06.27.07
Midsommar, wie es wirklich ist
So, nun haben wir uns also selbst ein Bild vom Midsommar in den Stockholmer Schärengärten gemacht. Wir fuhren mit der Fähre nach Möja raus, einer Schäreninsel, die schon relativ weit draussen liegt, immerhin knapp drei Stunden Fahrt von Stockholm mit der nicht eben langsamen Fähre. Dort hatten wir ein Gästezimmer angemietet. Man kann dort auch viele Hütten anmieten, die sehr idyllisch aussehen, aber einen wirklich sehr einfachen Standard haben: Humustoilette (sprich: kein WC), Campingdusche (sprich: kein warmes Wasser). Das mussten wir denn doch nicht unbedingt erleben, und so haben wir uns für das Zimmer entschieden, weil das Gästehaus ein WC und eine Dusche hatte. (Nicht etwa das Zimmer. Zimmer mit eigener Dusche/WC gibt es auf Möja vermutlich gar nicht.)
Heerscharen von Jugendlichen waren bereits da. Die Älteren waren auch da, aber sie versteckten sich am Abend eher in den Ferienhäusern oder auf den Booten, feierten dort im kleinen Rahmen und überließen die Straße den Jungen. Diese schleppten Unmengen von Alkohol ran. Sie schliefen auf den kleinen Booten, in denen sie gekommen waren, bauten Zelte auf, oder gingen in die offenbar sehr primitive Jugendherberge. (Angeblich ein großer Raum, mit Vorhängen abgetrennt, Dreck, scheiende Kinder, Verhältnisse wie in einem Flüchtlingslager. Wir trafen eine Familie, die direkt wieder umgedreht und nach Stockholm zurückgekehrt ist). Das Klischee mit dem schlechten Wetter stimmte dieses Jahr leider. Am Freitag und Samstag war das Wetter mäßig: bedeckt und sehr kühl, geradezu herbstlich. Glücklicherweise blieb es im Wesentlichen trocken (im Gegensatz zu Deutschland und Westschweden übrigens), aber es war ungemütlich. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Spaziergang über die Insel. Alles hätte wirklich sehr schön und idyllisch sein können, wenn die Sonne geschienen hätte. In einem kleinen Ort im Norden der Insel war ein midsommarliches Nachmittagsvergnügen im Gange: Jung und alt hatten sich versammelt und hatte Spass um den typischen Midsommarbaum, spielte Eierlaufen, Tauziehen und so was. Tanzen um den Baum wollten aber nur ein paar ältere Pärchen, trotz der Livemusik aus dem Schifferklavier. Hier waren die Generationen noch bunt gemischt, später am Abend trennte es sich dann. Einmal im Jahr schienen es die Teenage-Mädchen auch nicht uncool zu finden, ein romantisches Kleidchen und/oder einen Blumenkranz im Haar zu tragen, solange das Zurschaustellen der eigenen Coolness durch das Tragen von Dolce&Gabbana-Sonnenbrillen und anderen modischen Accessoires sichergestellt war.
Auf dem Rückweg kamen aus einer Seitenstrasse plötzlich etwa zehn uniformierte und bewaffnete Polizisten, knapp die Hälfte davon Frauen. Dieser Anblick in der idyllischen Umgebung war etwas unwirklich, und uns schwante, dass der Abend durchaus noch einen weniger idyllischen Charakter annehmen würde.
Abends nämlich übernahmen wie gesagt die Teenies das Regiment. Es gab das volle Programm: schnell saufen bis zum Vollrausch (die Mädels nicht weniger als die Jungs), gröhlen, laut Musik laufen lassen, kotzen, weitersaufen. Die Polizei war präsent und hatte die Lage gut unter Kontrolle, schien mir. Eigentlich war es genau wie früher, wir haben ja damals auch gesoffen wie die Löcher. Ob andere Drogen im Spiel waren, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, Alkohol spielte die Hauptrolle. Natürlich lag ab und zu auch Aggression in der Luft, und Prügeleien sind bei so etwas immer möglich. Aber andererseits schien mir hier keiner ein Messer in der Hosentasche zu haben. So gewisse, ganz elementare Hemmschwellen in Bezug auf Gewaltanwendung schienen mir noch vorhanden zu sein. Vieles erinnerte mich wirklich an uns früher, während andernorts sich die Jugendparty-Atmosphäre doch sehr verschlechtert hat, wie ich finde (härtere Drogen / niedrigere Gewaltschwelle / weniger Wir-Gefühl usw.).
