04.26.07

Fünf-Dinge-Stöckchen

Veröffentlicht in Sonstiges um 3:35 von Burkhard

Von hier bekam ich mein erstes Stöckchen:

  

Fünf Dinge, die ich habe, aber nicht will: 

Leergut von dem aus Deutschland mitgebrachten Bier 

Flugmeilen (Symbole fürs Nicht-Zuhausesein) 

Einen Keller voller Zeugs 

Rückenschmerzen  

Heisshunger auf Schokolade (gibts auch bei Männern)

  

Fünf Dinge, die ich will, aber nicht habe: 

Ausreichende Schwedischkenntnisse 

Einen Freundeskreis in Stockholm  

Schriftstellerisches Können wie Bodo Kirchhoff. OK, 1 %  davon machten mich auch glücklich 

Endlich ein eigenes Ultraleichtflugzeug 

Einen richtig schönen Sonnenstuhl für meinen Balkon 

 

Fünf Dinge, die ich nicht habe und nicht will: 

Ein Boot 

Einen PDA oder Organizer 

Computerspiele 

Skiurlaub 

Orden

  

Fünf Menschen, die dies (hoffentlich) noch nicht beantwortet haben, von denen ich mir das aber wünsche: 

Ey, ich habe doch gerade erst zu bloggen angefangen! Na gut, erst mal einer, kann ja noch ergänzen: Frank

Die 7000-Euro-Gärtner

Veröffentlicht in Mentalität um 12:45 von Burkhard

In unserem Haus ist letzte Woche eine kleine Wohnung für schwindelerregende 7000 Euro pro Quadratmeter verkauft worden. Dies entspricht Gerüchten zufolge einer Verdoppelung des Preises in wenigen Jahren. Wer kann sich das noch leisten?  

Kurz darauf hatten alle anderen Bewohner ein Flugblatt vom verkaufenden Makler im Briefkasten: Ob wir eigentlich wissen, dass wir auf einem Goldklumpen sitzen? Ob wir angesichts der Preise nicht vielleicht verkaufen wollen? Ob wir an einer kostenlosen Wertschätzung Interesse haben?  

Dennoch war am Wochenende Gartendienst. Einmal im Jahr treffen sich die Hausbewohner einen Sonntag nachmittag, um einen Frühjahrsputz für Garten und Außenanlagen zu machen. Ich weiss nicht, wie viele nicht gekommen sind, aber es waren auf jeden Fall die meisten da. Auch der Nachbar von gegenüber, Weltklassearzt, sicher über 50, war sich nicht zu schade, auf den Knien herumzurutschen. Anschließend gab es Hot Dogs, Bier und Wein.  

Erneut fiel mir auf: Den Leuten scheint es wirklich wichtig zu sein, nicht auch nur den Anschein eines Standesdünkels zu geben. Die Kosten waren sicher nicht ausschlaggebend bei der Entscheidung, diese Arbeiten nicht von einem Profi machen zu lassen. Ausreden hätte es auch genug gegeben, und sei es nur die, dass man nach einer harten Arbeitswoche das Wochenende redlich verdient hat. Aber mir scheint, man hat hier durchaus noch Sinn für den sozialen Aspekt einer solchen Aktion.  

Ich finde das sehr angenehm. Leistungsbereite Städter leben hier, die hart für ihren überdurchschnittlichen Lebensstandard arbeiten, bestimmt keine Sozialromantiker. Aber gern ‚erdet’ man sich mit einfachen Aktionen wie diesen, vergewissert sich seiner eigenen Bodenständigkeit und Sozialfähigkeit. Beliebte Alternativen zum gemeinsamen Gärtnern: die ‚einfache Hütte auf dem Lande’ bewohnen, ‚Friluftsliv’, eine bodenständige Form des Lebens in der Natur (High-Tech-Ausrüstung ist hier übrigens eher verpönt!), Jagen/Angeln, usw.  

Es fragt sich nur, wie sich diese Einstellung mit der Zeit verändert. Es gibt ja heute schon viele, die sagen, dass Egoismus und soziale Kälte Einzug gehalten haben in Schweden. Für mich klingt das reichlich absurd, ich empfinde dieses Land nach heutigem Stand wirklich nicht als sozial kalt. Aber wer aus einem Überfürsorglichkeitsstaat kommt, mag das so empfinden, und der Trend mag durchaus in diese Richtung gehen, das kann ich nicht beurteilen.  

