05.31.07
Love Parade a la Stockholm
Dass der Sommer kommt, merkt man nicht zuletzt an den Abschlussfeiern der Schulabgänger, die ihre Schatten vorauswerfen. Die jungen Leute werfen sich in Schale und tragen dazu spezielle Kappen. Der allgemeine Lärmpegel in der Stadt steigt. Man trifft laufend Trüppchen versprengter Teenies, die Klamotten tragen, die Teenies sonst nicht tragen, und die mehr Alkohol getrunken haben, als ihnen guttut. Außerdem fahren sie auch einen ganzen Tag lang auf Lastwagen kreuz und quer durch die Stadt, loveparade-mäßig eingepfercht auf der Ladefläche und mit ohrenbetäubend lauter Musik dazu. Definitiv eine Schau für asiatische Touristen, denen eine so laute und unbekümmerte Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit wohl eher fremd ist. Letztes Jahr sah ich, wie ein beschwipstes Mädchen auf dem Laster unter dem Minirock den Tanga aufblitzen ließ – die Japantouristen blitzten fleißig mit ihren Minoltas zurück.
05.28.07
Die Storskär
Am Wochenende hatten wir Besuch und sind in die Schärengärten rausgefahren, auf die Schäreninsel ‚Grinda’. Die Hinfahrt dauerte mit der flotten Söderarm 75 Minuten (ein eistaugliches Boot übrigens). Die Rückfahrt nahm für die gleiche Strecke jedoch 2 Stunden in Anspruch. Zunächst wussen wir nicht, warum – aber als dann die Storskär auf uns zukam, ahnten wir, das es eine etwas gemütlicher Reise werden würde als auf der Hintour. Das Boot ist sage und schreibe 99 Jahre alt. Während der Fahrt konnte man einen Blick auf die alte, laufende Maschine werfen – Mechanik zum Ansehen und Begreifen. Bis mindestens 2012 muss das Schiff noch Dienst tun. Ich nehme aber mal an, dieses alte Schätzchen wird von den Stockholmern heiss und innig geliebt, und es wird vermutlich alles versucht, um es so lange wir möglich im Dienst zu halten. Es hatte wirklich Charme, und wenn man außen an der Reling sass, kam durch die Bauart des Geländers Missisippidampfer-Gefühl auf. Dazu ein leckeres Bierchen – da ist auch die Anfahrt schon Teil eines erholsamen Tages.
05.25.07
Hyttsill
Am Wochenende waren wir im Glasreich und haben bei Pukeberg an einem Hyttsill teilgenommen. Hä? OK, nochmal langsam: In Südschweden gibt es eine Region namens ‚Glasreich’, in der sich über ein Dutzend bedeutender Glashütten befinden, einige mit über 250-jähriger Tradition. Dort werden in den Glashütten Abende für Touristen angeboten, bei denen es unter anderem Hering (‚sill’) zu essen gibt; diese heissen ‚Hyttsill’. Wir waren bei der Pukeberg-Hütte in Nybro.
Wenn es heißt: in der Glashütte, dann war genau das gemeint. Tische und Stühle standen direkt in der Produktionshalle, nicht etwa in einem Nebengebäude. Es waren vielleicht 80 Leute da. Zunächst gab es das Buffet mit Hering, Kartoffeln und den anderen typischen Sachen. Dabei bemühte sich ein Unterhalter mit seiner Gitarre, mit uns während des Essens schwedische Trinklieder zu singen. Trotz vorhandenenTextblatts war das natürlich nicht einfach, da die meisten Leute natürlich Touristen waren. Eine größere Gruppe aus Polen war dabei, die die Stimmung mit einigen polnischen Saufliedern gehoben haben. War ganz lustig und sehr multi-kulti. In Deutsch war auf dem Textblatt ‚Mein Hut, der hat drei Ecken’ abgedruckt, warum auch immer.
