02.20.08

Der Swedish Classic

Veröffentlicht in Freizeit, Gesundheit, Schweden-Attraktionen, Sport um 3:07 von Burkhard

Dass die Schweden sportbegeistert sind, ist bekannt. Besonders mögen sie die richtig langen Ausdauerveranstaltungen.  Bekanntestes Beispiel ist der Vasaloppet, die größte Skilanglauf-Veranstaltung der Welt über 90 km von Sälen nach Mora. Je nach Witterung schaffen die Besten das schwierige Terrain unter 4 Stunden – doppelt so lange ist für die meisten aber eher realistisch. Die Gesamtdistanz nehmen jedes Jahr um die 35.000 Leute in Angriff, aber es gibt auch viele kürzere Strecken. Im Rekordjahr 2004 nahmen am Vasaloppet insgesamt 143.584 Menschen teil! Der Vasaloppet ist immer am ersten Sonntag im März, also in wenigen Tagen.

Nun könnte man ja sagen: Mit einer erfolgreichen Teilnahme am Vasaloppet hat man sich und seiner Umwelt nun wirklich bewiesen, dass man es sportlich drauf hat. Aber einigen ist das immer noch nicht genug. Sie versuchen sich am ‚Swedish Classic‘, das ist die Kombination von vier schweren Ausdauerwettbewerben in einem Jahr:

  • Vasaloppet: Skilanglauf, 90 km.
  • Vätternrundan: Fahrradrennen um den Vättern, 300 km (!).
  • Vanbrosimmet: Schwimmen, nur drei Kilometer, dafür aber ein Kilometer stromaufwärts, und in etwa 17 Grad kaltem Wasser (!).
  • Lidingöloppet, ein Lauf über 30 (schwere) Kilometer.

Über 23.000 Männer und fast 5000 Frauen haben bisher den Swedish Classic vollbracht. 10 Männer haben es bereits 25 mal geschafft, 3 Frauen bisher über 15 mal. Verrückte!

Ich sprach mit einem, der den Swedish Classic geschafft hat. Für ihn war mit Abstand das Schwierigste die Vätternrundan. Irgendwann, sagte er, hätte er nicht mehr sitzen können, nicht mehr stehen können, einfach gar nichts mehr machen können, was nicht irgendwo mächtig weh getan hat.

Liebeserklärung an SE-LTV

Veröffentlicht in Leben im Ausland, Schweden-Attraktionen, Stockholm-Attraktionen um 11:42 von Burkhard

Wie viele andere Großstädte auch hat Stockholm drei sehr verschiedene Flughäfen: den ‚normalen’ Großflughafen vor den Toren der Stadt (Arlanda), den weit entfernten Billigst-Flughafen für Ryanair und Konsorten (Skavsta), und schließlich den kleineren Innenstadt-Flughafen (Bromma). Letzterer hat alle typischen Eigenschaften für seine Art: Er wurde bereits vor dem zweiten Weltkrieg gebaut und ist daher etwas altmodisch, die Stadt ist mittlerweile darum herumgewachsen, aus Emissionsgründen dürfen nur kleinere Flugzeuge starten, es gibt eine Dauerdiskussion um die Schließung (Anwohner gegen Betreiber), er ist bei Geschäftsreisenden wegen der kurzen Anreise sehr beliebt, und es gibt einen sensationellen Landeanflug über die Stadt. Vettern von Bromma sind z.B. der Ronald Reagan Washington National Airport und natürlich Berlin-Tempelhof (RIP).

Geschäftsreisen sind lästig und zeitraubend, aber wenn es denn sein muss, dann bietet das Fliegen ab Bromma für mich immer noch das größte Vergnügen. 30-45 Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein reicht völlig aus. Zehn Minuten vor Abflug gehen die Passagiere über das offene Flugfeld zur ihren Maschinen, meist Turboprops. Der Morgen dämmert herauf, die Luft ist kalt und klar. Ein schmales Treppchen führt hinauf in die Maschine. Oft bleibe ich noch einen Moment am Fuß der Treppe stehen, um die Atmosphäre zu genießen. Um mich herum brummen die Propellermotoren, viele mit über 4000 PS, nach wie vor ein Gänsehautgeräusch für mich. Ich berausche mich am Duft des Kerosins. Und dann natürlich der Anblick meiner Maschine, an dem ich mich nicht sattsehen kann.

