hier in nächster Zeit auftreten:
Mindestens 50 Jahre:
Lionel Richie
Mindestens 60 Jahre:
Roger Waters (Pink Floyd)
Liza Minelli
Dolly Parton (!)
Bob Dylan
Mindestens 70 Jahre:
Kris Kristofferson
Bands, die mindestens 30 Jahre alt sind:
Police
ZZ Top
Bands die mindestens 40 Jahre alt sind:
The Who (!!!)
Bands, die es beim besten Willen nicht mehr gibt, die aber künstlich beatmet werden:
The Original ABBA Orchestra
Queen Revival Concert
Gegen diese Übermacht verschwinden fast schon die Unter-Dreißigjährigen Nelly Furtados und Justin Timberlakes dieser Welt. Und dann gibt es noch so Typen wie P Diddy, die mir aber erstens herzlich unsympathisch sind und die zweitens auch schon stramm auf die Vierzig zugehen. Also dann, lösen wir eine CoregaTabs im Doppelherz auf und dann auf ins Konzert!
03.20.07
B-Baby
Die Skandinavier taufen ihre Kinder erst viele Monate nach der Geburt, oft erst ½ bis 1 Jahr danach. Warum, ist mir unbekannt. Bis dahin geben sie ihren Kindern auch noch keinen Namen, nicht mal vorläufig. Sie sind einfach das ‚Baby’. Das reicht ja in der Regel als eindeutige Bezeichnung – es sei denn, man hat Zwillinge. Derzeit hat gerade ein Kollege meiner Frau aus Finnland noch ungetaufte Zwillinge. Ihre Frage, wie er die Kinder momentan bezeichne, brachte ihn nicht aus der Fassung: „Das ist doch ganz einfach, wir nenen sie A-Baby und B-Baby!“
03.12.07
Anfangsbegeisterung eines Neubürgers
Beste Grüße aus dem wolkenlosen Stockholm!
Ich frage mich gerade, ob ich in diesen Posts zu stark so rüberkomme, als fände ich hier in Schweden alles rosig und in Deutschland alles mies. Das kann ja irgendwie nicht gut ankommen: entweder Ihr glaubt mir nicht, dann haltet ihr mich für einen Spinner; oder ihr glaubt mir, dann müsste es Euch deprimieren, in Deutschland zu wohnen; oder ihr identifiziert Euch mit Deutschland, dann müssten die Mails Euch ärgern und zum Widerspruch provozieren.
Natürlich liegt die Sache etwas anders. Zum Einen ist da natürlich derzeit noch die ‚Anfangsbegeisterung’. Man neigt dazu, zunächst die positiven Dinge zu sehen und begeistert zu sein. Diese Begeisterung möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Typischerweise kommt dann nämlich nach einigen Monaten eine Tiefphase, in der man auch die schlechten Seiten der Entscheidung kennenlernt. Erst danach arbeitet man sich, wenn alles gut geht, auf eine beruhigte und hoffentlich insgesamt positive Grundstimmung hoch. Dies haben wir in Amerika erlebt, und es geht fast allen in unserer Lage so – unsere Kulturtrainerin für Schweden konnte dazu sogar Kurven aufmalen und Lektüre zitieren (Stichworte: tourist phase / culture shock / adjustment).
Zweitens öffnet die Auslandserfahrung auch die Augen für das eigene Land – nicht zuletzt darum geht man ja fort. So sieht man hier wie unter einer Lupe die Schwächen Deutschlands, und andersherum nimmt man die Schwächen Schwedens wahr wie vielleicht mancher Einheimische nicht. Man träumt sich dann ein Land zusammen, das die Stärken beider Länder verbindet, und läßt Ausreden nicht gelten – man sieht ja mit eigenen Augen, was möglich ist. Das kann dann dazu führen, dass man den Deutschen mal ein paar klare Worte über die Mißstände in Deutschland sagt, während man einem Schweden gegenüber betont, was hier alles mies ist. In Amerika habe ich mich ein paarmal dabei ertappt, dass ich den Amerikanern dauernd von Deutschland vorschwärmte und den Deutschen von Amerika. Diese Erfahrungen eines Reisenden können natürlich interessant sein, aber man muss auch aufpassen, nicht zu negativ daherzukommen. (Kritik ist wie Mist: Dosiert angewendet, düngt sie das Feld, aber in zu großen Mengen verwendet, liegt sie einfach nur auf einem Haufen und stinkt.)