Natürlich war die Atmosphäre auch erotisch aufgeladen, und manches sturzbesoffene Mädchen war sicher eine leichte Beute. Mindestens drei Viertel der Jungs sahen jedoch so betrunken aus, dass ich ihnen keine standfeste Leistung mehr zutraute. Außerdem fehlte es auch an Rahmenbedingungen: der Abend kühl, die Zelte schmutzig und überfüllt. An diesem Abend, nehme ich an, bellten die Hunde sehr laut, um dann um so weniger zu beißen. Auch diese Dinge, fand ich, haben sich eigentlich nicht geändert.
Wir folgten unserem Plan, uns ein ruhiges Plätzchen in der Natur zu suchen und auf einem Einweggrill Fisch zu grillen. Natürlich funktionierte das mitgebrachte Feuerzeug nicht, also ging Stefanie zurück zur Straße, um sich vom nächstbesten Teenagergrüppchen eins zu leihen:
„Hallo Jungs, habt ihr mal ein Feuerzeug für mich?“
„Klar, hier hast Du eins.“
„Danke, ich bring’s gleich zurück!“
„Woher kommst Du?“
„Aus Deutschland.“
„Heil H—–!“
Schließlich brannte das Feuer und der Fisch brutzelte. Dann jedoch kam ein Mann ernsten Blickes auf uns zu:
„Ihr wisst doch, das Ihr Euch hier auf Privatgrund befindet?“ sagte er auf schwedisch. Oh weh, dachte ich, soviel zum Thema Allemansrätt in Schweden.
„Förlåt?“ antworteten wir, uns dumm stellend. Die Mädels lächelten nach Kräften.
Er wurde weich und antwortete auf Englisch: „Also Ihr befindet Euch hier auf einem Privatgrundstück. Aber wenn Ihr Euch leise verhaltet, könnt Ihr gern hier sitzen bleiben. Aber nehmt bitte wirklich allen Müll wieder mit, sobald Ihr geht.“
„Schließlich“, so fügte er nach einer Pause hinzu, „ist heute Midsommar!“
Wir bedankten uns. Einerseits waren wir mitten in der Natur und das Privatgrundstück nicht auf den ersten Blick als ein solches auszumachen. Andererseits fragte ich mich selbstkritisch, ob ich Fremde auf meinem Privatgrundstück grillen lassen würde. Egal an welchem Tag.
Am nächsten Tag war es immer noch bedeckt. Wir wanderten nach Hamn, einem unglaublich pittoresken Ort auf der anderen Seite der Insel. Ein paar Dutzend Schwedenhäuser lagen hier verstreut in einer hügeligen Landschaft, mit schmalen Schotterpfaden verbunden. Dazu ein sehr niedlicher Hafen. Inmitten dieser wie eine Filmkulisse anmutenden Idylle schaukelte ein kleines Mädchen in einem rosa Kleidchen auf einer Schaukel. „Vad heter du?“ (Wie heißt Du?) fragte es jeden von uns und nannte seinen Namen sowie Papas Namen: Björne. Wir glaubten, eine Zauberin hätte uns gerade in ein Phantasieland der Schwedenklischees entführt.
Am darauf folgenden Sonntag hatte das Wetter endlich ein Einsehen. Die Sonne schien und liess den Himmel im kräftigsten Blau, die Wiesen im saftigsten Grün und die Häuser im tiefsten Rot erstrahlen. Wenn es schön ist, dann ist es wirklich wunderschön in Schweden. Das Wasser kochte vor lauter Booten, die wie eine Fauna für sich anmuteten: große und kleine, schnelle und langsame, hübsche und häßliche, alte und junge – Boote bunt wie das Leben. Auf der dreistündigen Rückfahrt bekamen wir um uns herum im Wasser mit Sicherheit über tausend Wasserfahrzeuge zu Gesicht. Schließlich fuhren wir bis mitten in die Zwei-Millionen-Metropole hinein und stolperten direkt aus dem Schiff in die U-Bahn. Ich bin von Hamburg ja einiges gewöhnt, aber eine derartige Verknüpfung von Wasser und Land, von Großstadt und Natur – das ist einmalig in Stockholm.
