07.10.07
Das NORR Magazin
NORR ist ein in Deutschland erscheinendes Outdoormagazin über Skandinavien. Es ist ein viermal im Jahr erscheinendes Nischenblatt mit authentischen Texten und herrlichen Bildern. Hier und da merkt man ein wenig, dass eine so kleine Zeitschrift nur begrenzte finanzielle Möglichkeiten hat, aber das macht das Magazin eher sympathischer. Die Zeitung ist jetzt zwei Jahre alt, sprich man hat acht Ausgaben produziert. Die Redaktion sitzt keinen Kilometer von unserer Wohnung entfernt; ich hätte direkt mal Lust dort aufzutauchen.
Unsere Anfrage, ob man das Blatt auch in Schweden abonnieren könne, brachte dort wohl erst mal einiges an Unruhe; es hiess, diese Möglichkeit sei ‚in Vorbereitung’. Nach längerem Email-hin-und-her bekamen wir nun die erste Ausgabe im Abo. Der Sekretärinnen-handgeschriebene Umschlag deutet darauf hin, dass es sich wohl noch um eine überschaubare Abonnentenzahl in Skandinavien handelt. Es würde mich auch nicht wundern, wenn wir der schwedische Abonnent Nr. 0000001 wären. Jedenfalls weisen sie in ihrem Internetauftritt (Seite ‚abonnieren’) nun stolz darauf hin, dass man die Zeitung auch in Schweden abonnieren kann. Bin mal gespannt, wann der erste Deutsche in Norwegen auf den gleichen Gedanken kommt – dann müssen sie ihre gesamte Verwaltung wahrscheinlich neu überdenken.
Lästern muss sein, aber für 4,50 Euro kann ich die Zeitschrift durchaus empfehlen. Schon die Anzeigen machen sie für jeden, der in Skandinavien ein Naturerlebnis sucht, ihr Geld wert.
07.06.07
Männerspielzeuge
Ich schrieb schon einmal in meiner Charakterisierung der Schweden kurz darüber, aber heute möchte ich dem Thema einen eigenen Eintrag widmen: Autos.
Früher dachte ich, die Deutschen sind besonders autoverrückt, man spricht ja auch von der Deutschen liebstes Kind. Dann zog ich nach Amerika und dachte, na ja, die sind ja nicht weniger vernarrt, da müsste man also von der Deutschen und Amerikaner liebstes Kind sprechen. Hier in Schweden muss ich den Spruch abermals zu erweitern und von der Deutschen und Amerikaner und Schweden liebstes Kind zu sprechen.
Was natürlich so langsam absurd wird. Mittlerweile glaube ich, die Deutschen sind nicht autovernarrter als andere Völker auch. Es ist eher eine Frage des Wohlstands – wer es sich leisten kann, hat ein schönes Auto und ist stolz drauf. Weltweit. Besonders sieht man das an aufsteigenden fernöstlichen Ländern. Die sind früher nicht etwa aus Überzeugung mit dem Fahrrad gefahren. Und wer von ihnen sich heute ein Auto leisten kann, steht immer noch lieber drei Stunden im Stau und fährt mit 4 km/h, als zu Fuß zu gehen.
Aber zurück zu den Schweden. Viele schlagen autotechnisch richtig zu, und das heißt: ein deutsches Auto muss her. Da wird nicht nur die größte automobile Missgeburt aller Zeiten, der Porsche Cayenne, gekauft, diese misslungene Schimäre aus Sportwagen und Geländewagen. Nein, es muss der Cayenne Turbo sein. Der ist zwar nochmal 57.000 Euro teurer als die Basisversion, aber hey, dafür hat er zwei Auspuffe hinten. Das macht Sinn.
Umwelttechnisch ergibt Schweden ein gemischtes Bild. Einerseits ist Schweden das Land mit den meisten Benzinfressern Europas und hat den höchsten Benzin-Durschschnittsverbrauch pro Fahrzeug. (Leider finde ich die Quelle dazu nicht mehr). Andererseits hat Schweden ein sehr erfolgreiches Programm zur Reduktion des Verbrauchs (Steueranreize etc.) und ist das Land, dessen Durchschnittsverbrauch europaweit am schnellsten sinkt. Also: Schlechtes Niveau, aber gutes Momentum in die richtige Richtung.