Ich stehe in sporadischem Kontakt zu einem Deutschen, der ernsthaft nach Schweden auswandern möchte und in einem Internet-Blog darüber schreibt. Es klingt bei ihm so ein wenig eine In-Deutschland-ist-alles-Scheiße-nix-wie-weg-Mentalität durch. Es mag überraschen, aber ich halte eine solche Einstellung für eine schlechte Basis, um ins Ausland zu gehen. Deutschland ist eines der reichsten, freisten und besten Länder der Erde. Wer das vergißt, kann doch gar nicht anders als enttäuscht von einem anderen Land sein. Wer hofft, anderswo hundertmal bessere Verhältnisse vorzufinden, hat offensichtlich etwas zu rosige Vorstellungen von dem Leben auf dieser Welt.
Ich wage die Gegenthese: wer im Ausland bestehen will, braucht ein gereiftes Verhältnis zu Deutschland. Er muss insbesondere auch die Vorteile Deutschlands sehen und schätzen. Er darf nicht erwarten, dass im Ausland alles, was in Deutschland gut ist, genauso gut ist, und dann noch einiges mehr. Wer aus einem guten Land wie Deutschland weggeht, macht einen Tauschhandel, gibt Gutes auf und gewinnt Gutes dazu, wird Schlechtes los und muss sich dafür mit anderem Schlechten abfinden. Wer das begreift, hat bessere Chancen, nicht enttäuscht zu sein im Ausland. Ein Land, das unter dem Strich besser ist als Deutschland, ist schwer zu finden – am ehesten noch kleine Staaten wie Luxemburg oder die Schweiz (vielleicht auch in gewissem Maße Schweden, das ja nur geographisch gesehen ein großes Land ist). Dafür, möchte ich behaupten, gibt es mindestens 175 Länder auf Erden, die objektiv schlechter sind als Deutschland. Um die zu finden, muss man nicht bis in den Kongo reisen. Ein Exkollege von mir hat z.B. in Spanien gelebt und davon erzählt – glaubt mir, dieses Land eignet sich nur zum Urlaubmachen.
Es geht also nicht darum, das Paradies zu finden. Es geht darum, den eigenen Horizont zu erweitern. Es geht darum, als Fisch mehr über das Wasser zu lernen, in dem man schwimmt. Schließlich geht es möglicherweise darum, ein Land zu finden, das einem selbst mehr liegt. Nicht ein in Summe besseres Land, aber vielleicht eins, das den eigenen Stärken, Wünschen oder Charakterzügen eher entgegenkommt. Manchmal gelingt das, und diese Leute sind dann die ‚für-immer-Bleiber’. Aber das muss nicht passieren, um den Auslandsaufenthalt zu einem Erfolg zu machen. Es ist in Ordnung, wenn jemand für zwei Jahre zu tibetischen Mönchen geht, dann aber doch zurückkehrt, weil er aus der Nähe betrachtet auch die Nachteile dieser Lebensform kennengelernt hat. Trotzdem werden ihn die zwei Jahre sehr bereichert haben. Häme nach dem Motto „Ich hab ja gleich gewusst dass der irgendwann zurückkommt“ ist dann dumm und fehl am Platz. Nur sehr, sehr wenige der Tibetkloster-Geher finden dort ihren wahren Platz und bleiben für immer. Und das ist dann natürlich auch toll, wenn jemand seinen Platz findet.
03.11.07
Trip nach Deutschland
Am vergangenen Wochenende war ich übrigens geschäftlich für 48 Stunden in Deutschland. Diese Reise hatte ein merkwürdiges Timing für mich. Nachdem man hier die allerersten zarten Wurzeln schlägt, fühlte sich irgendwie verkehrt an, jetzt nach Deutschland zu fahren,. Dabei freue ich mich auf Deutschland und meine Besuche dort. Die Zeit war noch nicht reif.
Was soll’s, man ist ja flexibel. Man bekommt in Stockholm alles, was das Herz begehrt, aber gewisse Produkte sind teurer, insbesondere Produkte deutscher Hersteller. Also hatte ich nach Deutschland einen Einkaufzettel mitgebracht, mit Dingen darauf wie Elmex Gelee, Dr. Hauschka Tönungscreme und deutschen Aktenordnern (die Schweden lochen anders als wir). Ausserdem lesen wir gern Krimis, die in Schweden spielen; so habe ich (etwas absurd) in Deutschland deutschsprachige Krimis schwedischer Autoren gekauft. Am Schluss waren zehn Bücher zusammengekommen. (Unser Top-Tipp: Stieg Larsson, ‚Verblendung’, jetzt auch als Taschenbuch!)