06.21.07
Midsommar
Am Wochenende ist Midsommar. Hier ein paar versprengte Einzelheiten, die ich zu Midsommar aufgeschnappt habe.
Heute ist Großkampftag beim Systembolaget, dem schwedischen Staatsmonopolisten für den Alkoholverkauf – die Leute decken sich mit Sprit ein. Statt der sonst üblichen 13.000 Liter Schnaps werden an diesem Wochenende 168.000 Liter verkauft, ein um 12.130 Promille höherer Verkauf, wenn man so will. Eigentlich wollte ich heute abend noch Bier kaufen – da wird die Nummer, die ich ziehen muss, wohl um einiger höher sein als die Nummer, die gerade dran ist.
Die größte Party mit den besten Prügeleien soll es in Vaxholm geben, einem sonst durchaus gepflegten Schären-Örtchen in der Nähe.
Einer sagte, zur Midsommar-Tradition gehöre das Regenwetter. Vielleicht blieben die verregneten Feste auch nur stärker im Gedächtnis, aber viele scheinen einen allgemeinen Pessimismus in Bezug auf das Wetter zu haben. Wenn die Wetterfrösche recht haben, wird es bei uns durchwachsen sein, sonnige und wolkige Abschnitte am Wochenende einander abwechseln.
Ein anderer beklagte, dass der Abend bei vielen derart mit Erwartungen aufgeladen sei, dass er zwangsläufig zu einer Enttäuschung werde. ‚Erwarte einen netten Abend mit ein paar Freunden und gutem Essen, nicht mehr und nicht weniger’, riet er mir. Das Phänomen der Über-Erwartungen ist sicher nicht spezifisch für dieses Volk oder dieses Fest. Aber der Rat ist gut, und ich werde ihn beherzigen.
Man verbringt dem Abend traditionell mit essen, trinken und ficken, erklärte mir ein dritter. Wenn ich mich recht entsinne, wich die Beschreibung in meinem Reiseführer davon leicht ab. Stand da nicht irgendwas vom Tanz um den Midsommarbaum (‚majstång’)? Die Abendgestaltung scheint wohl davon abzuhängen, ob man eine Ader für symbolische Verrichtungen hat. Oder eher weniger.
06.19.07
Schwedische Steuern – ja bitte
Heute im Sprachkurs kam mal wieder das Thema Steuern auf. Ein junger Amerikaner überraschte mich mit der Ansicht, die schwedischen Steuern seien völlig in Ordnung und durch den Gegenwert gerechtfertigt. Insbesondere verwies er auf das seiner Meinung nach hervorragende Gesundheitssystem. Seine Frau hatte gerade mit Komplikationen entbunden. Er schätzte, dass in Amerika ihre Operation und Behandlung für jemanden mit einer guten Versicherung (Monatsbeitrag 1000 USD) noch zusätzlich zur Versicherung mit 15.000 USD zu Buche geschlagen wäre. Krankenversicherung seien dort für Normalverdiener mit mehreren Kindern kaum bezahlbar. Und Anwälte der Versicherungen würden im Versicherungsfall alles tun, um nicht zahlen zu müssen, z.B. nach Formfehlern in den Anträgen suchen.
Ausserdem hat er in Schweden ein kleines Gewerbe angemeldet und fand die Unternehmenssteuern durchaus akzeptabel, kaum höher als in den USA.
Das fand ich mal eine erfrischend neue Sichtweise, die ich so von einem Amerikaner nicht unbedingt erwartet hätte. Sicher sagt seine Meinung mehr über die harten Wirklichkeiten in den USA aus als über Schweden. Aber immerhin: Jeder stöhnt in Schweden über die höchsten Steuern der Welt, und das tue ich auch – die Steuern und Staatsquote müssen hier meines Erachtens runter. Jedoch ist es auch wichtig, nicht die Leistungsseite zu vergessen. Ein Amerikaner hat dafür ein Auge, denn er kommt aus einem sozial stark unterentickelten Land.