Umweltautos, ‚Miljöbilar’, werden gefördert. Dazu gehören Fahrzeuge mit einem einfach niedrigen Verbrauch (z.B. ist ein VW Polo als Miljöbil anerkannt, womit VW heftig wirbt), Fahrzeuge, die mit nicht-fossilem Bioethanol fahren (extrem verbreitet die „Biopower“-Saabs), und auch Hybriden wie den allgegenwärtigen Prius. Ich will jetzt gar nicht die sehr komplizierte Diskussion entfachen, ob die Förderung in jedem Einzelfall ökologisch Sinn macht. Ökologische Gesamtbilanzen sind eine sehr komplizierte Sache, in denen auch Umweltverbände häufig haarsträubend daneben liegen. Ich will mal großzügig sein und sagen, der Zug geht in die richtige Richtung hier.
Wichtiger als alle rationalen Argumente scheint mir dabei, dass hier Umweltautos langsam aber sicher ‚cool’ werden. Sicher gibt es noch genügend unverbesserliche Cayenne-Fahrer. Aber so ein Cayenne sieht hier immer häufiger ganz alt aus, wenn neben ihm ein hybrider Lexus RX400h parkt. OK, beides sind alberne Schwanzverlängerungen, und man kann einfacher Sprit sparen als mit dem Lexus. Aber mein Punkt ist: Der Lexus ist hier enorm verbreitet, das heisst, selbst bei den schwanzgesteuerten Autokäufern ist ‚hybrid’ mittlerweile als Anmachfaktor angekommen.
Das setzt sich in den anderen Preisklassen fort. Der VW Käfer des 21. Jahrhunderts ist der Toyota Prius, und für jeden Prius in Deutschland sieht man hier 1000. Neulich sah ich ein Unternehmen, vor dem als Firmenwagenflotte 15 blaue Prius standen, wie cool sah das denn aus! Beim Thema ‚hybrid’ werden die deutschen Autobauer plötzlich ganz rational und rechnen vor, dass ein Diesel umwelttechnisch und finanziell gegenüber dem Hybrid im Vorteil ist. Ausgerechnet diese deutschen Autobauer, deren ganzes Geschäftsmodell darauf aufbaut, das Autokäufer eben nicht rational entscheiden! Die Leute WOLLEN keinen langweiligen Diesel, sie wollen ein Auto, das futuristisch aussieht, innen und aussen, das geräuschlos anfahren kann und das eine intelligente, umweltbewusste Coolness ausstrahlt. Hollywood fährt zur Gala im Prius vor, aber bestimmt nicht im Golf Diesel. Zu lange wurde dieser Fakt in Deutschland ignoriert, und nun liegt man hybridtechnisch 10 Jahre zurück. Gute Nacht, Autobauland Deutschland.
07.01.07
Inga Lindström
Sieben Millonen Deutsche sehen wöchentlich den Schwedenkitsch ‚Inga Lindström‘ im deutschen Fernsehen. ZDF-empfangende schwedische Kollegen nehmen die Sendung auf und schauen sie mit anderen an. Sie sprechen zwar nicht oder kaum Deutsch und können die Dialoge nicht verstehen, aber allein die Bilder reichen aus, damit sich nach 10 Minuten alle am Boden rollen vor Lachen über die Überdosis an Klischees.
‚Ja, sprechen Sie Deutsch?‘ (sic) war auch am Freitag eine Überschrift in der Zeitung ‚Aftonbladet‘ dazu. Nun kommen die Deutschen, hieß es darin, und dass von den 7-8 Millionen ‚lyrischen‘ Deutschen, die die Serie sehen, viele lange Wege reisen wollen, um den schwedischen Sommer in Wirklichkeit zu erleben. Man erwartet eine Erhöhung der Touristenzahlen aus Deutschland. Die Fremdenverkehrsämter drucken fleissig ‚Inga Lindström‘-Broschüren für Deutsche, die auf den Spuren der Serie wandeln wollen.
