11.28.07
Schwedenkrimis II: Camilla Läckberg
Camilla Läckberg schreibt grottenschlechte Krimis. Läckberg ist das Trivialste, das mir seit Jahren untergekommen ist. Die Bücher strotzen nur so von Klischees: böse Reiche – gute, kleine Leute; böse Männer – gute Frauen, die gute alte Zeit – die böse neue Zeit. Die Heldin ist eine komplizierte Tussi, deren ‚kleine Schwächen’ ich wohl sympathisch zu finden habe, da sie doch einen soooo einen guten Kern hat, nichwahr.
Besonders unerträglich ist Läckbergs Beschreibung einer romantischen Liebschaft. Der arme Kerl hat ihr ab und zu verschämt auf ihren herrlichen Busen zu schauen, aber natürlich sofort auf die süßeste Art rot zu werden, wenn er merkt, dass sie es merkt. Natürlich merkt sie es immer, schließlich hat eine Frau einen sechsten Sinn für sowas, nichwahr. Nur nach einigen Langweiler-Abenden des Sich-gegenseitig-Bekochens bei Kerzenlicht landen sie im Bett, denn eine Frau mit Niveau lässt sich ja nicht so einfach erobern, nichwahr. Und dann haben sie es fünf Mal zu treiben, das schreibt sie wirklich, fünf mal!!, denn die ersten vier mal ist sie natürlich verkrampft, aber beim fünften Mal ist es dann göttlich, denn so sind Frauen eben, nichwahr.
Schaut Euch ein Bild von ihr im Internet an. Genau so stelle ich mir eine Frau vor, die so einen Müll schreibt.
Die Läckberg schwimmt einfach auf der Skandinavienkrimi-Welle mit, das ist alles. Eine BWL-Studierte, die besser weiter beim Steuerberater die Ablage machen würde.
Ich habe ‚Die Eisprinzessin schläft’ gelesen und werde ganz bestimmt kein zweites Buch von ihr versuchen. Auf dem Umschlag prangt ein Aufkleber mit einer Empfehlung der Frauenzeitschrift Brigitte. Ich kann also nicht sagen, das ich nicht gewarnt war. Ein Buch mit einer Brigitte-Empfehlung gekauft – das passiert mir nicht nochmal.-
11.26.07
Tittenmemory
Die Hauptstadt erotischer Souvenirs ist zweifellos Amsterdam. Die schwedische Auswahl ist kleiner und weniger obszön, dafür aber eher origineller. Zum Beispiel gibt es ein Memoryspiel mit den Fotos von 50 verschiedenen Frauenbrüsten. Es wird im Souvenirladen verkauft, der direkt mit dem offiziellen Touristenbüro der Stadt integriert ist!
Es gibt auch ein Mousepad für den Computer (schwedisch: ‘musmatt’) mit dem Foto eines Frauenschoßes. Der Wortwitz dürfte den meisten Touristen aber verschlossen bleiben, denn diese Körperstelle heißt umgangssprachlich bei den Schweden, na was wohl, mus.
11.23.07
Öresund Runt
Beruflich bin ich derzeit in Helsingborg unterwegs. Das Büro liegt neben dem Fährhafen, und aus dem Fenster im vierten Stock blicke ich über einen schmalen Streifen Wasser direkt auf Dänemark. Man muss mit eigenen Augen gesehen haben, wie nah sich Schweden und Dänemark hier kommen – lächerliche drei Seemeilen Abstand.
Als Steffi für einige Tage beruflich in Kopenhagen war, habe ich sie dort einen Abend mit der Bahn besucht. Man empfahl mir das Ticket ‚Öresund Runt’, das heißt etwa ‚rund um den Öresund’. Damit konnte ich einen Zug nehmen, der auf schwedischer Seite südlich bis nach Malmö fuhr und dann weiter über die Öresundbrücke bis nach Helsingborg ging. Das Ticket erlaubt jedoch nicht die Rückfahrt auf gleicher Strecke, sondern ich musste meine Reise im Uhrzeigersinn fortsetzen und einen Zug nach Helsingör nehmen, um dann mit der Fähre zurück nach Helsingborg zu gelangen. Für einen kompletten Zirkel hat man maximal drei Tage Zeit, kann entweder im Uhrzeigersinn oder im Gegenuhrzeigersinn fahren, aber eben nicht hin und zurück. Das Ticket kostet stark ermäßigte 199 SEK (ca. 22 Euro), inclusive Fährfahrt. Die einfache Fahrt mit dem Auto über die Brücke kostet übrigens allein 33 Euro Maut.