Die Glasöfen um uns herum waren in Betrieb und machten eine ganz schöne Hitze. Sie werden die Nacht über natürlich nicht abgeschaltet und halten das geschmolzene Glas bei 1100 Grad. Zwei junge Glasbläser haben anschließend in einer Demonstration eine Vase für uns mundgeblasen. Danach konnte jeder, der wollte, auch einmal versuchen, Glas zu blasen. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Eine schöne runde Kugel habe ich immerhin hinbekommen, mehr aber auch nicht. Die ‚Lehre’ eines Glasbläsers dauert drei Jahre, aber erst nach 8-10 Jahren ist ein Glasbläser wirklich auf hohem Niveau, wurde uns gesagt. Es ist einer der schwierigsten Handwerksberufe, die es gibt. Man braucht nicht nur Wissen, Erfahrung und Übung, sondern auch einfach ein hohes manuelles Geschick und künstlerisches Gefühl. Ich sprach mit einem der besten Glasbläser weltweit, Jan-Erik Ritzman, der seit 50 Jahren (!) den Beruf ausübt. Selbst dem gelingt nicht jeder Versuch; selbst der hat noch gute und schlechte Tage.
Mit mehr Musik, Schnaps und Nachtisch klang der Abend aus. Natürlich war das Ganze eine Veranstaltung rein für Touristen, die ich normalerweise meide wie die Pest. Aber diesmal hat es mir gefallen. Man bekam die echte Glashütten-Atmosphäre mit – deutsche Versicherungsanwälte bekämen bei der Idee, Touristen in einer Werkhalle rumlaufen zu lassen, sicher sofort die Schnappatmung. Man konnte wirklich einmal selbst Glas blasen. Und schliesslich war der Preis fair, unter 30 Euro für das gesamte Paket (nur alkoholische Getränke waren nicht dabei).
05.15.07
Angstlust im Sehnsuchtsland
Angstlust im Sehnsuchtsland ist ein langer Artikel in der Zeit über Schweden, über den ich stolperte, da ich hier über Angst als typischen deutschen Charakterzug schrieb. Es wird die These aufgestellt, dass Schweden reich und sicher ist, aber die Leute sich trotzdem enorm in Ängste hineinsteigern.
Der Text ist von literarisch wirklich guter Qualität und sehr süffig zu lesen, aber inhaltlich finde ich ihn wirr. Einerseits werden Argumente aufgeführt, dass die Ängste der Schweden unbegründet sind, da alles doch so sicher ist. Andererseits werden zahlreiche Beispiele dafür aufgeführt, dass man sich zu Recht sorgen müsste: Situation in den Vorstädten, 27 Vergewaltigungen in Umeå, härter werdender Kampf um den sozialen Status. Einerseits wird gesagt, dass die Leute sich unnötige Ängste machen, andererseits sind es einer zitierten Doktorarbeit zufolge die Politiker, die die Ängste aus politischem Kalkül schüren. Einerseits wird die Hysterie der Bevölkerung bei Verbrechen angeprangert, andererseits wird gesagt, dass der Schwede „kleine Sachen groß macht und große Sachen klein, weil auch die Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist.“
Also was denn jetzt: unbegründete ‚Lust an der Angst’, begründete Ängste, oder Ignoranz? Kein geradliniger Argumentationsgang ist das, geschweige denn der Versuch, die Behauptungen mit Fakten zu belegen.
Ich bleibe bei meiner Bewertung, dass die Schweden im Grunde selbstsicher und gelassen in die Zukunft blicken, teilweise sogar mit einer bis an Ignoranz grenzenden Gelassenheit. Die Angstweltmeister sind und bleiben für mich die Deutschen, bei denen ein allgemeiner Pessimismus viel verbreiteter ist. Hier steht, dass jeder Deutsche 16 mal im Jahr zum Arzt gehen und jeder Norweger nur 3 mal – bei vergleichbarer Volksgesundheit. (Zahl zu Schweden fehlt mir leider, diese ältere Quelle spricht von 2,9 mal). Viele andere Beispiele habe ich – ich will sie nicht alle wiederholen.