Umgekehrt wäre das so, als würden die Schweden einmal pro Woche einer Serie folgen, die in Deutschland spielt, in denen ausschließlich schwedische Schauspieler in schwedischer Sprache agieren, und in denen von Anfang bis Ende sepplhosentragende jodelnde Weisswurstesser zu sehen sind. Und nun geht es darum, den Anstrom an Schweden zu kanalisieren, die nach Deutschland kommen, um mitzujodeln.
06.16.07
Der Rotekreuzknopf
Getränkeflaschen aus Kunststoff werden in Schweden an Automaten gegen Pfand zurückgenommen, so wie man es in Deutschland aus dem Aldi kennt. Neben dem Knopf, der die Pfandquittung ausdruckt, gibt es auch einen Rotekreuzknopf. Drückt man den, wird der Pfandbetrag dem Roten Kreuz gespendet.
06.11.07
Schweden gegen Deutschland
In der folgenden Tabelle vergleiche ich Deutschland mit Schweden. Der Vergleich ist absolut subjektiv und eine Momentaufnahme; nächstes Jahr kann er schon wieder ganz anders aussehen.
Der Vergleich ist so gemacht, dass ich Deutschland als Maßstab nehme und einen Prozentwert für Schweden relativ zu Deutschland angebe. Deutschland ist also in allem auf 100% normiert, und wenn ich z.B. 150% angebe, heisst das, dass Schweden in diesem Punkt eineinhalb mal ‚so gut’ ist wie Deutschland; wenn ich dagegen 80% angebe, ist Schweden 20 Prozent ‚schlechter’ als in Deutschland. Um Verwirrung zu vermeiden, bedeutet ein Wert größer 100% immer ‚besser’. ‚Steuern: 80%’ bedeutet also nicht etwa, dass es in Schweden nur 80% der deutschen Steuern gibt, sondern dass Schweden steuermäßig 20% ‚schlechter’ ist als Deutschland (die Steuern also höher sind).
Das Ganze ist natürlich eine Spielerei, bitte nicht so ernst nehmen!
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Allgemeines Lebensgefühl 150%
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Optimistische Weltsicht 200%
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Interesse am Rest der Welt 50% (Deutschland ist hier m.E. Weltmeister)
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Gelassenheit 200%
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Work-Life-Balance 150%
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Schönheit der Natur 100%
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Vorhandensein von Naturlandschaften 500%
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Arbeitslosigkeit 120% (Beide Länder mit Problemen auf dem Lande. Aber Arbeitslose müssen hier jeden Job annehmen, was jeder gut findet. In Deutschland gibt es einen größeren Sockel staatlich versorgter, fauler und and die Unselbständigkeit gewöhnter Versager)
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Gesundheitssystem 250%
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Toleranz allgemein 130%
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Toleranz gegenüber Ausländern 100% (es gibt aber viel weniger Konfliktpotenzial, also auch weniger Konflikte)
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Schönheit der Frauen 101% (plus 1% wg. der vielen blauen Augen)
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Gleichbereichtigung der Frau 125% (Beide auf hohem Niveau. 125% im Wesentlichen wg. der selbstverständlicheren Kombination von Mutterschaft und Arbeit. Deutschland insgesamt derzeit im Rückwärtsgang.)
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Sauberkeit der Städte 60%
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Patriotismus 100% (Ein paar Spinner hüben wie drüben. Der Rest weht hier zwar eher mal mit dem Landesfähnchen als in Deutschland, dafür aber sehr entspannt und selbstironisch – insgesamt plus/minus null)
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Gastronomie in der Großstadt 100%
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Gastronomie auf dem Lande 40%
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Freizeitangebot 100%
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Religiösität 80% (Beide Länder im globalen Vergleich auf extrem niedrigen Niveau. Ich vermute, Schweden ist mit den evangelischen Gebieten Deutschlands zu vergleichen. Deutschland insgesamt durch die katholischen Gebiete noch etwas religiöser.)
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Preise für Dinge des täglichen Bedarfs 90% (Hier wird oft übertrieben. Es ist etwas teuerer hier, aber nicht viel)
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Steuerhöhe 80%
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Steuereinfachheit 2000%
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Wohnpreise Stockholm 65%
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Hotelpreise 70%
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Sauberkeit der Toiletten 80%
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TV-Angebot 60% (beachtlich für die Größe des Landes, aber man kann für 9 Mio. Leute nicht so viel TV machen wie für 80 Mio.)
