12.31.07
Schwedenkrimis III: Stieg Larsson
Grundsätzliches
Stieg Larsson hat eine Krimitrilogie mit den beiden Helden Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander geschrieben. Der erste Band, ‚Verblendung’, ist als Taschenbuch erhältlich. Der zweite Band, ‚Verdammnis’, ist derzeit nur im Einband zu haben, Taschenbuch im September 2008. Der dritte Band, ‚Vergebung’, erscheint in Deutsch erst im März 2008. Weitere Bücher wird es definitiv nicht geben, denn Stieg Larsson ist leider bereits früh verstorben.
Dies sind die wahren Schwedenkrimis der Schweden. Die Bücher sind extrem erfolgreich hier; sehr lange waren alle drei in den Top 10 der verkauften Bücher. Praktisch jeder kennt sie hier.
Anspruch
Mittel bis hoch. Es ist in erster Linie hochklassige Unterhaltung. Es kommen auch durchaus gesellschaftliche Probleme zur Sprache, aber das ist bei jeder lebendigen Darstellung unserer heutigen Welt der Fall.
Nirgendwo werden die Bücher dröge oder belehrend. Sie sind sogar besonders süffig zu lesen. Larsson lässt sich mit seinen Geschichten durchaus Zeit, und er nimmt das Tempo hier und da zurück, aber dank der treffenden Charakter- und Milieustudien liest man auch diese Passagen gern. Insgesamt sind die Geschichten aber sehr spannend. Manche Folter- und Vergewaltigungsszene dürfte sogar an der Grenze des Erträglichen für zart Besaitete sein.
Skandinavienflair
Sehr hoch. Für mich als Södermalm-Bewohner sowieso überragend: die Straßen, die Kneipen – alles echt. Ein Krimi, der bei mir um die Ecke spielt. Aber auch der Rest Schwedens, die Menschen, die Natur usw. kommt sehr authentisch rüber. Manches wird auch ironisch auf die Schippe genommen, aber das verstehen in Deutschland vermutlich die wenigsten.
Charakterzeichnungen / Was ich besonders mag
Lisbeth Salander ist schon eine schräge Heldin. Computerhackerin, anorektisch, tätowiert, mit schrecklichen Klamotten, mit dem Gesetz in Dauerkonflikt und restlos sozial gestört. Definitiv die Person, um die man auf der Straße einen Bogen macht. So jemanden muss man erst mal zum Buchhelden machen. Man kann ihr als Leser nur mit einer Mischung aus Faszination, Sympathie und Abscheu begegnen. Es braucht schon einen guten Autor, um so einen Charakter überzeugend zu zeichnen.
Mikael Blomkvist kommt dagegen als Held schon geradezu zu konventionell daher. Nichts zur Abwechselung mal gegen einen attraktiven Helden, aber die Art und Weise, wie ihm Frauen jeden Alters und Couleur mühelos zu Füßen liegen, ist mir einen Tick zu nah an pubertären Phantasien.
Aber egal: Die Bücher sind Unterhaltung vom Allerfeinsten, und wenn ich jemandem einen Urlaubs-Schmöker empfehlen soll, egal, welchen Genres, so ist es derzeit definitiv ‚Verblendung’.
12.19.07
Schweinebacke
Es blickt etwas verschmitzt drein, das Schwein. OK, eigentlich ist es nur noch ein echter Schweinekopf, auf einem Silbertablett. Verziert mit weißen Schaumtupfen, das eine Ohr keck abgewinkelt. Zehn Stunden am Tag schwitzt es im Scheinwerferlicht des Buffets. Manchmal unterhält es sich mit dem Handwerkerzwerg, das ist der mit dem Zollstock in der Hand.
Wir sind im Grand Hotel, Stockholm. Drunter machen wir’s nicht. Hier gibt es das beste Julbord Stockholms (der Welt?). Julbord, das ist ein vorweihnachtliches Buffet, das die Restaurants überall anbieten. Im Grand Hotel gibt es vier Schichten am Tag, von 12:00 bis 22.00, das sind 2 ½ Stunden pro Schlemmerei; und soviel Zeit braucht man auch, um bis zu Käse und Kaffee zu kommen. Die Tische sind wochenlang im Voraus ausgebucht.
Früher gab es mal Hemdkragen, die es unmöglich machten, den Kopf zu drehen. Der Kragen des Obers sieht zwar ganz normal aus, aber trotzdem tut er so, als würde er einen solchen Kragen tragen. Wenn er sich jemandem zuwendet, dreht er den ganzen Oberkörper, oder er schaut aus den Augenwinkeln. Das gibt ihm auch etwas verschmitztes. Verschmitzt zu schauen scheint hier das Gebot der Stunde zu sein. Ausserdem hat er dauernd den linken Arm im Kreuz. Gern würde ich ihm Tipps gegen Rückenschmerzen geben.