Eine tolle Sache. Die Zugfahrt über die Brücke und die Fährfahrt haben einen ganz unterschiedlichen Charme. Man besucht Kopenhagen und hat sich ganz nebenbei ein Gefühl für den gesamten Öresund ‚erfahren’.
11.14.07
Die Vorzüge der Sklavenhaltung
Ein Nachteil an Schweden ist sein Mangel an Sklaven. Zum Beispiel reinigt ein älterer Herr mein Büro. Weisser Hautfarbe, um die 50; er könnte optisch auch der Boss hier sein. Aber er moppt unter meinem Schreibtisch und wischt die Kaffeetassenringe darauf weg.
Das bereitet mir ein gewisses Unbehagen. Warum eigentlich? Würde die Arbeit von einer jungen Osteuropäerin vorgenommen, hätte ich sie mit Sicherheit nicht mal wahrgenommen. Okay, ein Teil meines Unbehagens hat wohl mit dem Respekt vor dem Alter zu tun. Warum dient der Ältere dem Jüngeren? Bis zu einem gewissen Grade, finde ich, haben eher die Älteren Anrecht auf die Dienste der Jüngeren, solange es nicht deren Lebenspläne erstickt.
Aber seien wir ehrlich, ein Rest Sklaventreiber-Mentalität ist auch dabei. Ich bin es aus Deutschland einfach so gewohnt, dass schlecht bezahlte Arbeiten von einer sozialen Unterschicht meist ausländischer Herkunft (ob mit deutschem Pass oder nicht) gemacht werden, so dass mir das Gegenteil hier auffällt. Hübsche Blondinen putzen hier das Klo – sollten das keine leberfleckigen Rumäninnen mit schlechten Zähnen sein? Und wieso hat der Taxifahrer einen schwedischen Nachnamen und ein Ferienhaus in Dalarna? Na ja, wenigstens ist der Tellerwäscher in der Firmenkantine schwarz.
In den meisten Ländern gibt es ein Meer Ungelernter, die für schlechtes Geld zu arbeiten bereit sind, oft fast ohne Rechte. Mit anderen Worten: Sklaven. Hier dagegen werden Taxifahrer in Anzeigen in der U-Bahn verzweifelt gesucht, oder Fließbandarbeiter für das Scania-Werk. Da die Job-Nachfrage das Arbeitskräfte-Angebot übersteigt, sind auch die einfachen Jobs relativ gut bezahlt. Im internationalen Vergleich verdient mein Putzopa garantiert traumhaft gut. Kein Wunder ist alles teuer hier in Schweden, denn Sklaverei hält die Preise niedrig.
Im Ernst, ich lebe gern in einem teuren Land, wenn ich dafür das Gefühl habe, dass auch die Reinigungskraft in meinem Büro menschenwürdig entlohnt wird. Ich bin auch für einen Mindestlohn. Allerdings schüttle ich den Kopf über Leute, die gleichzeitig einen Mindestlohn und billigere Butter fordern.
In Deutschland gibt es ja noch die Absurdität, dass der Staat deutsche Leistungsunwillige auf einem Niveau durchfüttert, das dem niedrig bezahlter Jobs nahekommt (mittlerweile allerdings in abnehmendem Maß). Durch die offenen Grenzen gibt es aber dennoch genug Sklaven, sprich Niedriglohn-Willige – aber eben keine Deutschstämmigen. So einen inländischen Bodensatz kennt Schweden übrigens nicht: Jeder muss angebotene Jobs annehmen, sonst gibts kein Geld vom Staat, auch wenn das der Vorstellung linker Sozialromantiker vom Sozialparadies Schweden widerspricht. Ich finde das goldrichtig. Faire Löhne: ja, Recht aufs Faulsein: nein.
