12 März, 2007

Anfangsbegeisterung eines Neubürgers

Posted in Leben im Ausland um 7:16 pm von Burkhard

Beste Grüße aus dem wolkenlosen Stockholm!

Ich frage mich gerade, ob ich in diesen Posts zu stark so rüberkomme, als fände ich hier in Schweden alles rosig und in Deutschland alles mies. Das kann ja irgendwie nicht gut ankommen: entweder Ihr glaubt mir nicht, dann haltet ihr mich für einen Spinner; oder ihr glaubt mir, dann müsste es Euch deprimieren, in Deutschland zu wohnen; oder ihr identifiziert Euch mit Deutschland, dann müssten die Mails Euch ärgern und zum Widerspruch provozieren.

Natürlich liegt die Sache etwas anders. Zum Einen ist da natürlich derzeit noch die ‚Anfangsbegeisterung’. Man neigt dazu, zunächst die positiven Dinge zu sehen und begeistert zu sein. Diese Begeisterung möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Typischerweise kommt dann nämlich nach einigen Monaten eine Tiefphase, in der man auch die schlechten Seiten der Entscheidung kennenlernt. Erst danach arbeitet man sich, wenn alles gut geht, auf eine beruhigte und hoffentlich insgesamt positive Grundstimmung hoch. Dies haben wir in Amerika erlebt, und es geht fast allen in unserer Lage so – unsere Kulturtrainerin für Schweden konnte dazu sogar Kurven aufmalen und Lektüre zitieren (Stichworte: tourist phase / culture shock / adjustment).

Zweitens öffnet die Auslandserfahrung auch die Augen für das eigene Land – nicht zuletzt darum geht man ja fort. So sieht man hier wie unter einer Lupe die Schwächen Deutschlands, und andersherum nimmt man die Schwächen Schwedens wahr wie vielleicht mancher Einheimische nicht. Man träumt sich dann ein Land zusammen, das die Stärken beider Länder verbindet, und läßt Ausreden nicht gelten – man sieht ja mit eigenen Augen, was möglich ist. Das kann dann dazu führen, dass man den Deutschen mal ein paar klare Worte über die Mißstände in Deutschland sagt, während man einem Schweden gegenüber betont, was hier alles mies ist. In Amerika habe ich mich ein paarmal dabei ertappt, dass ich den Amerikanern dauernd von Deutschland vorschwärmte und den Deutschen von Amerika. Diese Erfahrungen eines Reisenden können natürlich interessant sein, aber man muss auch aufpassen, nicht zu negativ daherzukommen. (Kritik ist wie Mist: Dosiert angewendet, düngt sie das Feld, aber in zu großen Mengen verwendet, liegt sie einfach nur auf einem Haufen und stinkt.)

Ich stehe in sporadischem Kontakt zu einem Deutschen, der ernsthaft nach Schweden auswandern möchte und in einem Internet-Blog darüber schreibt. Es klingt bei ihm so ein wenig eine In-Deutschland-ist-alles-Scheiße-nix-wie-weg-Mentalität durch. Es mag überraschen, aber ich halte eine solche Einstellung für eine schlechte Basis, um ins Ausland zu gehen. Deutschland ist eines der reichsten, freisten und besten Länder der Erde. Wer das vergißt, kann doch gar nicht anders als enttäuscht von einem anderen Land sein. Wer hofft, anderswo hundertmal bessere Verhältnisse vorzufinden, hat offensichtlich etwas zu rosige Vorstellungen von dem Leben auf dieser Welt.

Ich wage die Gegenthese: wer im Ausland bestehen will, braucht ein gereiftes Verhältnis zu Deutschland. Er muss insbesondere auch die Vorteile Deutschlands sehen und schätzen. Er darf nicht erwarten, dass im Ausland alles, was in Deutschland gut ist, genauso gut ist, und dann noch einiges mehr. Wer aus einem guten Land wie Deutschland weggeht, macht einen Tauschhandel, gibt Gutes auf und gewinnt Gutes dazu, wird Schlechtes los und muss sich dafür mit anderem Schlechten abfinden. Wer das begreift, hat bessere Chancen, nicht enttäuscht zu sein im Ausland. Ein Land, das unter dem Strich besser ist als Deutschland, ist schwer zu finden – am ehesten noch kleine Staaten wie Luxemburg oder die Schweiz (vielleicht auch in gewissem Maße Schweden, das ja nur geographisch gesehen ein großes Land ist). Dafür, möchte ich behaupten, gibt es mindestens 175 Länder auf Erden, die objektiv schlechter sind als Deutschland. Um die zu finden, muss man nicht bis in den Kongo reisen. Ein Exkollege von mir hat z.B. in Spanien gelebt und davon erzählt – glaubt mir, dieses Land eignet sich nur zum Urlaubmachen.

Es geht also nicht darum, das Paradies zu finden. Es geht darum, den eigenen Horizont zu erweitern. Es geht darum, als Fisch mehr über das Wasser zu lernen, in dem man schwimmt. Schließlich geht es möglicherweise darum, ein Land zu finden, das einem selbst mehr liegt. Nicht ein in Summe besseres Land, aber vielleicht eins, das den eigenen Stärken, Wünschen oder Charakterzügen eher entgegenkommt. Manchmal gelingt das, und diese Leute sind dann die ‚für-immer-Bleiber’. Aber das muss nicht passieren, um den Auslandsaufenthalt zu einem Erfolg zu machen. Es ist in Ordnung, wenn jemand für zwei Jahre zu tibetischen Mönchen geht, dann aber doch zurückkehrt, weil er aus der Nähe betrachtet auch die Nachteile dieser Lebensform kennengelernt hat. Trotzdem werden ihn die zwei Jahre sehr bereichert haben. Häme nach dem Motto „Ich hab ja gleich gewusst dass der irgendwann zurückkommt“ ist dann dumm und fehl am Platz. Nur sehr, sehr wenige der Tibetkloster-Geher finden dort ihren wahren Platz und bleiben für immer. Und das ist dann natürlich auch toll, wenn jemand seinen Platz findet.

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