Ich denke, Privatisierung ist kein Selbstzweck, und dass die Privatwirtschaft alles besser kann, ist ein dummer Traum von Erzkapitalisten. Andererseits sieht man, wie wenig Planwirtschaft funktioniert. Es gibt eben keinen einfachen Weg, kein Patentrezept, mit dessen Anwendung alles perfekt zu klappen beginnt. Man muss sich eben im jeden Einzelfall fragen: Wo muss der Staat regulieren? Wo kann die Wirtschaft effizienter arbeiten? Es ist ein ständiger Prozess, ein ständiges Ringen der beiden Seiten, genau wie das Finden eines gerechten Lohns ein ständig neu auszutragender Ringkampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitgeber sein muss.
Dieses mag den Vereinfachern und Patentrezept-Austeilern aller Couleur nicht passen. Patentrezepte sind daher eine so beliebte Sache, weil wir uns alle so sehr wünschen, das mit einer einfachen wirtschaftlichen/sozialen/religiösen/psychischen „Weltformel“ alles zum Besten geregelt sei. Es gehört für mich zum Erwachsensein, die Komplexität der Dinge zu erkennen und auszuhalten. Vereinfacherer sind Kindsköpfe.
06.16.07
Der Rotekreuzknopf
Getränkeflaschen aus Kunststoff werden in Schweden an Automaten gegen Pfand zurückgenommen, so wie man es in Deutschland aus dem Aldi kennt. Neben dem Knopf, der die Pfandquittung ausdruckt, gibt es auch einen Rotekreuzknopf. Drückt man den, wird der Pfandbetrag dem Roten Kreuz gespendet.
06.12.07
gelb und blau
Am schwedischen Nationalfeiertag schien die gelbe Sonne vom blauen Himmel, wie man hier gern in Anspielung auf die Nationalfarben betonte. Es war 31 Grad warm, das auf dem Balkontisch vergessene Thermometer zeigte sogar 51 Grad!
Wir verbrachten den Tag am Schloss Drottningholm, dem Wohnschloss der Königsfamilie. An der dem Schlosspark angrenzenden Wiese konnte man picknicken und dabei Musik auf zwei Bühnen lauschen. Es war eine zivilisierte, friedliche und sommerliche Atmosphäre.
Insgesamt haben die Schweden einen ziemlich entspannten Patriotismus. Bis vor kurzem war der Nationaltag nicht einmal ein Feiertag. Der Tag ist weniger ein Tag, um vor Stolz über sein Land zu platzen, sondern eher ein Tag, um sich in die Tradition der Vorväter zu stellen. Ein wenig Stolz auf das Erreichte ist da auch dabei, aber wen stört das.
Daran ändern auch ein paar demonstrierende Nazitrottel und eine Partei am rechten Rand nichts. Meiner Meinung nach ist eine kleine Minderheit demonstrierender Nationalisten sogar ein Zeichen einer gut funktionierenden Demokratie, denn (a) haben sie etwas zu demonstrieren, da ihre Ansicht so offenslichtlich von der überwältigenden Mehrheit abweicht, und (b) dürfen sie demonstrieren, da das ein Grundrecht in einer freien Gesellschaft ist. Ich will nicht sagen, dass man nicht wachsam sein soll, aber die reflexartig aufgesetzten Sorgenfalten politisch korrekter Journalisten gehen mir auf den Keks. Diese Aufmerksamkeit gebührt den Demonstranten gar nicht. Nicht so staatstragend tun und einfach nicht ernst nehmen, ist meine Devise.
Es ist die extreme Linke, die Deutschland ernsthaft gefährdet und täglich großen Schaden zufügt, siehe Rostock. Aber hier wird in Deutschland traditionell mit zweierlei Maß gemessen, was angesichts des 2. Weltkriegs zwar verständlich, aber damit lange noch nicht richtig ist.