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Familiensinn 120%
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Umweltbewusstsein 75% (nicht schlecht, aber Deutschland ist hier m.E. Weltmeister)
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Liebe zur Natur 100% (beide Länder auf hohem Niveau)
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Wirtschaftskraft 100% (beide Länder derzeit im Wirtschaftshoch)
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Robustheit der Wirtschaft 120% (durchaus auch Gefahren hier, aber m.E. insgesamt etwas weniger anfällig)
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Kontaktfreude 60%
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Konfliktbereitschaft 150% / Hinterhältigkeit 50% (Zwei Seiten der selben Medaillie. Man ist beherrscht, höflich und scheut den offenen Konflikt. Da Menschen aber immer Menschen bleiben, kann es einem dafür hier etwas leichter passieren, ein ‚Messer in den Rücken’ zu bekommen.)
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Fähigkeit der Politik, im Land Dinge zu ändern 500% (Durchaus gibt es auch Grenzen hier. Aber Deutschland ist m.E. praktisch im Koma)
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Probleme durch Überalterung der Gesellschaft 1000% (Deutschland stirbt aus. Schweden nicht.)
05.31.07
Love Parade a la Stockholm
Dass der Sommer kommt, merkt man nicht zuletzt an den Abschlussfeiern der Schulabgänger, die ihre Schatten vorauswerfen. Die jungen Leute werfen sich in Schale und tragen dazu spezielle Kappen. Der allgemeine Lärmpegel in der Stadt steigt. Man trifft laufend Trüppchen versprengter Teenies, die Klamotten tragen, die Teenies sonst nicht tragen, und die mehr Alkohol getrunken haben, als ihnen guttut. Außerdem fahren sie auch einen ganzen Tag lang auf Lastwagen kreuz und quer durch die Stadt, loveparade-mäßig eingepfercht auf der Ladefläche und mit ohrenbetäubend lauter Musik dazu. Definitiv eine Schau für asiatische Touristen, denen eine so laute und unbekümmerte Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit wohl eher fremd ist. Letztes Jahr sah ich, wie ein beschwipstes Mädchen auf dem Laster unter dem Minirock den Tanga aufblitzen ließ – die Japantouristen blitzten fleißig mit ihren Minoltas zurück.
05.25.07
Hyttsill
Am Wochenende waren wir im Glasreich und haben bei Pukeberg an einem Hyttsill teilgenommen. Hä? OK, nochmal langsam: In Südschweden gibt es eine Region namens ‚Glasreich’, in der sich über ein Dutzend bedeutender Glashütten befinden, einige mit über 250-jähriger Tradition. Dort werden in den Glashütten Abende für Touristen angeboten, bei denen es unter anderem Hering (‚sill’) zu essen gibt; diese heissen ‚Hyttsill’. Wir waren bei der Pukeberg-Hütte in Nybro.
Wenn es heißt: in der Glashütte, dann war genau das gemeint. Tische und Stühle standen direkt in der Produktionshalle, nicht etwa in einem Nebengebäude. Es waren vielleicht 80 Leute da. Zunächst gab es das Buffet mit Hering, Kartoffeln und den anderen typischen Sachen. Dabei bemühte sich ein Unterhalter mit seiner Gitarre, mit uns während des Essens schwedische Trinklieder zu singen. Trotz vorhandenenTextblatts war das natürlich nicht einfach, da die meisten Leute natürlich Touristen waren. Eine größere Gruppe aus Polen war dabei, die die Stimmung mit einigen polnischen Saufliedern gehoben haben. War ganz lustig und sehr multi-kulti. In Deutsch war auf dem Textblatt ‚Mein Hut, der hat drei Ecken’ abgedruckt, warum auch immer.