Ich wohnte im Hotel ‚Waldhaus Reinbek’, dessen erstklassiges Restaurant ich im Rahmen des Schlemmersommers kennengelernt hatte. An meiner Zimmertür hingen Messingschilder mit den Namen der B-Prominenten, die in diesem Zimmer schon genächtigt hatten: DJ Ötzi, Torsten Frings und so weiter. Deswegen habe ich aber auch nicht besser geschlafen.
Ehe ich mich versah, war ich schon wieder im Flieger zurück. Der Flug, den Ryanair dreisterweise Hamburg – Stockholm nennt, müsste korrekterweise Lübeck – Nyköping heissen – ein Provinzflughafen hüben wie drüben. Beim Ausstieg senkte sich gerade die Nacht über die Landebahn. Das Weiss des verschneiten Vorfelds, das Dunkelblau des Himmels, das Schwarz der Wälder am Horizont – ein ganz klein wenig fühlte es sich an wie nach Hause kommen.
03.05.07
Blamage für Deutschland
Montag haben sich die Deutschen hier in Schweden mächtig blamiert. In der S-Bahn lesen alle Leute eine kostenlose ‚Metro’-Zeitung. Die dicke Schlagzeile auf der Titelseite am Montag war: ‚Heftige Debatte in Deutschland über Schwedische Kindertagesstätten’. Es hatte am Vorabend eine Diskussion im deutschen Fernsehen (wohl bei Christiansen?) dazu gegeben. Dort hatte eine Soziologin jedes dritte Kind in einer Kita als gestört bezeichnet. Ein Bischof Mixa hatte gesagt, dass Kitas Frauen zu Gebärmaschinen degradieren. Kitas wurden mit dem Blick auf Länder wie Schweden als ‚sozialistische Verwahrung’ bezeichnet.
2/3 der schwedischen Kinder sind oder waren in Kitas, sie machen die aktuelle Geburtenrate hier überhaupt erst möglich. Die Schweden sind stolz darauf und fühlen sich durch die Diskussion aufs Äußerste provoziert. Eine schwedische Soziologin wurde zitiert, nach der Kita-Kinder erwiesenermaßen sowohl sozial als auch schulisch besser abschneiden als Nicht-Kita-Kinder. Jeder Pädagoge, aber auch jede Mutter, jeder Vater und jeder Politiker hier wird nach diesem Artikel die Deutschen für komplett unzurechnungsfähig halten. Auch meine Sitznachbarin im Büro sah das so; sie konnte nicht begreifen, dass in Deutschland öffentlich ernst gemeinte Diskussionen mit Vertretern solcher Ansichten überhaupt geführt werden.
03.04.07
Kirchen in Stockholm
Dann möchte ich über zwei Kirchenbesuche berichten. Eine der Hauptattraktionen mitten in der Altstadt ist die große Tyska Kyrkan, die Deutsche Kirche. Wir hatten gehört, dass hier ein reges Leben einer deutschsprachigen Gemeinde stattfindet. Die Kirche ist evangelisch und lehnt ihren Ritus an die ebenfalls reformierte ‚Schwedische Kirche’ an.
Die Kirche ist üppig-barock ausgestattet. Der Gottesdienst (in deutscher Sprache) war auch relativ gut besucht, leider allerdings mit der evangelisch-üblichen Mischung aus 95% Senioren und 5% sexuell frustrierten Jugendlichen. Unser Alter fehlte komplett. Anschließend gab es im Gemeindehaus die Verabschiedung der langjährig tätigen Gemeindesekretärin. Wie in Enklaven häufig, ging es hier deutscher zu als in Deutschland. Kaffee und Kuchen, warmherzige Ansprachen ohne Ende vom Kirchenvorstand bis zur Häkelgruppe. Ich musste zwischendurch zum Fenster hinausschauen, um festzustellen, ob ich gerade wirklich mitten im Zentrum Stockholms saß.
Aber leider ist auf Grund der Altersstruktur bei der Tyska Kyrkan für uns bekanntschaftsmäßig wohl nicht viel drin. Das kannten wir aus unserer Zeit in Amerika anders, wo wir in der Kirche einige unser interessantesten, gleichaltrigen Freunde gewinnen konnten.
Die katholische Kirche ist sehr klein, da nur 1% der in Schweden lebenden Menschen katholisch sind. Dies sind wohl praktisch zu 100% Einwanderer, da die Schweden, wenn sie überhaupt religiös sind, der Schwedischen Kirche angehören, die übrigens erst am 1.1.2000 ihren Status als Staatskirche verlor. Bei den Katholiken findet in Stockholm neben den schwedischen Messen auch wöchentlich je eine Messe in italienisch, in polnisch und in englisch statt.