06.11.07
Schweden gegen Deutschland
In der folgenden Tabelle vergleiche ich Deutschland mit Schweden. Der Vergleich ist absolut subjektiv und eine Momentaufnahme; nächstes Jahr kann er schon wieder ganz anders aussehen.
Der Vergleich ist so gemacht, dass ich Deutschland als Maßstab nehme und einen Prozentwert für Schweden relativ zu Deutschland angebe. Deutschland ist also in allem auf 100% normiert, und wenn ich z.B. 150% angebe, heisst das, dass Schweden in diesem Punkt eineinhalb mal ‚so gut’ ist wie Deutschland; wenn ich dagegen 80% angebe, ist Schweden 20 Prozent ‚schlechter’ als in Deutschland. Um Verwirrung zu vermeiden, bedeutet ein Wert größer 100% immer ‚besser’. ‚Steuern: 80%’ bedeutet also nicht etwa, dass es in Schweden nur 80% der deutschen Steuern gibt, sondern dass Schweden steuermäßig 20% ‚schlechter’ ist als Deutschland (die Steuern also höher sind).
Das Ganze ist natürlich eine Spielerei, bitte nicht so ernst nehmen!
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Allgemeines Lebensgefühl 150%
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Optimistische Weltsicht 200%
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Interesse am Rest der Welt 50% (Deutschland ist hier m.E. Weltmeister)
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Gelassenheit 200%
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Work-Life-Balance 150%
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Schönheit der Natur 100%
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Vorhandensein von Naturlandschaften 500%
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Arbeitslosigkeit 120% (Beide Länder mit Problemen auf dem Lande. Aber Arbeitslose müssen hier jeden Job annehmen, was jeder gut findet. In Deutschland gibt es einen größeren Sockel staatlich versorgter, fauler und and die Unselbständigkeit gewöhnter Versager)
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Gesundheitssystem 250%
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Toleranz allgemein 130%
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Toleranz gegenüber Ausländern 100% (es gibt aber viel weniger Konfliktpotenzial, also auch weniger Konflikte)
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Schönheit der Frauen 101% (plus 1% wg. der vielen blauen Augen)
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Gleichbereichtigung der Frau 125% (Beide auf hohem Niveau. 125% im Wesentlichen wg. der selbstverständlicheren Kombination von Mutterschaft und Arbeit. Deutschland insgesamt derzeit im Rückwärtsgang.)
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Sauberkeit der Städte 60%
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Patriotismus 100% (Ein paar Spinner hüben wie drüben. Der Rest weht hier zwar eher mal mit dem Landesfähnchen als in Deutschland, dafür aber sehr entspannt und selbstironisch – insgesamt plus/minus null)
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Gastronomie in der Großstadt 100%
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Gastronomie auf dem Lande 40%
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Freizeitangebot 100%
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Religiösität 80% (Beide Länder im globalen Vergleich auf extrem niedrigen Niveau. Ich vermute, Schweden ist mit den evangelischen Gebieten Deutschlands zu vergleichen. Deutschland insgesamt durch die katholischen Gebiete noch etwas religiöser.)
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Preise für Dinge des täglichen Bedarfs 90% (Hier wird oft übertrieben. Es ist etwas teuerer hier, aber nicht viel)
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Steuerhöhe 80%
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Steuereinfachheit 2000%
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Wohnpreise Stockholm 65%
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Hotelpreise 70%
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Sauberkeit der Toiletten 80%
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TV-Angebot 60% (beachtlich für die Größe des Landes, aber man kann für 9 Mio. Leute nicht so viel TV machen wie für 80 Mio.)
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Familiensinn 120%
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Umweltbewusstsein 75% (nicht schlecht, aber Deutschland ist hier m.E. Weltmeister)
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Liebe zur Natur 100% (beide Länder auf hohem Niveau)
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Wirtschaftskraft 100% (beide Länder derzeit im Wirtschaftshoch)
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Robustheit der Wirtschaft 120% (durchaus auch Gefahren hier, aber m.E. insgesamt etwas weniger anfällig)
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Kontaktfreude 60%
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Konfliktbereitschaft 150% / Hinterhältigkeit 50% (Zwei Seiten der selben Medaillie. Man ist beherrscht, höflich und scheut den offenen Konflikt. Da Menschen aber immer Menschen bleiben, kann es einem dafür hier etwas leichter passieren, ein ‚Messer in den Rücken’ zu bekommen.)