Die Glasöfen um uns herum waren in Betrieb und machten eine ganz schöne Hitze. Sie werden die Nacht über natürlich nicht abgeschaltet und halten das geschmolzene Glas bei 1100 Grad. Zwei junge Glasbläser haben anschließend in einer Demonstration eine Vase für uns mundgeblasen. Danach konnte jeder, der wollte, auch einmal versuchen, Glas zu blasen. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Eine schöne runde Kugel habe ich immerhin hinbekommen, mehr aber auch nicht. Die ‚Lehre’ eines Glasbläsers dauert drei Jahre, aber erst nach 8-10 Jahren ist ein Glasbläser wirklich auf hohem Niveau, wurde uns gesagt. Es ist einer der schwierigsten Handwerksberufe, die es gibt. Man braucht nicht nur Wissen, Erfahrung und Übung, sondern auch einfach ein hohes manuelles Geschick und künstlerisches Gefühl. Ich sprach mit einem der besten Glasbläser weltweit, Jan-Erik Ritzman, der seit 50 Jahren (!) den Beruf ausübt. Selbst dem gelingt nicht jeder Versuch; selbst der hat noch gute und schlechte Tage.
Mit mehr Musik, Schnaps und Nachtisch klang der Abend aus. Natürlich war das Ganze eine Veranstaltung rein für Touristen, die ich normalerweise meide wie die Pest. Aber diesmal hat es mir gefallen. Man bekam die echte Glashütten-Atmosphäre mit – deutsche Versicherungsanwälte bekämen bei der Idee, Touristen in einer Werkhalle rumlaufen zu lassen, sicher sofort die Schnappatmung. Man konnte wirklich einmal selbst Glas blasen. Und schliesslich war der Preis fair, unter 30 Euro für das gesamte Paket (nur alkoholische Getränke waren nicht dabei).
05.07.07
Still, still, still
Momentan finde ich es nicht ganz leicht, mich auf die ruhige Art der Schweden im beruflichen Umgang miteinander einzuschießen. Eigentlich bin ich selbst eher ruhig, und so ging meine Selbsterziehung bislang in die Richtung, als Trainer und Referent lebhaft, mitreißend, positiv und interaktiv zu sein.
Nicht unbedingt eine gute Idee hier. Letzte Woche hatte ich einen Vortrag zu halten, und das Feedback war, dass man inhaltlich beeindruckt war, aber mich etwas zu ‚pushy’ fand, zu direkt und zu druckvoll. Ich und zu pushy! Also da kenne ich aber manche andere Kollegen, die dann dort wohl achtkantig herausgeflogen wären, bei deren Art, auf die Leute zuzugehen.
Andere Deutsche berichten vom gleichen Problem. ‚Nimm Dich bloss zurück’, heisst die Devise.
Donnerstag und Freitag nahm ich dann an einem Seminar teil. Der Trainer war ein sehr guter und erfahrener Amerikaner. Ich habe während der zwei Tage vier oder fünf mal etwas gesagt und war von allen Teilnehmern damit mit Abstand derjenige, der am meisten gesprochen hat! So eine Ruhe kann einen Trainer mehr irritieren als offene Kritik. Ich habe den armen Mann abschließend zum Gamla Stan chauffiert und ihn beruhigt, dass er sich keine Sorgen über seine eigene Leistung machen solle, so seien die Leute hier eben.
Vorlaute Laberbacken sind das schlimmste für mich. Insofern ist mir die Ruhe hier lieber als das Gegenteil. Mit einem Saal voller schnatternder Windbeutel kann ich immer nur eine Zeitlang umgehen, bevor sie spüren, dass ich sie für Hohlkörper halte. Womit ich mir natürlich keinen Gefallen tue.
Insofern denke ich schon, dass ich mich auf die Leute hier einstellen kann. In den Nachgesprächen war ich dann beeindruckt, wie gut sie doch alles verfolgt und verstanden haben. Es ist nicht etwa so, dass sie nichts mitbekommen oder einfach nur ihre Zeit absitzen.
Trotzdem finde ich es auch etwas schade. Warum soll man in einem Seminar nicht auch mal diskutieren, auch mal Meinungen austauschen, auch mal anderer Meinung als der Referent sein, auch mal Blödsinn reden, auch mal zusammen lachen? Denn dafür habe ich ein gutes Gedächtnis: zusammen gelacht wurde in den zwei Seminartagen genau null mal.