(Nebenbemerkung: Der sozial kälteste Akt, den man allerdings tun kann, ist, das Geld seiner eigenen Kinder auszugeben. Wenn man Sozialstaatlichkeit vergleicht, dann bitte nur schuldenbereinigt, d.h. unter Abzug schuldenfinanzierter Sozialleistungen. So gerechnet, bin ich gar nicht so sicher, ob der frühere oder der heutige Staat sozial mehr leistet. Das gilt für Schweden genauso wie für Deutschland. ) 

Diese Lebenseinstellung ist in ganz Skandinavien typisch und reicht Jahrhunderte zurück. Statt Historiker zu spielen, belasse ich es hier bei der Wiedergabe eines dänischen Gedichtes von Hans Vilhelm Kaalund (1818.1885) (Quelle):  

Bleibe schlicht, bleibe schlicht 

so sang es immer in meiner Seele 

wenn ich auf Flügeln der Phantasie 

mich keck vom Boden schwingen wollte. 

Alles andere wird sich rächen, 

ist nur Streit und Untergang. 

Bleibe schlicht, bleibe schlicht, 

das ist des Lebens Siegeshymne.

04.23.07

Nackte Schwedinnen

Veröffentlicht in Mentalität um 2:44 von Burkhard

Deutsche Männeraugen leuchten beim Wort ‚Schwedin’. Wie alle wissen, sind Schwedinnen hübsche Blondinen, die jede Gelegenheit suchen, um das Höschen auszuziehen und die überhaupt dauernd zu allem bereit sind. Dieses Wissen haben wir schließlich aus sicheren Quellen.  

Durchaus interessant ist die Untersuchung der Herkunft dieses Klischees, aber diesmal geht es mir um das Hier und Jetzt. Freizügigkeit hat viele Aspekte – ich will mich hier auf den unübersehbarsten Aspekt beschränken: das Zeigen nackter Haut in der Öffentlichkeit.  

Natürlich ist Schweden ein modernes und auch freizügiges Land. Die Stockholmerinnen kleiden sich gern modisch, oft auch durchaus sexy. Im Frühling wandern die Rocksäume in atemberaubender Geschwindigkeit nach oben. Je nach Wetterumschwung ist die Stadt manchmal morgens noch voller Jeans und Parkas, abends schon voller schulterfreier Kleider. Aber das hat, glaube ich, auch viel mit der Sehnsucht nach Wärme und Sonne auf der Haut nach einem endlosen Winter zu tun; auch die Männer packen dann schnell T-Shirt und Shorts aus.  

Viele Schwedinnen baden auch gern oben ohne, behauptet mein Reiseführer. Das werde ich im kommenden Sommer gern überprüfen, bietet mein Balkon doch den Blick auf die Liegewiese des Eriksdalsbads in der Ferne. :-) Oder gilt das nur für Strandbäder? :-(  

Hier endet dann aber auch schon die Bestätigung des Klischees. Dagegen stehen ein paar andere Beobachtungen:   

Deutschland ist der Erfinder und eine Hochburg des Nacktbadens, jedoch keineswegs Schweden. Luxus-Saunablandschaften sind ein typischer Bestandteil der deutschen Kultur, öffentliche Saunen sind in Schweden i.d.R. getrennt. Öffentlliches Nacktsein findet eine Schwedin unangemessen, sagte mir eine Schwedin und erzählte eine Anekdote über eine geschockte Freundin in einer deutschen Sauna. Mein Eindruck: Man ist nicht prüde, aber das Höschen bleibt in der Gegenwart fremder Männer oben! Stimmt das, ihr Schwed(inn)enkenner? 

Noch stärker sind die Unterschiede im Stadtbild. Verläßt man in Deutschland den Hauptbahnhof, stolpert man häufig direkt ins Rotlichtviertel (Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, …). Dagegen ist mir in ganz Stockholm noch kein einziger Sexshop aufgefallen. Prostitution ist in Schweden verboten, was das Stadtbild darüber hinaus beeinflußt.   