Ein winziges Bischen Wahrheit könnte im Artikel aber doch enthalten sein. Vielleicht muss man noch mal unterscheiden zwischen der ‚Deutschen Angst’ als tief in der Seele sitzende, historisch geprägte Lebens-Verunsicherung einerseits, und der ‚Angstlust’ andererseits als einer merkwürdigen Eigenschaft des Menschen, einen gewissen Verunsicherungspegel geradezu zu suchen. Manchmal scheint mir, als gehöre das Vorhandensein eines gewissen Bedrohungsniveaus geradezu zur psychischen Gesundheit. Das heisst, wer in einer Stadt wie Bagdad lebt, wird die tatsächlichen Gefahren vermutlich eher herunterspielen, weil ihn die Angst sonst handlungsunfähig machte. Aber, und das ist das Merkwürdige, wer in einer friedlichen Stadt wohnt, wird sich womöglich gern Angstszenarien suchen: die lokalen Straftaten überproportional aufbauschen, oder zumindest XZ ungelöst oder Krimis schauen oder lesen. Wieso gibt es eigentlich Horrorfilme? Wieso gibt es Killerspiele, da geht es doch um mehr als nur sportlichen Wettkampf? Sind manche Leute vielleicht einfach ‚unterängstigt’? Gehört ein gewisses Angstniveau zu unserer psychischen Gesundheit? Ist das Hineinsteigern in Bedrohungsszenarien ein besonders im friedlichen Schweden sichtbar werdendes Phänomen?
Sehr schwierige Fragen. Ich glaube, dass wir Aggression, Angst, aber auch Angstüberwindung viel offensiver als bisher in unseren Lebensalltag hineinnehmen müssen. Menschen in Watte zu packen mag gut gemeint sein, aber dann ist die Gefahr groß, dass die Aggression an unerwarteter und ungewünschter Stelle aufbricht. Ich glaube, dass da frühere Gesellschaften mit ihren Initiationsriten teilweise viel weiter waren als wir heute. Bungeejumpen, XZ-Schauen und Killerspiele sind sehr primitive Spielwiesen, um den Umgang mit unseren Ängsten zu erproben.
05.14.07
Zahlen, Zahlen, Zahlen
Wer sich für Statistik interessiert, kann sich hier vom statistischen Bundesamt die wichtigsten Zahlen über Schweden in deutscher Sprache runterladen.
Die Arbeitslosigkeit dümpelt so bei 7,5% vor sich hin. Auf dem Lande sind die Leute einfach nicht in Arbeit zu bekommen. In Stockholm herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Kein Wunder, dass die Landflucht anhält und die Immobilienpreise in Stockholm astronomisch sind.
Das ist aber vielleicht auch die schlechteste Zahl in der Statistik, von vielen der anderen Zahlen können andere Länder nur träumen.
05.10.07
Size matters
Hier diskutieren einige Leute über die Frage, ob schwedische Verhältnisse auf deutsche übertragbar sind, und allgemeiner, welchen Einfluß die Größe auf die Qualität von Gemeinschaften haben. Darüber wollte ich ohnehin bald mal hier bloggen, dafür diskutiere ich diesmal lieber dort mit. Schaut doch mal rein.
05.08.07
Shwedinen
Liebe Freunde des seriösen Schwedenblogs, ich lege gesteigerten Wert auf die Feststellung, dass ich den Beitrag ‚Nackte Schwedinnen’ nicht mit dem Hintergedanken verfasst habe, Besucher auf meine Seite zu locken.
Wobei: das wäre kein dummer Gedanke gewesen!
Ok, wir reden von Peanuts hier: zweistellige Zugriffszahlen am Tag auf meinen Blog. Ich habe ihn bisher nicht einmal irgendwo registriert, da mir die Verbreitung weniger wichtig ist und ich ihn primär für mich und ein paar Freunde schreibe. (Wobei alle Leser natürlich herzlich willkommen sind!). Aber es hilft nichts: Meine Statistik weist aus, dass sich neuerdings die meisten Fremden auf meinem Blog einfinden, weil sie nach ‚nackt’ und ‚Schwedinnen’ suchen, teilweise mit abenteuerlicher Orthografie.
Unbeabsichtigt scheint sich dadurch zu belegen, wie tief das beschriebene Klischee noch sitzt. Ich behaupte einfach mal (ohne hier eine Testreihe starten zu wollen!), dass weniger Leute nach ‚nackte Amerikanerinnen’ suchen, obwohl es davon im Internet bestimmt mehr gibt.
