01.21.08
‚TetraPak Metal’ gegen ‚IKEA Retail Sucker Bucket’
Es war eine anstrengende Woche gewesen. Wochenlang hatte ich den großen Workshop in der Woche für meinen Kunden, IKEA, vorbereitet. Bis zu 16 Personen hatten zusammen nachgedacht und um Lösungen gerungen. Es ging um viel für IKEA. Tief in die schwedische Provinz hatten wir uns zurückgezogen, in eine Klausur, wo uns nichts von den Aufgaben ablenkte.
Aber es war gut gelaufen, und so waren wir alle gleichzeitig erschöpft und erleichtert, als wir uns auf die zweistündige Autofahrt zurück nach Helsingborg machten. Ich fuhr mit Olof, so dass sich reichlich Gelegenheit gab, seinen ladenneuen, erst drei Tage alten BMW zu loben. An einer Stelle kam uns ein prächtiger, männlicher Elch unkomfortabel nahe; aber er drehte dann zum Glück von selbst um und verschwand wieder im Wald.
IKEA hatte uns zum Abschluss ins Tivoli in Helsingborg eingeladen. Dies hat natürlich nichts mit dem Kopenhagener Tivoli zu tun, sondern es handelt sich um ein Lokal mit recht großer Bühne, das im ehemaligen Helsingborger Bahnhofsgebäude untergebracht ist. An diesem Abend wurde dort ein Företagsrock veranstaltet. Dabei wetteifern Mitarbeiter einer Firma, die eine Rockbands gegründet haben, miteinander. Bis zu drei Bands pro Abend treten in je 20-minutigen Auftritten gegeneinander an. Danach wird abgestimmt. Jeden Donnerstag geht das so, und es gibt eine Ausscheidung im KO-System bis hin zu einem großen Finale im Sommer.
Doch damit nicht genug der Überraschungen: an diesem Abend würde eine Band von IKEA Retail antreten; und einer der führenden Kollegen aus dem Workshop würde selbst auf der Bühne stehen! Oder sagen wir besser ‚sitzen’, denn er war der Drummer der Formation ‚IKEA Retail Sucker Bucket’. Der Name war eine Parodie auf das IKEA-Bürogebäude ‚sockerbruket’ in Helsingborg, das eine aufwändig umgebaute ehemalige Zuckerfabrik ist.
An diesem Abend traten nur zwei Bands auf. Zunächst war der musikalische Gegner, ‚TetraPak Metal’, an der Reihe. Das Äußere war stimmig: AC/DC-Shirts; Tätowierungen überall; lange, fettige Haare. Sie spielten Hardrock- und Metal-Klassiker. Eine kleine Schar von Tetrapak-Groupies bangte fleissig Head vor der Bühne. Sie waren überraschend gut, besonders der Drummer, der richtig Tempo und Druck machen konnte. Amateurhaftes Geschrammele war das nicht. Ich kannte unsere Jungs nicht, aber ich war echt eingeschüchtert. Würden wir uns blamieren?
In der Pause versammelten sich vielleicht 50 IKEA-Mitarbeiter vor der Bühne, um ihre Jungs zu unterstützen. Und dann kamen ‚IKEA Retail Sucker Bucket’ auf die Bühne und rockten los. Der Sänger machte den relativen Mangel an Tätowierungen durch zahlreiche Ringe an Ohren und Nase wieder wett; außerdem hatte er sich die kanadische und britische Flagge auf die Schulter gemalt. Er war klein, häßlich, obszön, böse; ein richtiger kleiner Giftzwerg. Er hatte definitiv mehr und blondere weibliche Fans, die es vor der Bühne abgingen ließen. Die Jungs fingen an, mir Spaß zu machen. Sie waren weniger Metallica, mehr Red Hot Chili Peppers. Musikalisch waren sie nicht besser, aber sie waren auch nicht schlecht, und ich konnte ihrem schrägen Auftritt nicht zusehen, ohne blöd dauerzugrinsen. Auch unser Kollege aus dem Team gab an der Schießbude sein Bestes. Als eine Saite riß, lieh ihnen der Gitarrist von TetraPak seine Gitarre – eine superfaire Geste, das muss ich schon sagen.

IKEA Retail Sucker Bucket
Das Ganze ging harmonisch aus. Es gab ein Jury-Votum (Sieger: TetraPak) und ein Publikumsvotum (Sieger: IKEA); und weil nur zwei Bands teilnahmen, kamen irgendwie beide weiter. Völlig egal, Hauptsache, es gab noch eine Zugabe und noch ein Bierchen.