Die Tische sind entlang einer Wand ganz aus Glas aufgestellt, was nicht so ganz zur sonst allgegenwärtigen Diskretion des Ortes passen will. Aber diese Aussicht konnte man einfach nicht zumauern. Etwas erhöht sitzend, blickt man auf eine der Anlegestellen für Schärenboote, wo auch jetzt, um 21:00, noch Betrieb herrscht. Dann ein schmaler Streifen Schärenwasser, und dahinter direkt der königliche Palast in seiner ganzen Wucht, kolossal, wehrhaft, einschüchternd, nordisch. Versailles ist herrlich weit weg.
12.14.07
Werde Schwede, kaufe schwedisch!
Ich möchte nochmal ein Thema aus dem letzen Eintrag aufgreifen: der patriotische Einkauf. In immer stärkerem Maß bevorzuge ich beim Einkauf skandinavische Produkte, ersatzweise deutsche Produkte. Voraussetzung ist und bleibt allerdings, dass die Produkte ein gutes Preis-Leistungsverhältnis aufweisen. Dies ist allerdings meistens kein Problem. Ich halte das Klischee für Quatsch, dass der Käufer inländischer Produkte sozusagen ein finanzielles Opfer zur Stärkung der lokalen Wirtschaft bringen muss. Stimmt nicht! Bei sehr vielen Produktgruppen sind lokale Produkte sehr wohl konkurrenzfähig, zumindest ab mittlerer Qualität aufwärts. Nur wen sein Geldbeutel zu Billigwaren zwingt, der wird bei asiatischen Produkten landen, aber da wird die Qualität dann auch dem Preis entsprechen.
Meine Veränderung in dieser Hinsicht hat sicher mehrere Gründe. Zum einen brauche ich nicht mehr wie noch in Studententagen nur das Billigste zu suchen. Ausserdem hat die Konkurrenzkraft europäischer Produkte auch wieder zugenommen. Heutzutage würde ich sogar ein deutsches Auto in Betracht ziehen. (Das sagt ein Honda-Fan, der für das Preis-Leistungsverhältnis deutscher Autos jahrzehntelang nur Verachtung übrig hatte.) In Zeiten der Globalisierung nehme ich die Notwendigkeit, die eigene Wirtschaft zu stützen, stärker wahr als früher. Ausserdem aber, und jetzt sind wir endlich beim Schwedenblog, hat es auch etwas mit Identifikation zu tun, nach dem Motto: Fühl Dich wie ein Schwede, besitze ein schwedisches Produkt! Konsum als Identifikationsfaktor. Man kann natürlich nörgeln und sagen, dass es bessere und billigere Wege zur Integration gibt als ausgerechnet Konsum. Stimmt, aber ich stelle ja auch einfach nur fest, dass Konsum eine gewisse Identifikationskraft hat.
Ich meine, gegen meine neu-norwegischen Freunde bin ich ja ein Waisenknabe. Als die eine neue Hifianlage suchten, kam nur Electrocompaniet in Frage, die in ihrem Nachbarort hergestellt werden. Kenner wissen, was das heißt. Hier meine vergleichsweise bescheidene Wunschliste skandinavischer Produkte:
- Sowohl Schweden als auch Deutsche können gut mit Eisen umgehen. Als Outdoor-Messer hätte ich gern mal eins von EKS (aus Eskilstuna nahe Stockholm), oder gar die Legende: Fjällkniven F1.
- Und weiter Outdoor: The North Face ist cool. Keine Frage. Aber Haglöfs ist cooler. Fjällräven auch. Fjällräven mag ich, seit ich mal ein beeindruckendes Interview mit dem schwedischen Gründer gelesen habe.
- Schwedische Glaskunst: Sowieso unübertroffen.
- Kleidung: Nun, ich bin ja nur sehr vorübergehend ein Fashion Victim, und meine Nudie Jeans reicht mir erst mal. Aber Mode ist hier wichtig, und Kopenhagen hat Paris als Modehauptstadt für junge Leute sogar überholt. Auch schwedische Designer haben was zu bieten, auch wenn sich einige unnötigerweise hinter französischen Namen verstecken, siehe L’ecole national.
- Audioprodukte: Skandinavier sind begnadete Audiobauer. Besonders die Dänen: Dynaudio-Lautsprecher sind im mittleren Preisbereich für mich preis-leistungsmäßig nicht zu schlagen; Scanspeak-Chassis sind legendär.