Ein weiteres Abfallprodukt ist die wenig überraschende Erkenntnis, dass Zugriffszahlen kinderleicht zu manipulieren sind und als Aussage über die Verbreitung eines Blogs ungefähr soviel taugen wie die Maßeinheit ‚lines of code per day’ zur Messung der Qualität eines Programmierers.
Hätte es denn nun unbedingt diese Überschrift sein müssen? Nun, natürlich will ich Euch mit meinen Überschriften zum Weiterlesen verführen. Mal ehrlich: könnt Ihr eine Überschrift ‚Nackte Schwedinnen’ lesen, ohne wenigstens ein paar Zeilen in den Text hineinzulesen? Eben. Dazu stehe ich – ein Autor muss auch ein Verführer sein. Aber ich gebe zu, dass es getreu dem Motto ‚sex sells’ der billigste aller möglichen Tricks ist, etwas anzubieten, das auch nur im Entferntesten mit Erotik zu tun hat, und sei es nur das Wort ‚nackt’. Sicher ist es eine größere Kunst, die Leute mit anderen Themen und sprachlichen Mitteln einzufangen. Eine solche Überschrift werdet ihr daher hier selten finden.
Lieber Bildchensurfer, herzlich willkommen auf meinem Blog. Du wirst hier nicht finden, was Du suchst. Bevor Du weitersuchst, wirf doch trotzdem einen Blick in meinen Beitrag über die Schwedinnen. Traumwelten sind ab und zu schon ok, aber verwechsle sie nicht mit der Wirklichkeit, das bekommt niemandem. Ich freue mich übrigens auch immer über Kommentare aller Art (gern auch ‚äh- ich bin dann wohl falsch hier’).
05.07.07
Still, still, still
Momentan finde ich es nicht ganz leicht, mich auf die ruhige Art der Schweden im beruflichen Umgang miteinander einzuschießen. Eigentlich bin ich selbst eher ruhig, und so ging meine Selbsterziehung bislang in die Richtung, als Trainer und Referent lebhaft, mitreißend, positiv und interaktiv zu sein.
Nicht unbedingt eine gute Idee hier. Letzte Woche hatte ich einen Vortrag zu halten, und das Feedback war, dass man inhaltlich beeindruckt war, aber mich etwas zu ‚pushy’ fand, zu direkt und zu druckvoll. Ich und zu pushy! Also da kenne ich aber manche andere Kollegen, die dann dort wohl achtkantig herausgeflogen wären, bei deren Art, auf die Leute zuzugehen.
Andere Deutsche berichten vom gleichen Problem. ‚Nimm Dich bloss zurück’, heisst die Devise.
Donnerstag und Freitag nahm ich dann an einem Seminar teil. Der Trainer war ein sehr guter und erfahrener Amerikaner. Ich habe während der zwei Tage vier oder fünf mal etwas gesagt und war von allen Teilnehmern damit mit Abstand derjenige, der am meisten gesprochen hat! So eine Ruhe kann einen Trainer mehr irritieren als offene Kritik. Ich habe den armen Mann abschließend zum Gamla Stan chauffiert und ihn beruhigt, dass er sich keine Sorgen über seine eigene Leistung machen solle, so seien die Leute hier eben.
Vorlaute Laberbacken sind das schlimmste für mich. Insofern ist mir die Ruhe hier lieber als das Gegenteil. Mit einem Saal voller schnatternder Windbeutel kann ich immer nur eine Zeitlang umgehen, bevor sie spüren, dass ich sie für Hohlkörper halte. Womit ich mir natürlich keinen Gefallen tue.
Insofern denke ich schon, dass ich mich auf die Leute hier einstellen kann. In den Nachgesprächen war ich dann beeindruckt, wie gut sie doch alles verfolgt und verstanden haben. Es ist nicht etwa so, dass sie nichts mitbekommen oder einfach nur ihre Zeit absitzen.
Trotzdem finde ich es auch etwas schade. Warum soll man in einem Seminar nicht auch mal diskutieren, auch mal Meinungen austauschen, auch mal anderer Meinung als der Referent sein, auch mal Blödsinn reden, auch mal zusammen lachen? Denn dafür habe ich ein gutes Gedächtnis: zusammen gelacht wurde in den zwei Seminartagen genau null mal.