Den besten Sklavenmarkt gibt es aber nach wie vor in Amerika – Tradition verpflichtet. Die Sklaven heißen heute allerdings ‚illegal immigrants’ oder einfach ‚illegals’. Bequemerweise haben sie keinerlei Rechte. Ich sah in Brooklyn einen, der nachts auf der Straße das draussen ausgestellte Gemüse eines Obstladens bewachte, denn 3,50 Dollar Stundenlohn für den Wächter ist billiger, als das Gemüse täglich reinzuholen. Und die Hemden meines Cousins aus der Wäscherei waren nicht nur gewaschen und gebügelt, sondern perfekt zusammengelegt wie ein ladenneues Hemd, mit Pappkragen und Nädelchen. Kostenfaktor 1,50 Dollar. Als ich damals in den USA lebte, brachte ich die Hemden auch zur Wäscherei. Wer ist denn so blöd und bügelt für einen Dollar (allerdings ohne Pappkragen) seine Hemden selber? Alle politischen Initiativen zum Thema ‚illegals’ sind so gestaltet, dass sie das Problem auf keinen Fall lösen, denn ohne dieses Problem hätte die amerikanische Wirtschaft sofort ein noch viel größeres Problem.
11.12.07
Servicewüste Schweden
Deutschland wird manchmal als Servicewüste beschrieben, was natürlich in dieser Verallgemeinerung Unfug ist. Die Servicequalität in Deutschland ist sehr uneinheitlich, ‚Serviceflickenteppch’ wäre wohl treffender.
Wer eine echte Servicewüste erleben will, muss mal nach Schweden kommen. Ich habe mich mal bei SL (Stockholmer U-Bahn) über die chronische Unterbesetzung einer bestimmten U-Bahn-Station beschwert. Jahwohl, SL hat ein Servicetelefon. Aber als ich dort mein Anliegen höflich vortrug und bat, das man mir nach Bearbeitung der Beschwerde eine Antwort gibt, wurde ich abgeschmettert. Sie sagte wörtlich: ‚Wir werden Sie nicht zurückrufen. Es ist unsere Aufgabe, Züge zu betreiben und nicht, Leute anzurufen.’. Als ich sagte, die Aufgabe wäre doch vor allem, zufriedene Kunden zu haben, wurde die Dame richtig pampig: ‚Wenn es Ihnen zu lange dauert, können Sie ja Taxi fahren!’
Einmal habe ich auch die Polizei angerufen, in einem Fall, der m.E. klar Hausfriedensbruch war. Die Polizistin stellte unfreundlich klar, dass doch selbst mit dem Kerl reden sollte (was ich natürlich schon getan hatte). Nein, man werde nicht rauskommen. Und dann sagte sie tatsächlich, die Polizei würde doch nicht von mir bezahlt. Als ich dann erwiderte, zugegeben verärgert, dass die Polizei sehr wohl vom Bürger bezahlt wird, legte sie wütend auf.
Typisch. Es gibt Servicenummern oder sonstige Kontaktmöglichkeiten, aber das sind alles hohle Versprechen hier. Am anderen Ende sitzt nie jemand, der Lust und Macht hat, den Kunden zufriedenzustellen.
Auch wenn es nicht direkt um Beschwerden geht, wird man in Kundenservice-Angelegenheiten oft enttäuscht. Viele Hotels geben sich alle Mühe, so gerade eben mit Not das Niveau zu bieten, bei dem man sich nicht beschweren kann. Aber das Lächeln am Empfang, das Betthupferl auf dem Nachttisch, die kleine Geste, die zeigt: wir sind gerne und mit Stolz Hoteliers, und wir möchten, dass Sie uns gut in Erinnerung behalten – Fehlanzeige. Bei meinem jetzigen Hotel fing ich an, wegen der vielen Übernachtungen Punkte zu sammeln. Die Rezeptionsdame ließ sich aber weder mit zunächst freundlichen noch später unfreundlichen Worten überreden, mir die Nächte der vergangenen Woche gutzuschreiben. Sieht so Kundenbindung aus? Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie sich die tolle Kundenkarte sonstwohin stecken kann.