Ich fliege mit einer 50-sitzigen Saab 2000 von Bromma nach Ängelholm (bei Helsingborg). Dies ist eine der besten Turboprops, die jemals gebaut wurde. Die Flugleistungen sind fantastisch, Concordinio wird sie auch genannt. Leider war die Saab kein großer komerzieller Erfolg, denn sie war im Kaufpreis teurer als vergleichbar große Maschinen der Konkurrenz, die etwas einfacher gebaut sind. Sie war einfach zu gut, um ein Erfolg bei den mit spitzem Bleistift rechnenden Fluggesellschaften zu sein. Aber sie ist eine Königin, wirklich die schönste und stärkste ihrer Art.

Ich fliege aber nicht mit irgendeiner Saab 2000. Ich fliege fast jede Woche mit derselben Maschine hin und zurück, Registrierung SE-LTV, schon 35 Mal. Es ist meine Maschine, sozusagen. Dieses Bild zeigt SE-LTV startend von Bromma Richtung Ängelholm. Hier ist ein schönes Bild von ihr im Landeanflug auf Bromma.

Ich war nie auch nur eine Minute verspätet mit ihr. Ein einziges Mal hatte ich den Rückflug von Ängelholm zu einer anderen Zeit gebucht, für die ein anderes Modell geplant war. Prompt fiel diese Maschine aus. Aber man ließ uns nicht im Stich: Eine Ersatzmaschine wurde in Bromma losgeschickt, um uns abzuholen. Mißmutig stand ich am Fenster der Wartehalle und schaute auf die Landebahn hinaus. Dann jedoch tauchte sie in der Dunkelheit auf, SE-LTV, letzte Hoffnung der Gestandeten. Ich war ihr untreu geworden, aber sie ließ mich nicht im Stich.

02.08.08

Im falschen Film

Veröffentlicht in Schwedischer Staat, Typisch schwedisch um 10:40 von Burkhard

Jeder Londoner wird täglich 200 – 300 Mal mit von einer Kamera erfasst. In Stockholm dürfte die Zahl nicht geringer sein. Jedes öffentliche Transportmittel ist mit Kameras ausgestattet – nicht nur die U-Bahn, sondern auch jeder Bus. Auch in fast jedem Taxi schaut Dich mittlerweile ein Kameraauge an. Draußen ist es nicht besser. Jeder öffentliche Platz ist kameraübersät; das geht bis in die Nebenstrassen hinein. Das Handy in Deiner Tasche gibt ständig Deine Position bekannt. Eltern können einen Dienst abonnieren, mit dem sie den Aufenthaltsort ihrer Kinder so überwachen.

Es gibt also de facto keine Möglichkeit, sich in Stockholm unverfolgt zu bewegen. Und die meisten dieser Daten laufen nicht etwa bei der Polizei auf, wo man je nach persönlichem Vertrauen in den Staat von einer mehr oder weniger kontrollierten Verwendung ausgehen kann. Sie laufen bei Privatunternehmen auf. Dass die Daten dort vor Missbrauch sicher sind, glauben nur Weltfremde.

Über Deinen Namen kann jeder Deine ‚Personnummer’ leicht herausfinden, und darüber widerum eine Fülle an Informationen, die Behörden und Unternehmen über Dich speichern, ohne Dich zu fragen, und austauschen, ebenfalls ohne Dich zu fragen. Das Finanzamt gibt jedem, der es wissen will, Dein Gehalt bekannt. Die schwedische GEZ schrieb mich an; es fragt systematisch Informationen bei Arbeitgebern ab – auch meiner hatte willig Daten über mich rausgegeben. Mein Kabelunternehmen wusste über meinen Namen sogar direkt die Verkabelung meiner Wohnung.

Ehrliche Menschen haben nichts zu verbergen, heisst es oft als Kommentar. Aber kann man es sich wirklich so einfach machen?