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Fähigkeit der Politik, im Land Dinge zu ändern 500% (Durchaus gibt es auch Grenzen hier. Aber Deutschland ist m.E. praktisch im Koma)
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Probleme durch Überalterung der Gesellschaft 1000% (Deutschland stirbt aus. Schweden nicht.)
06.05.07
Toiletten in Schweden
Toiletten in Gaststätten sind in Schweden anders gebaut als bei uns. Bei uns gibt es ja immer eine Herren- und eine Damentoilette. Diese bestehen aus jeweils einem großen Raum mit mehreren WCs, die durch Trennwände abgetrennt sind. Diese Wände bieten Sichtschutz, aber kaum Geräusch- und Geruchsschutz. Das halten wir für normal und haben uns daran gewöhnt.
In Schweden sind dagegen Toiletten meist einzelne kleine Räumchen mit WC und Waschbecken, ähnlich einer Gästetoilette zu Hause. Die Räume sind oft behindertengerecht gestaltet und/oder mit einem Wickeltisch ausgestattet, dadurch vielfach recht geräumig. Eine gepflegte Toilette dieser Art ist angenehmer und bietet mehr Privatsphäre als jede noch so schöne deutsche Restaurant-Toilette.
Es ist allerdings für kleine Lokale offenbar keine Vorschrift, getrennte Herren- und Damentoiletten zu haben. Es gibt dann eben nur einen solchen Raum für beide Geschlechter. Prinzipiell stört mich das nicht weiter, allerdings ist die Gesamtzahl verfügbarer Toiletten pro Restaurant-Sitzplatz in Schweden oft sehr klein. Das ist wohl der Preis für diese ‚separate’ Bauweise. Oft bilden sich daher Schlangen vor der Toilette. Schlimmer noch ist jedoch die Auswirkung auf die Sauberkeit: Manche Toilette ist wirklich extrem intensiv benutzt, und schmutzige Böden und Keramik, schlechte Luft, überfüllte Mülleimer etc. sind daher häufig zu finden. Natürlich gibt es in Schweden wie in Deutschland große Unterschiede, aber insgesamt ist erreicht die Sauberkeit im Durchschnitt in Schweden derzeit nicht das deutsche Niveau.
Die absoluten Könige in dieser Beziehung sind für mich aber die Schweizer. Hier habe ich ausnahmslos immer eine top-gepflegte Toilette vorgefunden – noch einmal eine Klasse besser als in Deutschland. Häufig sind dort auch ganz moderne Konzepte zu finden, z.B. Luftabzüge direkt in der Toilettenschüssel oder einen sich automatisch nach jeder Benutzung selbst reinigenden Toilettensitz. Bei einem Kunden fand ich eine Toilette mit eingebautem Bidet, bei dem nach Benutzung der Hintern mit Warmluft getrocknet wurde. Klar, wie im Projekt dort alle das menschliche Bedürfnis umschrieben: „Fangt schon mal an mit der Besprechung, ich geh’ mir vorher nur mal eben schnell den Arsch föhnen.“
06.03.07
Nicht dazugehören
Als weißer, inländischer, männlicher, nicht-behinderter, heterosexueller, nicht-vorbestrafter, nicht-Schufa-eingetragener, nicht-einer-religösen-Minderheit-angehörender usw. Mensch gehörte ich bisher nur selten einer Minderheit oder benachteiligten Bevölkerungsgruppe an. Insofern kenne ich die bewußten oder unbewußt angewendeten Techniken, eine solche Gruppe ihre Minderwertigkeit oder Nicht-Dazugehörigkeit spüren zu lassen, kaum am eigenen Leibe. Umso empfindlicher bin ich aber vielleicht dafür, und das ist durchaus eine Erfahrung, die ich jedem gönne, gerade auch den Mächtigen. Es macht bescheiden und schärft die Sinne für die Belange derer, die nicht so selbstverständlich akzeptiert sind.