Anschliessend zogen wir noch ins Harrys weiter. Wir gingen von Bier auf Wodka mit RedBull über. An den Schweden wundert mich immer wieder, wie schnell sie in einen ausgelassenen ‚Partymodus’ und wieder zurück umschalten können. Ich meine, Deutsche können auch ordentlich feiern, aber sie brauchen irgendwie eine längere Aufwärm- und hinterher wieder Abkühlphase. Wir waren noch keine halbe Stunde in dem Laden, da schwitzten schon alle auf der Tanzfläche, und zwei unserer Mädels aus unserem Workshop tanzten schon auf einem Tisch, sehr zur Augenweide des ganzen Ladens. Drei Workshopteilnehmer waren aus Kanada angereist – die staunten nicht schlecht über das alte Europa!
Kopenhagen gegen Stockholm
Natürlich ist Stockholm schöner als Kopenhagen. Das ist schon alleine deshalb so, weil wir ja nun mal in Stockholm wohnen. Würden wir etwa nur in die zweitschönste Stadt Skandinaviens ziehen? Also. Es kann gar nicht anders sein. Keine Frage, das.
Trotzdem haben wir ein Adventswochenende in Kopenhagen verbracht. Einfach, um nur noch mal zu sehen, wie viel schöner Stockholm ist. Das Hotel ‚The Square’ lag superzentral. Wir waren einkaufen, und ein wenig Kultur war auch drin.
Und wo ist es nun wirklich schöner? Geschmacksache, würde ich sagen. Kopenhagen ist etwas weltstädtischer, hat einen noch etwas internationaleren Flair. Eine große Modestadt, und das merkt man auch. Zum Kleidereinkaufen der bessere Platz. Auch tolle Designwaren gibt es hier. Ich stehe ja auf schwedische Glaskunst (die es auch in Kopenhagen gibt), aber dort gibt es eben auch noch eine Großauswahl anderer schöner Dinge. Fantastische Restaurants auch, da kommt Stockholm nicht mit, auch wenn sich Stockholm diesbezüglich nicht zu verstecken braucht.
Andererseits: Kopenhagen ist teurer als Stockholm. Für ein Hotel-Doppelzimmer muss man schon 175 Euro einrechnen, für ein gutes Abendessen zu zweit kaum weniger. Und von der Schärenlage ist und bleibt Stockholm einfach einzigartig; da kann keine Stadt der Welt dran rütteln. Venedig des Nordens, dass ich nicht lache, ihr wollt Stockholm doch wohl nicht mit diesem verrotteten italienischen Loch vergleichen?! Und die Stockholmer Altstadt ist auf jeden Fall auch sehenswert.
Also, wenn jemand keine der beiden Städte kennt und ich eine empfehlen sollte, würde ich für die meisten Leute weiterhin bei Stockholm bleiben. Kopenhagen ist wirklich sehr schön und trendy, hat aber wenig Einzigartiges. Kopenhagen würde ich höchstens für einen eingefleischten Natur- und Kunstbanausen, aber Mode- und Shoppingfan vorziehen.
01.09.08
Snus
Da das Rauchen in Schweden fast überall verboten ist, steigen viele Leute auf Snus um. Das sind kleine, teebeutelartige Beutelchen, die mit Tabak gefüllt sind und die man sich unter die Oberlippe steckt. Von dort gelangt dann das Nikotin in die Blutbahn.
Das Ganze hat zwei Riesenvorteile: erstens belastet man seine Lunge nicht, und zweitens gibt es kein Passivrauchen. Laut Wikipedia benutzen inzwischen mehr schwedische Männer Snus als Tabak, und bei den schwedischen Männern wurden dadurch die Krebsfälle mehr als halbiert. Trotz aller Bedenken finde ich auch, dass die Vorteile von Snus überwiegen und verstehe nicht, dass sie EU-weit nur in Schweden erlaubt sind.
Rauchen im Büro ist natürlich tabu hier, aber snusen ist dort Gang und Gäbe. Man sieht einen eingelegten Snus kaum und hört ihn auch kaum beim Sprechen. Dass jemand gesnust hat, merkt man oft erst, wenn er oder sie mitten im Meeting aufsteht, zum Mülleimer geht und mit einer schnellen Bewegung des Zeigefingers unter der Lippe den Snus geschickt aus dem Mund in den Mülleimer fliegen lässt. Die schwedische Variante des Zigaretteausdrückens.
Auch wenn der Nikotingehalt eines Snus in etwa dem einer Zigarette entsprechen soll, beschrieb mir ein Snuser den ‚Kick’durch das Gift als eher stärker als bei der Zigarette – aber leider auch die Abhängigkeit. In den ersten Monaten, sagte er, stellte sich beim Snusen durch das Nikotin ein angenehmes Gefühl der Ruhe, Entspanntheit und Gelassenheit ein. Jetzt jedoch, beklagt er sich, sei es umgekehrt: Der Zustand ohne das Gift im Körper sei nervös und unruhig und man brauche das Snus, um überhaupt auf eine Art ‚Normalniveau’ zu kommen. Das klassische Muster einer körperlichen Abhängigkeit von einem sehr starken Gift. Ein Zehntel Gramm Nikotin tötet den stärksten Mann.
Also, Snus hin oder her, Nikotin bleibt eine enorm abhängig machende Droge.