Ich habe einen tollen Test zur Servicequalität eines Land entwickelt – eine vergleichbare Kundensituation, global nachvollziehbar. Gehe nach McDonalds, bestelle einen McFlurry und sage dazu: ‚Mit extra vielen Smarties, bitte!’. Erfolgsquote in den USA: 100%. In Deutschland: 50%, schätze ich. In Schweden: 0%. Dass der zufriedene Kunde wichtiger ist als ein paar zusätzliche Smarties, ist etwas, das beim Amerikaner in jeder Faser steckt. Du willst mehr Smarties? Na komm, hier hast Du noch ein paar, lass es Dir schmecken! Amerikaner, habe ich oft festgestellt, freuen sich über Sonderwünsche, da es ihnen die Möglichkeit gibt, ihre besondere Serviceorientierung zu zeigen. In Schweden dagegen: Du willst mehr Smarties? Also, Ein McFlurry enthält genau einen Portionierer voll Smarties, und genau das kriegst Du hier! Willst Du etwa eine Extrawurst? Hälst Dich wohl für was Besseres, was? Du kriegst hier genau das, was jeder andere auch kriegt, und wenn Dir das nicht passt, kannst Du gern woanders hingehen!
11.07.07
Der Maybach des Dalai Lama
Wir waren seit längerem mal wieder für drei Tage in New York City. Ein Delirium, wie üblich.Wir lebten bei meinem Cousin in Brooklyn. Eine gammelige U-Bahn, darin mehr Klappmesser als Alphabeten. Eine Wohnung mit Mülltonnen direkt vor den Fenstern; gut, dass es nicht mehr so heiss war. Abends in Brookln essen gewesen. Hier verlor sich kein Tourist hin. Südamerikanische Indios führten so eine Art französisches Restaurant. Sorry, no Credit Cards, das ist New York.
Morgens auf dem Apple rumgesurft; was machen wir denn heute mal? Über ein Konzert von Tori Amos gestolpert, am gleichen Abend im Madison Square Theatre, sofort online Tickets gekauft. Schnelle Entscheidungen, das ist New York.
Uns vom Cousin ins noble ‚Koi’ einladen lassen. Um uns herum so eine Art Live-Folge von Sex and the City. Die Frauen repräsentierten eine für mich altmodische Art von Sexyness, oder steht eigentlich irgendeiner noch auf goldenen Stöckelschuhen? Also ich nicht. Ein Sushi-Häppchen so 20 – 25 Euro, man brauchte mindestens vier davon zum Sattwerden. Geld verbrennen, dass die Schwarte kracht, das ist New York.
Am Times Square gewesen, CDs im Virgin Store gekauft. Als wir herauskamen, liess gerade ein heftiger Regensturm alles zusammenbrechen: Verkehr, Kanalisation, Kommunikation … Strassenverkäufer hatten sich blitzschnell umgestellt, ihre Rufe ‚Umbrella Umbrella Umbrella Umbrella!’ an allen Ecken. Dampfende Kanaldeckel, die Spitze des Empire State in Wolken, die himmelhohen Leuchtreklamen vor schmutziggrauem Hintergrund. Atemberaubende Atmosphäre, das ist New York.
Mit dem Auto nachts durch Manhattan gefahren. Das Navi mit Emfpangsstörungen in den tiefen Häuserschluchten, dreimal in der Minute ‚Recalculating!’ ausrufend. Zähfliessendes Vorankommen, hupende Taxis, Fussgänger, von denen keiner vor der roten Ampel stehenbleibt. Eine Welt für sich, man fühlte sich wie Robert de Niro, und auf eine verdrehte Weise machte es Spass. Warum Touristen warnen vor dem Auto in NYC, das muss man mal gemacht haben, denn Chaos auf den Straßen, das ist New York.
Im Tory Amos-Konzert eine Schweizerin auf Urlaub aufgegabelt, Psychogin. Mit ihr Tanzen gegangen, ins Katwalk, einem Aufreissladen fuer Vorstadt-Tussis. Videos von Bikinimädchen, bauchfreie Kellnerinnen, aufgedonnerte Kundinnen aller Hautfarben. Frauen mächtig in der Überzahl, denn allgegenwärtiger Frauenüberschuss, das ist New York.
Beim Rockefeller Center rumspaziert, an der Radio City Hall vorbeigekommen. Dort gastierte gerade der Dalai Lama, oder wie man das bei so einer Heiligkeit nennt. Um die Hausecke gegangen; am Künstlereingang parkte ein Maybach. Der Dalai Lama referierte zum Thema ‚Siebzig Verse über die Leere’ – darüber auf der Rückbank eines Maybach meditieren, das ist New York.