Ein tschechischer Freund von mir hat in Finnland gelebt und noch ganz andere Geschichten erzählt. ‚Silence is fun’ ist deren Motto. Seinen Erzählungen zufolge findet kein Finne jemals ein gemeinsames Schweigen als unangenehm oder peinlich. Dazu gehört auch, zu telefonieren und dabei minutenlang am Telefon nichts zu sagen. Das finde ich schon faszinierend. Irgendwo ist es auch eine Stärke, einfach nur gemeinsam zu sein und nicht immer die Gemeinsamkeit durch Gerede bestärken zu müssen.
Also wie ihr seht – so richtig entschieden habe ich mich noch nicht, wie ich die Ruhe des Nordens finden soll.
05.02.07
Wie im Himmel
Wie im Himmel ist ein schwedischer Spielfilm, von dem ich mir wünschen würde, dass er ausdrückt, was an Schweden wesentlich und positiv ist. Vielleicht ist es nicht so, aber man darf ja hoffen – jedenfalls kommt er schon einmal von hier.
Im Film geht es darum, sich zu finden, genauer: zum Kind in sich selbst zurückzufinden. Nach Jahren des Anwütens gegen die Welt ‚da draussen’ macht sich ein Mann auf, um sich zu vergewissern, wer er eigentlich ist und welches seine eigene, persönliche Botschaft ist, die er in die Welt bringt. Das wird ganz plastisch dadurch dargestellt, dass er in das Dorf zurückkehrt, in dem er aufwuchs, und dort als Wohnstatt die ehemalige Dorfschule anmietet.
Er weiß zunächst nicht, warum er das eigentlich tut, folgt einem ihm selbst nicht erklärlichen Bedürfnis. Inhalt des Films ist nun, darzustellen, wie die anderen Dorfbewohner ihn dazu bringen, zu seinem Kern zurückzufinden. Dabei sind das alles andere als perfekte Menschen. Aber gerade im Reiben an ihren Unzulänglichkeiten modelliert sich sein verborgenes Ich heraus. Zum Ende findet er die Fähigkeit, zu lieben, und zwar untrennbar sowohl einen anderen Menschen als auch das Kind in sich selbst. Er hat sich von einem unglücklichen in einen glücklichen Mann verwandelt, von einem ‚falschen’ Menschen in einen ‚echten’. Und Nebenbei tut er viel Gutes an den anderen Dorfbewohnern, von denen sich durch ihn in Nebenhandlungen auch viele andere von ihrem falschen Ich emanzipizieren.
Das Schwedische daran? Wie gesagt, ich weiss es noch nicht. Wenn ich hoffen soll, nenne ich zwei Dinge: Geld und Wohlstand ist in dem Film auf die sympathischste Art unwichtig, ja geradezu kontraproduktiv: die Entledigung von ‚Ballast’ durch ein einfaches Landleben scheint sogar eine der Voraussetzungen, um voranzukommen in der Suche des Mannes. Ausserdem fiel mir auf, wie extrem unterschiedlich die Dorfbewohner sind und der Film auch gar nicht versucht, ihren gemeinsamen Prozess als einen Prozess der Vereinheitlichung darzustellen. Es geht nicht darum, dass alle gleich werden, sondern dazu, dass alle sie selber werden. Die stärksten Momente hat der Film immer da, wo die anderen sagen: Du darfst so sein, auch wenn es meinen eigenen Ansichten oder meinem Klischee von dir nicht entspricht. Wenn also zum Beispiel die Frau ihre Kritik an seinen Lehrmethoden als Chorleiter aussprechen darf, der alte Mann seine jahrzehntelang geleugnete Liebe gestehen darf, die Frau des Pfarrers ihre Sinnlichkeit zeigen darf. Es gibt keine Guten und Bösen, sondern nur Unterschiedliche, die sich dazu noch auf einem unterschiedlichen Punkt in ihrer persönlichen Entwicklung befinden. Das ist wirklich ein extremer Unterschied zur (nicht nur amerikanischen) Film-Massenware, in der die Guten alle gleich und die Bösen zu vernichten sind. Hoffentlich ist in den Schweden ein Stück von diesem Menschenbild zu finden.