Eines der Probleme: Kriminelle machen sich immer mehr Methoden der Rasterfahndung zu Nutze. Sie filtern sich genau heraus, wer Geld hat, wer Geld braucht, wer schutzlos ist, wessen Wohnung gerade leersteht. Warum nicht mal schell das ideale Vergewaltigungsopfer in Stockholm herausfiltern: jung, hübsch, und steht gerade allein in einer unübersichtlichen U-Bahnstation? Gib mir Deine Daten, Mädel, denn ein ehrlicher Mensch wie Du hat doch nichts zu verbergen.

Ebenfalls offiziell abgeschafft im Überwachungsstaat ist die Gnade des Vergebens und Vergessens. Mal das Studium abgebrochen? Die Ehe gescheitert? Psychologische Hilfe gesucht? Mit einem Ex-Chef überworfen und rausgeworfen worden? Als Jugendlicher die falschen Bücher gelesen, die falschen Freunde gehabt? Im ewigen Gedächtnis Deiner Überwachungsakte wird es gespeichert sein. Es gibt keine Möglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich zu häuten, einen neuen Anfang zu machen. Gott vergibt Sünden – die Überwachungsgesellschaft nicht.

02.01.08

Hoch hinaus

Veröffentlicht in Mentalität, Typisch schwedisch um 10:45 von Burkhard

Die Stockholmer leben gern hoch und mit Ausblick. Stehen zum Beispiel Wohnungen in einem viergeschossigen Neubau im Angebot, ist die Wohnung eine Etage höher immer 100.000 SEK (11.000 EUR) teurer als die daruntergehende, also zum Beispiel 2,0 Mio. im EG, 2,1 Mio. im 1. OG usw. bis 2,3 Mio. Im 3 OG. Das ist selbst dann so, wenn die obere Wohnung keine besondere Aussicht bietet. Trotzdem ist die obere Wohnung immer als erstes verkauft; ‚oben’ zu wohnen ist dem Stockholmer also offensichtlich die z.B. 44.000 Euro Aufpreis gerne wert.

Stockholm liegt am Wasser, aber die Schäreninseln, auf denen Stockholm liegt, wachsen durchaus zu gewissen Anhöhen aus dem Wasser empor. Eine mittelgute Wohnung mit einer guten Aussicht aufs Wasser ist bei vergleichbarer Qualität circa 1 Mio. SEK (110.000 EUR) teurer als eine vergleichbare Wohnung ohne Aussicht.

Dabei gibt es aber eine Überraschung. Als in den Fünfzigern große Neubausiedlungen gebaut wurden, wurden die natürlich auch schon bevorzugt auf den schönen Höhen erstellt. Diese Häuser werden nach wie vor dringend gebraucht. Sie sind auch sehr stabil gebaut. Darüber hinaus lassen die Besitzrechtsverhältnisse ein einfaches Abreißen und Neubauen nicht zu. Da die stadtnahen Höhen also von älteren Siedlungen besetzt sind, zwingt das die meisten großen Neubaugebiete heute ganz nah ans Wasser: Hammarby Sjöstad, Järla Sjö, Finnboda Hamn, Nacka Strand. Namensbestandteile wie ‚See’, ‚Hafen’ oder ‚Strand’ zeugen davon. Finnberget (… Berg) oder Hammarby Höjden (… Höhe) sind hingegen typische Namen für alte Stadtteile.

Mancher, der im Fünfziger-Jahre-Plattenbau lebt, hat daher einen herrlichen Ausblick hier in Stockholm. Der Upper-Middle-Class-Neubaukäufer ist jedoch meist geographisch ganz unten zu finden. Auch für diese Wohnungen finden sich genug Käufer, aber ich persönlich mag sie gar nicht, diese oft sehr verdichtete Bauweise direkt am Wasser, mit den Anhöhen direkt im Rücken. In Wassernähe zu wohnen ist schön, aber ich muss gar nicht mit den Füßen geradezu im Wasser stehen, wie bei einigen Neubauten in Järla Sjö, wo man es so weit getrieben hat, die Häuser auf Stelzen direkt ins Wasser zu bauen.

Nur sehr selten finden sich auch Neubauten auf den Höhen. Finnberget ist so ein Beispiel, wo 2004 noch eine Lücke für einige moderne Wohnhäuser auf der Höhe gefunden wurde. Die Aussicht vom Balkon ist zwar nicht so toll wie bei den benachbarten älteren Bauten, aber wenigstens hat man Luft und das Gefühl von Weite.