Das setzt sich in den Medien fort. Kein blanker Busen in den Zeitungen, nicht mal in den eher boulevardmäßigen. Kein blanker Busen am Zeitungskiosk; die wenigen Männermagazine haben zurückhaltende Titelseiten. Ich habe hier noch nicht viel ferngesehen, aber das deutsche öffentliche Fernsehen (i.S.v. frei empfangbare Programme) scheint viel Gewagteres auf den Bildschirm zu bringen als das schwedische. Eine Pornoabteilung hat unsere Videothek anscheinend nicht. Und ein Ethikrat wacht durchaus streng darüber, dass Frauen nicht in der Werbung missbraucht werden. Dabei geht es nicht um Quadratzentimeter nackter Haut: Eine Anzeige für Wandfarbe mit einem Frauenpo in einer langen Hose wurde wegen der insgesamt sexistischen Aufmachung kassiert.  Sicher wird auch hier fündig, wer Nacktes aktiv sucht. Die schwedische Toleranz gilt auch hier: Jeder soll machen, was er will, solange er damit Anderen keinen Schaden zufügt, sagte mir jemand. Aber die Allgegenwärtigkeit von Nacktheit und Sex wie in der deutschen Öffentlichkeit – die gibt es hier nicht. Spanner können sich das Flugticket sparen. Vielleicht eine Einzelmeinung, aber man erzählte mir, dass die Schweden umgekehrt die Deutschen für ziemliche Schweine halten. Klischees hüben wie drüben – aber beim Blick in die Öffentlichkeit kann man das schwedische Klischee ganz gut verstehen.

04.19.07

Äpfel auf Schaschlikstäben

Veröffentlicht in Wetter um 9:04 von Burkhard

Astronomie hat mich schon früh interessiert, und es gehört zu meinen Kindheitserinnerungen, Schaschlikstäbe durch Äpfel zu stecken, mit diesem Erdmodell in ein Orbit um den Küchentisch einzuschwenken und meinen erstaunten Zuhörern das Entstehen von Tag und Nacht sowie Sommer und Winter zu erklären.

Mittlerweile sind diese Qualitäten wieder öfter gefragt, um den im Süden Gebliebenen die vielen Fragen zum Thema Temperatur, Helligkeit, Polarkreis usw. in Schweden zu beantworten.

Nicht jeden muss Astronomie interessieren, aber es wundert mich schon, wie viele erwachsene Menschen außer Stande sind, grob zu erklären, warum es im Winter kalt ist. Außerdem finden meine leicht sexistischen Ansichten zum Thema ‚Frauen und räumliches Vorstellungsvermögen’ neue Nahrung. Aber was heißt hier sexistisch – alles wissenschaftlich belegt.

Verlinken ist faul, aber in diesem Fall verweise ich einfach auf Fikets Erklärung zu diesem Thema. Die ist hervorragend. Ehrensache – der Autor ist Astonom.

04.17.07

Pflichten eines Einwanderers, oder: Wie lerne ich Schweden kennen?

Veröffentlicht in Leute, Mentalität um 10:14 von Burkhard

Von Einwanderern nach Deutschland erwarte ich dreierlei: a) dass sie die deutschen Grundwerte nicht nur tolerieren, sondern aktiv unterstützen, b) dass sie sich um die deutsche Sprache bemühen und c) dass sie mittelfristig auch Kontakt zu Deutschen suchen und nicht Jahrzehnte auf einer ‚Insel’ leben.

Natürlich habe ich hier einen dementsprechenden Anspruch auch an mich selbst. a) und b) sind insofern kein Problem, als man das aus sich selbst heraus angehen kann. Zu c) gehören jedoch immer zwei, und da muss sich das aufnehmende Land natürlich fragen lassen, inwieweit es den Kontakt zu den neuen Mitbürgern sucht und erleichtert.

Also: Wie bekommt man bloß Kontakt zu Schweden? Mein Wissensstand dazu ist bisher wie folgt:

Die Schweden haben oft ihren ‚inneren Kreis’, Famile und enge Freunde. Gefeiert wird gern in diesem Kreis. Das hat aber auch eine andere Seite: Sie sind sozusagen ‚familien-selbstgenügsam’. Das heisst, eine fremde Person wird nicht so leicht in diesen Kreis hineingelassen. Es dauert sehr lange, bevor man einmal von einem Schweden nach Hause eingeladen wird.

