24 März, 2007

So ist er, der Schwede an sich

Posted in Mentalität um 7:18 pm von Burkhard

Ich werde oft gefragt, wie sie denn so sind, die Schweden. Schwierige Frage, denn von der Beschreibung einer Mentalität ist es immer nur ein winziger Schritt zum Klischee. Dennoch will ich eine erste Annäherung versuchen. Nehmen wir doch ein typisches schwedisches Paar, Kjell Olsson und seine Frau Åsa.

Wer die Olssons verstehen will, schaue sich das Land an! Wie ist die Landschaft, das Klima, die Historie, die geopolitische Lage? Das ist die leichteste und wie ich meine auch richtigste Art, etwas über die Menschen zu erfahren. Nun, Schweden ist groß, ist sehr dünn besiedelt, ist nördlich gelegen mit harschem Klima und dunklen Wintern, ist ländlich geprägt, hat wenige Nachbarn und war meist eher am Rande der globalen oder auch nur europäischen Aufmerksamkeit. All dies hat die Olssons geprägt.

Sowohl Kjells als auch Åsas Familien kommen vom Lande, aus winzigen Dörfern in einer dünn besiedelten Region Dalarnas, einer Landschaft in Mittelschweden. Ihre Eltern leben noch dort, aber Kjell und Åsa sind nach Stockholm gezogen.

Wie alle echten Landjungen ist Kjell ziemlich autoverrückt. Als Kind war sein Reiseradius durch sein Fahrrad bestimmt – wie sehnte er sich als Jugendlicher den Führerschein herbei! Im Winter fährt Kjell einen Toyota Prius, wie mittlerweile so viele Stockholmer – er ist als umweltfreundliches ‚Miljömobil’ auch praktisch steuerfrei. Im Sommer genießt Kjell aber seinen brandneuen Audi TT. Nichts gegen schwedische Autos, findet Kjell, aber wer es sich wie er leisten kann, fährt ein sportliches deutsches Auto. In einer Großstadt wie Stockholm sind beide Autos eigentlich weitgehend überflüssig, aber Kjell liebt Autos nun mal.

Åsa ist weniger Auto- als vielmehr ziemlich kommunikationsverrückt. Sie bekommt das Handy kaum vom Ohr. Mit Leuten zu reden und zu Leuten fahren zu können ist ein großer Wert und ein großes Vergnügen, wenn man wie sie aus einem einsamen und dünn besiedelten Landstrich kommt.

Wo es wenige Menschen gibt, rückt man auch gern zusammen und sucht die Nähe der anderen menschlichen Wesen. Wenn nur sehr wenige Menschen da sind, ist jeder für den anderen wichtig, früher sogar manchmal überlebenswichtig. Die Olssons können sich eine Wohnung mit einem großen Wohnzimmer leisten, aber eigentlich genießen sie das gar nicht. Dagegen freuen sie sich immer riesig darauf, in ihre kleine Hütte auf dem Lande zu fahren uns sich den Platz dichtgedrängt mit Freunden und Familienmitgliedern zu teilen.
Durch diesen ländlichen Hintergrund sind die Olssons gemeinschaftlichen und letztendlich auch sozialistischen Gedanken durchaus zugetan. Jeder in der Gemeinschaft ist wichtig und keiner ist mehr wert als der andere. Natürlich sind die Olssons keine reinrassigen Sozialisten, aber Gemeinschafts-Werte sind immer noch ein wichtiger Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Dazu gehört eine gewisse Bescheidenheit. Früher war es wohl sogar ziemlich verpönt, wenn Wohlhabende zu sehr zeigten, was sie haben. Heute ist das nicht mehr so stark wie früher der Fall, schon gar nicht in Stockholm. Heute fährt Kjell ohne schlechtes Sozialgewissen mit seinem Audi herum. Allerdings achtet er dabei stark darauf, dass er bei den Anderen nicht so rüberkommt, als hielte er sich deshalb für was Besseres. Er checkt auch gern im Luxushotel ein, aber einen Befehlston gegenüber dem Rezeptionisten würde er sich nie erlauben.

Weil in einer kleinen, ländlichen Gesellschaft jeder wichtig ist, ist auch Toleranz gefragt. Kjell hat die Einstellung, dass jeder dazugehört, auch wenn er anders ist oder ihm nicht besonders gefällt. Zum Beispiel ist es bis heute unangemessen für ein schwedisches Schulkind, nur seine besten Freunde zum Geburtstag einzuladen, es muss die ganze Klasse sein (oder mindestens alle Jungs bzw. Mädels). Einzelne dürfen nicht ausgegrenzt werden. Kjell sagt immer, in keinem Land der Erde kann jemand so lange Aussenseiter sein, ohne es zu merken, wie in Schweden. Aussenseiter werden eben irgendwie mit dazugepackt, man versucht es zumindest. Es gibt da auch eine Toleranz gegenüber der Privatsphäre, die anders ist als in anderen Ländern. Wenn sich zum Beispiel hier ein Mitglied der Königsfamilie scheiden lässt, so geht davon die Welt nicht unter. Åsa würde dazu sagen: „Sein Eheleben und die Scheidung ist seine Privatsache. Unabhängig davon kann er unser Land gut repräsentieren.“ Dieses Leben-und-leben-lassen führt jedoch auch dazu, dass es für Einwanderer ziemlich schwierig ist, sich mit Schweden anzufreunden. (Doch dazu schreibe ich später mal mehr).