12.10.07
Ich, das Fashion Victim
Gern gebe ich Geld für Qualität aus, aber normalerweise hasse ich es, für einen Markennamen mitzubezahlen. So kommt es einer Revolution gleich, dass ich am Samstag nach einer Jeans einer ganz bestimmten Marke Ausschau gehalten habe, nämlich nach einer Nudie Jeans. Aber die Jeans kommen aus Schweden, und hier muss man einfach eine solche Hose tragen, schon aus Patriotismus. Ausserdem kann man sich beim Preis damit rausreden, dass Nudie bei der Herstellung großen Wert auf ökologische Verträglichkeit legt.
Also suchte ich einen Facheinzelhandel für Baumwolloberbekleidung auf, man könnte auch sagen, einen Jeansshop. In der Skånegatan auf Söder gibt es den weltweit ersten reinen Nudieladen – ein paar Minuten Fußweg für mich.
Die Jeans gibt es entweder neu oder in verschiedenen Formen der künstlichen Alterung. Nudies werden extrem aufwändig und teilweise in Handarbeit gealtert. Herrlich dekadent: Geld dafür zu bezahlen, etwas künstlich abzunutzen. Die neue Jeans ist nämlich die billigste; die gealterten kosten ein paar Hundert Kronen mehr. Die gealterten wirken etwa so wie eine moderne Computergraphik: erstaunlich lebensecht, aber doch noch so eben von der Wirklichkeit zu unterscheiden.
Bei einer neuen Hose wird die Patina nur dann schön, wenn man sie möglichst lange trägt, bevor man sie das erste Mal wäscht. Ein halbes Jahr ständigen Tragens sieht Nudie als Mindestgrenze an. Darauf legt man viel Wert: Auf der Webpage gibt es eine entsprechende Anleitung, und auch die Verkäuferin betonte es. Das musste ich nicht haben, also habe ich eine leicht ‚angenutzte’ genommen. Nach einiger Zeit dürfte die von einer Selbstgealterten nicht zu unterscheiden sein.
Die beste Patina habe ich derzeit an einer Signum-Jeans. Signum, die Hemdenmarke??? Ja, genau die. Dort konnte man auch mal Jeans kaufen. Die hat einen tollen Stoff, der wunderschön ausbleicht, und sie reißt auch gerade an den Taschen schön ein. Außerdem habe ich noch eine Levis, aber die ist von Material und Schnitt her nur Durchschnitt. Quo vadis, Amerika, wenn man nicht einmal das amerikanischste aller Produkte, die Jeans, made in America kaufen kann.
Kleidungsmäßig will ich mich nicht in eine Alters-Schublade einordnen lassen; dazu stehe ich auch. Allerdings bringe ich es nicht fertig, wie viele Jüngere hier die Hose mit tief hängendem Schritt zu tragen. Diese ursprünglich aus den Gefängnissen stammende Modetorheit dient nach meinem Geschmack nur dazu, dass den Milchbubis die Windeln besser passen. Meine sitzt ‚tight’, also normal hochgezogen, und gegen meinen knackigen Hintern und meine 36er Beinlänge sieht mancher Jüngere ganz schön blass aus. Enge Jeans mit strammen Weiberärschen will ich sehen, also ist es nur fair, wenn auch wir Männer nicht in Schlabberhosen rumlaufen; das ist jedenfalls meine Meinung.
12.06.07
Die heilige Lucia und der Nobelpreis
Einer der wenigen urschwedischen Bräuche ist das Luciafest am 13. Dezember. Seine Wurzel liegt in heidnischen Wintersonnwendfeiern, denn der 13. Dezember war in älteren Kalendern der kürzeste Tag des Jahres. Die Christen feiern an diesem Tag die Heilige Lucia, und so wurde aus der Sonnwendfeier das Luciafest.
In jeder Stadt spielt ein Mädchen die Lucia, wandelt in weißen Gewändern, singt und trägt einen kerzenbesetzten Kranz um den Kopf. Natürlich ist die Wahl der lokalen Lucia auch ein Medienspektakel und Schönheitswettbewerb. Aber man versucht, einen überkandidelten Beauty Contest zu vermeiden. Einen Bikiniwettbewerb gibt es jedenfalls nicht! Natürlich soll sie aussehen, und singen muss sie können. Stockholms Lucia 2007 heisst Madeleine Gustafsson und ist so unblond, wie man überhaupt nur sein kann.
Drei Tage vorher, am Todestag Alfred Nobels am 10. Dezember, vergibt der schwedische König in Stockholm den Nobelpreis. Die Nobelpreisträger nächtigen im Grand Hotel in Stockholm. Es ist zur Tradition geworden, dass die Nobelpreisträger am Luciatag von der Stockholmer Lucia geweckt werden! Wer nicht selbst dabei sein kann, verfolgt die Liveübertragung im Fernsehen. Am 13. Dezember, ab 6:30.