Ein tschechischer Freund von mir hat in Finnland gelebt und noch ganz andere Geschichten erzählt. ‚Silence is fun’ ist deren Motto. Seinen Erzählungen zufolge findet kein Finne jemals ein gemeinsames Schweigen als unangenehm oder peinlich. Dazu gehört auch, zu telefonieren und dabei minutenlang am Telefon nichts zu sagen. Das finde ich schon faszinierend. Irgendwo ist es auch eine Stärke, einfach nur gemeinsam zu sein und nicht immer die Gemeinsamkeit durch Gerede bestärken zu müssen.
Also wie ihr seht – so richtig entschieden habe ich mich noch nicht, wie ich die Ruhe des Nordens finden soll.
05.02.07
Wie im Himmel
Wie im Himmel ist ein schwedischer Spielfilm, von dem ich mir wünschen würde, dass er ausdrückt, was an Schweden wesentlich und positiv ist. Vielleicht ist es nicht so, aber man darf ja hoffen – jedenfalls kommt er schon einmal von hier.
Im Film geht es darum, sich zu finden, genauer: zum Kind in sich selbst zurückzufinden. Nach Jahren des Anwütens gegen die Welt ‚da draussen’ macht sich ein Mann auf, um sich zu vergewissern, wer er eigentlich ist und welches seine eigene, persönliche Botschaft ist, die er in die Welt bringt. Das wird ganz plastisch dadurch dargestellt, dass er in das Dorf zurückkehrt, in dem er aufwuchs, und dort als Wohnstatt die ehemalige Dorfschule anmietet.
Er weiß zunächst nicht, warum er das eigentlich tut, folgt einem ihm selbst nicht erklärlichen Bedürfnis. Inhalt des Films ist nun, darzustellen, wie die anderen Dorfbewohner ihn dazu bringen, zu seinem Kern zurückzufinden. Dabei sind das alles andere als perfekte Menschen. Aber gerade im Reiben an ihren Unzulänglichkeiten modelliert sich sein verborgenes Ich heraus. Zum Ende findet er die Fähigkeit, zu lieben, und zwar untrennbar sowohl einen anderen Menschen als auch das Kind in sich selbst. Er hat sich von einem unglücklichen in einen glücklichen Mann verwandelt, von einem ‚falschen’ Menschen in einen ‚echten’. Und Nebenbei tut er viel Gutes an den anderen Dorfbewohnern, von denen sich durch ihn in Nebenhandlungen auch viele andere von ihrem falschen Ich emanzipizieren.
Das Schwedische daran? Wie gesagt, ich weiss es noch nicht. Wenn ich hoffen soll, nenne ich zwei Dinge: Geld und Wohlstand ist in dem Film auf die sympathischste Art unwichtig, ja geradezu kontraproduktiv: die Entledigung von ‚Ballast’ durch ein einfaches Landleben scheint sogar eine der Voraussetzungen, um voranzukommen in der Suche des Mannes. Ausserdem fiel mir auf, wie extrem unterschiedlich die Dorfbewohner sind und der Film auch gar nicht versucht, ihren gemeinsamen Prozess als einen Prozess der Vereinheitlichung darzustellen. Es geht nicht darum, dass alle gleich werden, sondern dazu, dass alle sie selber werden. Die stärksten Momente hat der Film immer da, wo die anderen sagen: Du darfst so sein, auch wenn es meinen eigenen Ansichten oder meinem Klischee von dir nicht entspricht. Wenn also zum Beispiel die Frau ihre Kritik an seinen Lehrmethoden als Chorleiter aussprechen darf, der alte Mann seine jahrzehntelang geleugnete Liebe gestehen darf, die Frau des Pfarrers ihre Sinnlichkeit zeigen darf. Es gibt keine Guten und Bösen, sondern nur Unterschiedliche, die sich dazu noch auf einem unterschiedlichen Punkt in ihrer persönlichen Entwicklung befinden. Das ist wirklich ein extremer Unterschied zur (nicht nur amerikanischen) Film-Massenware, in der die Guten alle gleich und die Bösen zu vernichten sind. Hoffentlich ist in den Schweden ein Stück von diesem Menschenbild zu finden.