4 März, 2007

Kirchen in Stockholm

Posted in Mentalität um 7:10 pm von Burkhard

Dann möchte ich über zwei Kirchenbesuche berichten. Eine der Hauptattraktionen mitten in der Altstadt ist die große Tyska Kyrkan, die Deutsche Kirche. Wir hatten gehört, dass hier ein reges Leben einer deutschsprachigen Gemeinde stattfindet. Die Kirche ist evangelisch und lehnt ihren Ritus an die ebenfalls reformierte ‚Schwedische Kirche’ an.

Die Kirche ist üppig-barock ausgestattet. Der Gottesdienst (in deutscher Sprache) war auch relativ gut besucht, leider allerdings mit der evangelisch-üblichen Mischung aus 95% Senioren und 5% sexuell frustrierten Jugendlichen. Unser Alter fehlte komplett. Anschließend gab es im Gemeindehaus die Verabschiedung der langjährig tätigen Gemeindesekretärin. Wie in Enklaven häufig, ging es hier deutscher zu als in Deutschland. Kaffee und Kuchen, warmherzige Ansprachen ohne Ende vom Kirchenvorstand bis zur Häkelgruppe. Ich musste zwischendurch zum Fenster hinausschauen, um festzustellen, ob ich gerade wirklich mitten im Zentrum Stockholms saß.

Aber leider ist auf Grund der Altersstruktur bei der Tyska Kyrkan für uns bekanntschaftsmäßig wohl nicht viel drin. Das kannten wir aus unserer Zeit in Amerika anders, wo wir in der Kirche einige unser interessantesten, gleichaltrigen Freunde gewinnen konnten.

Die katholische Kirche ist sehr klein, da nur 1% der in Schweden lebenden Menschen katholisch sind. Dies sind wohl praktisch zu 100% Einwanderer, da die Schweden, wenn sie überhaupt religiös sind, der Schwedischen Kirche angehören, die übrigens erst am 1.1.2000 ihren Status als Staatskirche verlor. Bei den Katholiken findet in Stockholm neben den schwedischen Messen auch wöchentlich je eine Messe in italienisch, in polnisch und in englisch statt.

Also wanderte ich Sonntag abend zur englischsprachigen katholischen Messe. Das war ein sehr merkwürdiges Erlebnis. Dies waren nun also von dem kleinen 1% der katholischen Einwanderer nun der noch kleinere Rest, der nur schlecht schwedisch und kein italienisch oder polnisch sprach. Im Klartext: es waren ungefähr 250 Menschen wirklich aus aller Herren Länder. Vielleicht ¼ war hellhäutig. Von den vier Meßdienerinnen waren nicht zwei von derselben Hautfarbe. Auch von der Altersstruktur her war es extrem gemischt. Es gab junge schwarze Hünen mit dicken Goldkettchen genauso wie ältere zierliche Asiatinnen.

Die moderne Kirche war schlicht und komplett ungeschmückt – der erste Fastensonntag. Auch der Ritus war karg und der Fastenzeit angepasst. Eigentlich mag ich ja am katholischen Ritus seine feierliche Sinnlichkeit. Vertauschte Welt, wenn man den barocken Überfluß der Tyska Kyrkan mit der Askese der katholischen Kirche verglich. Luther hätte sich im Grabe herumgedreht.

Mich hat die Frömmigkeit dieser Leute beeindruckt. Hier ging keiner hin, weil sonst der Nachbar dumme Sprüche klopft. Nach der Messe blieben viele noch zum Beten. Vor der unscheinbaren Madonna reihten sich bestimmt 25 Leute auf, um eine Kerze anzuzünden. Eine Frau betete inbrünstig und berührte dabei den Fuß der Madonnenstatue. Eine andere war zum Altar hinaufgegangen und kniete direkt vor dem Allerheiligsten nieder. Diese Leute suchten hier Halt und Sinn im Leben. Es war ihnen ernst. Aus Deutschland kenne ich das so nicht.

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