Also wanderte ich Sonntag abend zur englischsprachigen katholischen Messe. Das war ein sehr merkwürdiges Erlebnis. Dies waren nun also von dem kleinen 1% der katholischen Einwanderer nun der noch kleinere Rest, der nur schlecht schwedisch und kein italienisch oder polnisch sprach. Im Klartext: es waren ungefähr 250 Menschen wirklich aus aller Herren Länder. Vielleicht ¼ war hellhäutig. Von den vier Meßdienerinnen waren nicht zwei von derselben Hautfarbe. Auch von der Altersstruktur her war es extrem gemischt. Es gab junge schwarze Hünen mit dicken Goldkettchen genauso wie ältere zierliche Asiatinnen.
Die moderne Kirche war schlicht und komplett ungeschmückt – der erste Fastensonntag. Auch der Ritus war karg und der Fastenzeit angepasst. Eigentlich mag ich ja am katholischen Ritus seine feierliche Sinnlichkeit. Vertauschte Welt, wenn man den barocken Überfluß der Tyska Kyrkan mit der Askese der katholischen Kirche verglich. Luther hätte sich im Grabe herumgedreht.
Mich hat die Frömmigkeit dieser Leute beeindruckt. Hier ging keiner hin, weil sonst der Nachbar dumme Sprüche klopft. Nach der Messe blieben viele noch zum Beten. Vor der unscheinbaren Madonna reihten sich bestimmt 25 Leute auf, um eine Kerze anzuzünden. Eine Frau betete inbrünstig und berührte dabei den Fuß der Madonnenstatue. Eine andere war zum Altar hinaufgegangen und kniete direkt vor dem Allerheiligsten nieder. Diese Leute suchten hier Halt und Sinn im Leben. Es war ihnen ernst. Aus Deutschland kenne ich das so nicht.
03.03.07
Krank sein in Schweden
Letzte Woche konnte ich erste Erfahrungen mit einem Gesundheitssystem machen, das weder Arztpraxen noch Krankenversicherungen noch Rezeptblöcke kennt.
Das System ist im Wesentlichen steuerfinanziert. Man zahlt ca. 15 Euro pro Besuch aus eigener Tasche, der Rest kommt vom großen staatlichen Steuertopf. Gewisse Dinge kann man privat zusatzversichern, aber eine Krankenversicherung wie in Deutschland gibt es nicht.
Sobald man registriert ist, bekommt man einen Arzt zugewiesen. Der ist erst einmal aufzusuchen, bei Bedarf wird man dann von ihm oder ihr an einen Spezialisten weiterverwiesen. Aber eine freie Arztwahl gibt es nicht.
Die Ärzte haben auch keine separaten Praxen, sondern die Gesundheitsversorgung findet aus den Krankenhäusern heraus statt, in denen die Ärzte ihre Behandlungsräume haben. Das ganze ist sehr gut organisiert; überall muss man die in Schweden ohnehin allgegenwärtigen Nummernzettel (Nummerlapp) ziehen und wird dann aufgerufen: einen roten Nummerlapp am ärztlichen Empfang, dort bekam ich einen grünen Nummerlapp für den Arzt selbst, später brauchte ich einen gelben Nummerlapp für das Blutabnehmen bei der Krankenschwester. Es gab auch noch blaue Nummerlapps, keine Ahnung wofür. Wer es nicht mehr packt, bekommt sicher einen schwarzen Nummerlapp für die Abholung durch den Bestatter.
Papierrezepte gibt es nicht mehr; vielmehr tippt der Arzt die Verschreibung in seinen Computer ein, wonach man das Medikament durch Vorzeigen des Passes bei jeder Apotheke Schwedens abholen kann.
Insgesamt ist die schwedische Versorgung Weltklasse, es gibt insbesondere sehr gute Spezialisten. In meinem Reiseführer stand, dass die Atmosphäre teilweise schon sehr nüchtern ist, die Ärzte aber qualifiziert und die technische Ausrüstung auf dem neuesten Stand. Nun, meine Stichprobe bestätigt jedenfalls diese Aussage. Leute, die in der Arztpraxis allerdings Wellnessurlaub machen wollen, mit klassischer Musik im Wartezimmer und so, werden hier aber wohl nicht glücklich. (Finde ich gut, wer sowas braucht, soll dafür zahlen und nicht die Gemeinschaft belasten). Problemfrei läuft das System aber auch nicht; die Ärzte klagen darüber, dass mehr als 50% ihrer Zeit für Bürokratie draufgeht, was wiederum die Steuerkasse sehr belastet. Ausserdem herrscht auf dem Lande teilweise starker Ärztemangel.