An den langen, dunklen Wintern stellt sich bei den Olssons eine gewisse Melancholie ein. Sie hören dann schwedische Volkslieder, die diese eigentümliche Stimmung so gut einfangen können. Bei dieser Musik sitzen die Olssons an langen Winterabenden vor dem Kamin. Sie sinnieren über dies und das oder lesen, was ganz nebenbei ihrer Bildung gut bekommt. (OK, heute ist auch viel Fernsehen dabei. Das macht die Schweden dümmer, nicht so sehr, weil Fernsehen so viel Dummes verbreitet, sondern weil es den Leuten so viel Zeit für Klügeres stiehlt.) Oft blicken die Olssons aber auch nur gedankenverloren ins Feuer und warten auf das Licht des Frühlings. Eine gewisse Ruhe, eine Schwere, ein Ernst stellt sich dann ein. Sie sind nicht todtraurig, aber alles hat eben einen Schuss Melancholie.

Extreme sind den Olssons eher unangenehm, und dazu zählen auch extreme Emotionsäusserungen. Gestern war eigentlich ein schlechter Tag, dann jemand ist auf Kjells Audi aufgefahren, ganz klar seine Schuld. (Schwedischer wäre es übrigens zu sagen, der
Tag war ,inte så bra’, nicht so gut.) Dennoch hat Kjell nicht rumgebrüllt und wild gestikuliert. Er blieb beherrscht und tauschte höflich die Versicherungskarte mit dem Unfallgegner aus. Da konnte man beobachten, wie tief die Ruhe in Kjells Charakter verankert war, dass er in einer solchen Ausnahmesituation so ruhig reagiert hat, obwohl er sein Auto doch so liebt. Es gibt ein schwedisches Wort dazu namens ‚mellan’; es ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Es heißt ‚dazwischen’, aber auch so etwas wie ‚gemäßigt’, ‚die Extreme meidend’, ‚moderat’. Ein kluger Kopf hat einmal Schweden ‚das Land des mellan’ genannt. Schon im zweiten Weltkrieg war Schweden ja ‚dazwischen’, nämlich zwischen den Deutschen und den Russen, die bereits Finnland eingenommen hatten. Mit ein paar Kompromissen hat man es jedoch geschafft, seine Neutraliät zu bewahen und damit dem Volk den Krieg zu ersparen. ‚Das war typisch schwedisch, und das haben wir nicht schlecht hinbekommen’, denkt Åsa zufrieden und trinkt noch ein Glas Mellanmjölk (Milch mit mittelmäßig hohem Fettanteil).
(Korrektur 06.04.: Das hatte ich missverstanden, das Wort ist lagom, nicht mellan. Semantisch ist das aber nicht so weit weg, es heisst nämlich passend, angemessen, mit Maßen, gerade richtig. Also auch ein Wort der ‘Mittellage’, das die Extreme meidet.)

So eine Gelassenheit wächst auch, wenn man seit 200 Jahren keinen Krieg mehr gekannt hat.
Dazu kommt noch die gute wirtschaftliche Lage. In jedem Schweden ist heute tief verwurzelt, dass das Leben sicher ist und alles schon irgendwie weitergeht und gut wird. Letztes Jahr war plötzlich Kjells Job weg – na und? Da suchte er sich eben einen neuen. Vielleicht sind die Olssons auch ein wenig zu cool – sie haben noch nicht so recht angenommen, dass viele Probleme heute globaler Natur sind. ‚Wir hier in Schweden werden unser Leben schon leben und unsere Problem in den Griff bekommen’, denkt Kjell. In der Zeitung liest er zunächst 30 Seiten Schweden-Nachrichten, überschlägt dann die 1-2 Seiten Weltnachrichten und widmet sich dann den folgenden 25 Seiten mit Sportnachrichten.

Åsa hat neulich mal einen Deutschen kennengelernt, Max Mustermann. Den fand sie nett, aber auch etwas merkwürdig. Dabei war er gut frisiert und entsprach eigentlich gar nicht dem schwedischen Klischee, demzufolge die Deutschen schlecht frisiert sind und gern mit Schnäuzern und Vokuhilas daherkommen. Ihr war nicht bewusst, dass man eben auch bei den Deutschen, genau wie bei ihr, viel aus der Landschaft, dem Klima, der geopolitischen Lage erklären kann – und daraus erwachsen eben durchaus andere Menschen. Deutschland liegt im Gegensatz zu Schweden mitten in Europa, aber vor 150 Jahren hätte man das nervöser ausgedrückt: Deutschland, hat Max’ Ur-Urgroßvater immer gesagt, ist von Feinden umgeben. Aus dieser Angst wurde Preussen zu dem, was es wurde, und daraus wiederum das zwanzigste Jahrhundert zu dem, was es war. Bis heute gibt es die „German Angst“, eine spezifische Form von diffuser Furcht, die besonderer Teil der deutschen Seele zu sein scheint – auch Max ist nicht ganz frei davon. Wer in Englisch eine unbegründete, diffuse Furcht beschreiben will, benutzt dafür das deutsche Fremdwort ‚Angst’. Åsa kam mit Max gut klar, keine Frage, so unterschiedlich sind die Kulturen nun auch wieder nicht. Aber um Max ihrem Kjell ähnlicher zu machen, müsste man ihm viel von seiner deutschen ‚Angst’ nehmen und sie duch eine großzügige Portion schwedischen ‚lagom’s ersetzen.

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2 Kommentare »

  1. […] So ist er, der Schwede an sich und Pflichten eines […]

  2. […] Sehnsuchtsland ist ein langer Artikel in der Zeit über Schweden, über den ich stolperte, da ich hier über Angst als typischen deutschen Charakterzug schrieb. Es wird die These aufgestellt, dass […]


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