Das passt in mein Bild, nach dem die Schweden im Herzen ein Landvolk geblieben sind, mit einem kleinen, aber dafür um so engeren Freundeskreis. Mit einem Wort: Ein ganzes Land voller Sauerländer! Damit sollte ich klar kommen, dachte ich früher optimistisch, bin ich doch selber einer. Aber wenn ich ehrlich bin: Wollte ich z.B. als portugiesischer Einwanderer in einem sauerländischen Dorf wohnen? Klare Antwort: Nein, das fände ich äußerst schwierig. Diese Mentalität zu kennen heisst noch lange nicht, ihre Nachteile auch leicht überwinden zu können.

Nicht, dass ich missverstanden werde: man ist nicht etwa ausländerfeindlich. Bisher haben weder wir noch irgendein Bekannter hier jemals einen Schweden unfreundlich erlebt, geschweige denn feindselig. Zumindest gegenüber Deutschen scheint das so zu sein, über andere Herkunftsländer kann ich nichts sagen.

Aber es scheint schon eine gewisse Ignoranz dazusein, ein mangelndes Interesse breiter Kreise, vielleicht den eigenen Horizont im Umgang mit Menschan aus anderen Ländern auch einmal zu erweitern. ‚Ihr stört uns nicht, aber ihr interessiert uns auch nicht’ scheinen die meisten Schweden über uns zu denken.

Nebenbemerkung: Das kenne ich aus Amerika ganz anders, daher lasse ich über das Sozialverhalten der Amis nichts kommen. Bei Sprüchen über die ‚oberflächlichen Amerikaner’ bekomme ich immer Pickel. Aber das zu diskutieren führt an dieser Stelle zu weit.

Hat man die hohe Anfangshürde aber einmal überwunden, sind die Schweden aber wirklich äußerst freundschaftlich und hilfsbereit. Zum Beispiel leidet eine Sprach-Mitschülerin genau wie alle anderen in der Sprachgruppe unter der Schwierigkeit, Kontakte zu Schweden zu knüpfen. Am Wochenende hat sie allerdings ihr beruflicher Mentor und seine Frau zu einem Wochenende in sein Ferienhaus eingeladen. Sie erlebte eine tolle Gastfreundschaft, mit Abholen, Bekocht-Werden usw. – sie fühlte sich bemuttert wie noch nie, nannte ihre Gastgeberin ‚die perfekte Tante’.

Einfach so, aus Geselligkeit und Interesse am Gegenüber, kommt man hier also nur schwer zu Freunden. (Über jeden Tipp hierzu bin ich dankbar!) Eine Möglichkeit ist vielleicht, den Umweg über Vereine, Interessengemeinschaften, Kurse usw. gehen. Das Problem ist nur, hierzu neben Arbeit, Sprachkurs (da sind natürlich keine Schweden drin), Sport usw. die Zeit zu finden. Unser Sprachlehrer empfahl uns, zur Kontaktaufnahme einen der äußerst vielfältigen Kurse an der ‚Folkuniverstitetet’ zu besuchen. Dort wird wirklich alles angeboten, sogar ein Kurs ‚Nähe Dir Deinen eigenen BH!’. Na, da könnte ich doch mal beim Anprobieren helfen.

04.15.07

Bratwurst

Veröffentlicht in Freizeit um 9:24 von Burkhard

Herrliches Wetter heute. Gestern haben wir beim ‚Bauhaus‘ einen Grill gekauft und heute ‚Tysk Bratwurst‘ gegrillt. Unsere Integration hier macht offenbar Rückschritte.

Aber vielleicht auch nicht, denn um uns herum grillen auch alle, die Schweden scheinen also auch ein ordentliches Grillvolk zu sein. Auf unseren Winterwanderungen durch den Tyresta-Park haben wir sogar jedesmal Leute getroffen, die im Wald, mitten im eisigen Winter sich an einer Feuerstelle ein Feuerchen gemacht haben. Dort wurde sich gewärmt, aber irgendwas brutzelte auch immer im Feuer. Das Holz dazu wurde kilometerweit im Rucksack angeschleppt. Vermutlich ist das Holzsammeln im Nationalpark verboten.