Die Schweizerin nach Hause gebracht. Sie wohnte bei einer Freundin in einem Firmenappartment für 6000 Dollar Miete im Monat. In der eigentlich besseren Strasse versuchten vielleicht hundert Penner, ein paar Stunden zu schlafen. Es war kühl. Sie benutzten Kartons zum Bau einer Art Höhle. Vier aneinandergereihte Kartons, die mittleren ohne Boden, bildeten eine Art Sargform. Dutzende von solchen Gebilden lagen herum, darin Privilegierte, die nicht wie viele andere die kühle Nacht nur unter einer gammligen Decke verbringen mussten. Im 40. Stock den Blick auf die Freiheitsstatue genießen und verdrängen, dass schon bald nicht mehr jeder Penner hundert Meter tiefer die kalte Nacht überleben wird, das ist New York.
Stockholms Smultronställen
‚Smultronställe’ heisst übersetzt sinngemäß ‚Lieblingsplatz’. Eigentlich ist es der Platz im Wald, an dem man die leckersten Smultronen (Walderdbeeren) gefunden hat und zu dem man daher gern zurückkehrt. Es gibt Bücher mit Stockholms Smultronsställen, aber die Schönsten sind doch immer noch die, die man selbst entdeckt hat. Hier drei meiner persönlichen Smultronställen in Stockholm.
Im Garten der Waldemarsudde findet sich eine kleine Bronzeplastik einer Frau, die sich so lasziv dahinräkelt, dass man es wohl obszön nennen müsste, wenn es nicht Kunst wäre. Hinter der Figur befindet sich ein winziger künstlicher Teich, der von Bänken umgeben ist. Im Teich schwimmt eine Plastikente. Man blickt aufs Schärenwasser und das gegenüberliegende Södermalm. Man sitzt windgeschützt und nach Süden hin; bei Sonnenschein wird es schön warm. Die Stelle ist so versteckt, dass hier nur wenige Leute hinfinden. Nein, ich stelle kein Foto ein – selber hingehen …
Die Altstadt (Gamla Stan) ist in größeren Teilen eine üble Touristenfalle, aber eben nicht nur. Bei Dunkelheit und schlechtem Wetter entwickelt sie einen enormen Charme, mit den gelben Laternen und den nass glänzenden Pflastersteinen. Ich gehe dann gern durch die Seitengäßchen, aus denen der Regen die letzten Touristen vertrieben hat. Manchen mögen die finsteren Ecken und Winkel erschrecken, aber ich fühle mich in Stockholm absolut sicher; ich kann nicht einmal erklären, warum. Ein Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen, die hier vor Jahrhunderten lebten, stellt sich ein. Wird mir kalt, gehe ich durch einen nicht einmal mannshohen, bogenförmigen Durchgang in die Seitengasse mit dem winzigen Jerusalem Kebap. Der jüdische Besitzer erkennt Deutsche, ohne dass sie ein Wort gesagt haben, spricht sie auf deutsch an, und ist immer für ein scharfzüngiges Witzchen zu haben. Hier schmeckt mir auch ein Kebap, während ich sonst einen Bogen um Kebapbuden mache.
Im Eriksdalsbadet befindet sich auch ein Fitneßstudio. Die Ellipsen-Kardiogeräte sind an einer besonders schönen Stelle aufgestellt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Studios in Stockholm, die kein oder kaum Tageslicht bieten, steht man im 2. OG direkt hinter einer Wand ganz aus Glas. Man blickt auf Wasser, einen Bootshafen, Wiesen, Bäume. Spaziergänger und Jogger ziehen vorbei, und Badende planschen im zur Linken liegenden Außen-Whirlpool des Bades. Am Uferweg steht ein Schild, das Radfahrer zur rücksichtsvoller Fahrweise ermahnt, insbesondere gegenüber älteren Personen und Liebespärchen (!). Die ganze Szenerie ist so friedlich, dass man neben dem körperlichen Training den Geist gleich mit erholt. Leider wirkt die Glaswand wie ein Treibhaus, so dass es im Sommer oft zu heiß wird. Dennoch gehe ich hier gern hin. Anschließend geht es in den riesigen Kraftraum. Hier geht es nicht ganz so idyllisch zu, besonders, wenn der Trainer im Rollstuhl (wirklich!) mal wieder eine seiner Lieblingsbands aufgelegt hat, Rammstein.