Eine der perfideren Techniken ist es, das Selbstverständliche zu betonen, bis es fragwürdig klingt. Ich meine zum Beispiel:
- Bundeswehroffizier beginnt jeden Morgenappell mit: Ja, wir haben ja jetzt auch weibliche Soldaten unter uns. (grins) Denkt immer dran, Männer: Frauen können genauso gut kämpfen wie wir. …
- Politiker beginnt jede Aussage zum Thema Immigranten mit: Ja, also eins vorweg: ich mag wirklich Immigranten. Aber … [Lies: Ich mag keine Immigranten, weil... In Sätzen mit ‚aber’ kann man den Teil vor dem ‚aber’ getrost vergessen, oft gilt sogar das genaue Gegenteil]
Leider geht mir das im Moment im Job genauso mit meinen noch mangelhaften Schwedischkenntnissen. Ich unterstelle niemandem Absicht – das läuft wohl eher unbewußt. Aber einige Kollegen, darunter leider auch mein Chef, bringen das leidige Thema bei ausnahmslos jedem Gespräch auf. Sie sagen dann Dinge wie: Also wir sind ja jetzt ein internationales Unternehmen und nehmen auch gern Kollegen aus den anderen Ländern auf … Nein ist wirklich kein Problem, das Meeting jetzt in Englisch abzuhalten … Nein, ich muss auch wirklich an meinem Englisch arbeiten … Oh, du hast mein Schwedisch gerade verstanden, du machst ja wirklich ganz tolle Fortschritte …
Das kann man alles einmal sagen, aber wenn es dauernd kommt, dann ist der Klartext für mich:
- Ich bin nicht sicher, ob wir Kollegen aus Deutschland aufnehmen sollten.
- Es nervt mich, das Meeting nur wegen dem einen Typen in Englisch abhalten zu müssen.
- Ich will nicht an meinem Englisch arbeiten, arbeite Du lieber an Deinem Schwedisch.
- Du sprichst nur Brocken Schwedisch, ich weiss nie ob Du mich verstehst oder nicht.
Momentan kann ich das wohl nur aushalten und muss hoffen, das das Problem mit meinen wachsenden Schwedischkenntnissen langsam verschwindet. Aber manchmal möchte ich das Gegenüber einfach nur schütteln und sagen: Ich glaube, Du merkst nicht einmal selber, wie entlarvend Du sprichst. Sei doch mal etwas ehrlicher, dir selbst und mir gegenüber, damit könnte ich viel leichter umgehen.
Auch als ich damals nach Amerika ging, umwehte mich plötzlich und unvorbereitet ein kühler Hauch der Ablehnung. Jeder Immigrant steht nämlich dort vor dem köpenickschen Problem, keine Sozialversicherungsnummer ohne festen Wohnsitz zu bekommen und andererseits keinen Mietvertrag ohne Sozialversicherungsnummer schließen zu können. Zurück in Deutschland wollte mir der Saturn keinen Handyvertrag geben, da ich bei der Schufa nicht mehr bekannt war. (Ich hatte nicht etwa einen Eintrag, es gab mich einfach nicht mehr. Meine Erklärungsversuche wurden mit einem blasierten das-interessiert-uns-nicht abgetan).
Mein Leben ist von einer dünnen gesellschaftlichen Lackschicht des wir-brauchen-dich, wir-akzeptieren-dich, du-gehörst-dazu überzogen, unter dem sich beim geringsten Kratzer eine Untiefe des geh-nach-hause, du-gehörst-nicht-dazu, mit-dir-wollen-wir-nichts-zu-tun-haben auftut. Es ist gut, sich dessen bewusst zu sein.
Die Ablehnung muss ja nicht gleich so drastisch kommen wie bei jenem Professor für Luft- und Raumfahrttechnik, von dem mir ein befreundeter Student erzählte. Der begann seine erste Vorlesung im ersten Semester mit den Worten: „Guten Morgen, meine Herren. Oh, ich sehe gerade, wir haben ja wie immer in der ersten Vorlesung auch zwei oder drei Damen dabei, also muss ich sagen: Guten Morgen, meine Damen und Herren. Na ja. Das gibt sich sicher bald wieder.“