04.11.07

SMS

Veröffentlicht in Sonstiges um 5:05 von Burkhard

Zu den Dingen, die man in Schweden per SMS erledigen kann, gehört:

- Eine Fahrkarte für die U-Bahn kaufen.
- Für eine Wohnung steigern. Wir hatten uns mal spaßeshalber bei einer Versteigerung angemeldet. Gebote wurden per SMS abgegeben und das aktuelle Höchstgebot an alle verschickt: 2,1 Millionen, 2,2 Millionen …
- Den Lohnsteuerjahresausgleich machen. Für die meisten Menschen ist das nur ein kurzes Drüberschauen, ob die Zusammenfassung vom Arbeitgeber korrekt ist, da es nicht wie in Deutschland einen Dschungel an Steuerausnahmetatbeständen gibt. Dann eine SMS an das Finanzamt schicken – fertig!

04.10.07

Absolut Icebar

Veröffentlicht in Ausgehen um 5:03 von Burkhard

Die Absolut Icebar ist eine Bar in einem Stockholmer Hotel, die komplett aus Eis gefertigt ist: Wände, Tresen, Sitzmöbel, alles. Sogar die Gläser bestehen komplett aus Eis. Die Eisblöcke, aus denen die Bar ‚gemauert’ ist, wurden alle aus einer bestimmten, gefrorenen Kurve eines lappländischen Flusses im Winter gewonnen – es ist also alles Natureis. Der Eintritt umfasst neben einem Cocktail ein wärmendes Cape und Handschuhe. Es ist konstant -5 Grad darin, also gar nicht so kalt; die Handschuhe sind aber auf Grund des Eis-Glases unverzichtbar. Die Absolut Icebar in Stockholm wurde vom berühmten Icehotel in Lappland entworfen. Sie war die erste ihrer Art, mittlerweile gibt es wegen des Erfolges weitere Ausführungen, z.B. in London, Tokio und Mailand. Ich frage mich, ob das Eis für die anderen Bars auch aus Lappland stammt, und wenn ja, wie man es dorthin bekommen hat! Etwa im Tiefkühlcontainer von Lappland bis nach Tokio?

Wir waren am Montag abend dort. Es ist schon witzig, so eine ‚muss-man-mal-gemacht-haben’-Sache. Kosten und auch Energieverbrauch machen es eher zu einem dekadenten Vergnügen, Dekadenz im 45-Minuten-Takt allerdings, denn dann muss man wieder raus – die Nächsten warten.

04.08.07

Im Globen

Veröffentlicht in Ausgehen um 6:34 von Burkhard

Gestern waren wir auf Drängen meiner Frau beim Lionel-Richie-Konzert im Globen. Ich hatte mir nicht viel davon versprochen, da ich zwar eine Schnulze vertragen kann, aber nicht 2,5 Stunden Schnulzen am Stück. Aber weit gefehlt. Im Repertoire überwogen bei weitem die fetzigen Sachen, und wer sich von Klassikern wie ‚All Night Long’ nicht von den Stühlen reissen lässt, der ist ohnehin schon komatös.

Ausserdem ist Lionel zwar ein Rockopa (ich schrieb darüber), aber eben auch eine Rampensau vor dem Herrn. Ein Überzeugungstäter, der nicht nur Talent, sondern über dreißig Jahre Erfahrung darin hat, Menschen einen Abend lang bestens zu unterhalten. Alles war natürlich professionell und einstudiert, aber es wirkte trotzdem auch echt – der Mann tut mit Überzeugung, worin er am besten ist. Das kommt rüber, auch wenn man wie wir in der 45. Reihe sitzt. Hut ab, Herr Richie.

Der Globen ist riesig; besonders auffällig ist innen seine Höhe. Wenn alle mitsingen sollten, klang das immer noch dünn. Im Zweifelsfall würde ich das nicht der Unterkühltheit der Stockholmer, sondern der berüchtigten Akustik des Globens zuschreiben. Keine ideale Umgebung, um in einem Konzert Atmosphäre zu schaffen. Als Sportarena stelle ich mir den Globen allerdings geil vor. Eishockey im Globen – das muss ich mir unbedingt mal geben.

Die Passion

Veröffentlicht in Leben im Ausland, Mentalität um 6:33 von Burkhard

Eigentlich wollte ich in diesem Blog nicht viel zum Thema Kirche sagen, da es hier um das Leben in Schweden gehen soll, aber die Karfreitagspassion wurde für mich überraschend doch zu einem Leben-im-Ausland-Thema. Der Bischof und die Musiker waren gut, aber das eigentlich Beeindruckende waren für mich erneut die vielleicht 1200 Anwesenden der Feier, die sehr stark ‚bei der Sache’ waren. Zur Kreuzverehrung wurde ein Kreuz mit fast lebensgroßem Korpus hereingetragen, zum Tage passend eine blutende Leidensgestalt. Bei der folgenden Kreuzverehrung ließ man es nicht mit einer Kniebeuge bewenden, sondern die meisten küßten die Füße des Korpus oder ähnliches. Viele waren ergriffen. Mancher weinte. Eine Frau mit langem Haar, ganz im Gebet vertieft, stand nach dem Küssen der Füße auf, und statt zur Seite zu treten, küßte sie dem Jesus ins Gesicht. Wohl alle, die zufällig hinschauten, waren einen Moment lang perplex. Aber ihre Körpersprache machte klar, dass ihr in dem Moment nichts ferner lag als Blasphemie.

Ich komme nicht umhin, auch die schönen Kirchendienerinnen zu erwähnen, die in ihrer roten Jacke fast schon ein wenig zu sinnlich daherkamen, Madonnen aus Fleisch und Blut. Aber man ist ja schließlich auch nicht bei den Evangelischen.

Das Schöne an der Feier war das Vertraute daran – Reisende und Expatriates wie wir suchen das. Manch ein Geschäftsreisender geht auf der ganzen Welt ins Hilton, weil man dort so schön vergessen kann, wo man eigentlich ist. Mancher Globetrotter isst überall bei McDonalds statt beim landestypischen Imbiss um die Ecke. Mancher im Ausland Lebende sucht sich dort Freunde nur unter Landsleuten, bleibt im sogenannten ‚Expat-Bubble’ stecken. Machen wir uns doch nichts vor: Auch wenn wir uns noch so kosmopolitisch geben – Fremdes lassen wir nur in kleinen Dosen gern an uns heran. Wer in einer Situation wie wir von so viel Neuem umgeben ist, freut sich zumindest eine Zeitlang als Ausgleich eher über Bekanntes denn über weiteres Neues. In Zeiten, in denen viel von Globalisierung gesprochen wird, ist die Kirche eine seit Jahrhunderten bestehende globale Organisation. Ein global einheitlicher Ritus ist ein Wert, den nicht begreift, wer das nicht mal gefühlt hat – diese Wärme des Wiedererkennens in der Fremde. Und dann noch die globale Sprache der Musik! Heimat, das kann auch jeder Ort auf der Welt sein, wo Menschen sich zusammenfinden, um Händel zu singen.

Gemeinschaften jenseits von Sprache, Ethnie, Geographie, gemeinsamer Geschichte usw. können funktionieren, wie z.B. die zusammengewürfelte Katholikenschar Stockholms beweist. Ich glaube aber, dass starke Werte erforderlich sind, um so eine Gemeinschaft erfolgreich zu binden – und traditionell waren das fast immer religiöse Werte. Ich glaube nicht, dass es funktionieren wird, die Menschen global mit einem kleinsten gemeinsamen Humanismus-Nenner aneinander binden zu wollen – ach ja, wir sind doch alles Erdenbürger, nicht wahr, also sollten wir besser zusammenhalten. Dieser ‚Klebstoff’ ist nicht stark genug, um den Egoismus des Einzelnen zu überwinden. Was dann bleibt, ist die globale Ellenbogengesellschaft, welche uns Menschen als Art ausrotten wird, denn jede höhere Art, das ist sogar schon in der Tierwelt so, braucht eine gesellschaftliche Ordnung.

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