6 April, 2007

Prost!

Posted in Alkohol, Mentalität um 7:20 pm von Burkhard

Das Klischee sagt, dass die Schweden viel trinken, und da ist auch einiges dran. Aus Schweden könnte das Säufermotto stammen: Halb betrunken ist weggeworfenes Geld! Man nimmt das Rauschmittel Alkohol zu sich, um sich zu berauschen, und je stärker der Rausch, desto besser. In Deutschland hört man viel Drumherumgerede: dass Bier ein Grundnahrungsmittel sei, dass Wein zu Baguette und Käse einfach zugehöre, dass man wegen des geschmacklichen Genusses, aber nicht wegen des Rausches trinke. Solcherlei Argumente findet der Schwede albern, so als ob jemand ständig bemüht sei, beim Badevergnügen das Nasswerden zu leugnen und wegdiskutieren zu wollen.

Einerseits ist das eine erfrischend geradlinige und unverkrampfte Sicht der Dinge. Andererseits muss genauso geradlinig gesagt werden: Die Schweden saufen zuviel. Vielleicht hängt das auch (im Geiste meines letzten Posts) viel mit dem Klima zusammen, den langen, kalten Wintern, wo man sich mit Alkohol die Stimmung aufhellen und den Körper wärmen will. Des Deutschen Lieblingsgetränk ist das Bier, des Franzosen der Wein, des Schweden aber der Schnaps, und bei den harten Sachen hört der Spass natürlich sehr schnell auf. Jeder brennt Schnaps oder kennt jemanden, der es tut; ein Kavaliersdelikt, auf das man eher stolz ist (wie Steuerhinterziehung in Deutschland, die hier übrgens verpönt ist). Die Zeitungen enthalten Berichte über Jugendliche, die sich ins Koma gesoffen haben. Man trinkt viel Alkohol durcheinander, und das während des ganzen Essens. Mithalten gehört dazu, und man muss unbedingt wenigstens so tun, als söffe man nach Leibeskräften mit (und zur Not den Schnaps unauffällig in den Blumenkübel schütten, wie man uns empfahl). Mit einem ‚nein danke, ich trinke nicht so gern’ gewinnt man hier jedenfalls keinen Blumenstrauß. Dabei muss man in Gesellschaft ständig betonen, wie gemäßigt doch die Schweden trinken, verglichen mit den Norwegern/Dänen/Finnen, die ja alle bekanntlich saufen wie die Löcher. Natürlich läuft das in den anderen Ländern andersherum – das Sich-gegenseitig-des-Saufens-bezichtigen ist der running gag Skandinaviens.

Schweden hat also ein Alkoholproblem, keine Frage. Angesichts der Historie und der gesellschaftlichen Randbedingungen verstehe ich jetzt besser, warum in Skandinavien der Alkoholverkauf staatlich limitiert ist. Vielleicht kann man die Bevölkerung zu einem bewussteren Umgang mit der Droge Alkohol erziehen, aber das wird eher eine Sache von Jahrhunderten sein als von Jahrzehnten. Doch die Gesetze wurden nach und nach gelockert, z.T. wohl auch bedingt durch die EU-Mitgliedschaft. Früher durfte man zum privaten Verbrauch nur ein paar Flaschen einführen, heute sind es z.B. sage und schreibe 90 Liter Wein. Ich habe es ja selbst so gemacht, also will ich nicht moralisieren. Ausserdem brauchen wir auch nicht so zu tun, als wäre in Deutschland beim Thema Alkohol alles im Griff. Aber ob die Skandinavier eine Liberalisierung der Alkoholgesetze unbeschadet überstehen, ist für mich mehr als fraglich.

Ergänzung 15 April 07
Wegen dieses Posts habe ich kräftigen Gegenwind bekommen und eine Diskussion entfacht, die ihr bei Interesse bei Fiket nachlesen könnt.

An der Kritik war einiges dran, daher möchte ich zwei Dinge hier anfügen:

Erstens wollte ich keinen Vergleich mit Deutschland darstellen, die diesbezüglichen Fakten liegen mir gar nicht vor. Mein diesbezüglicher Hinweis ‚…brauchen wir nicht zu tun…‘ war VIEL zu schwach. Ich habe gelernt: Wer im deutschsprachigen Schweden-Blog schreibt: ‚In Schweden ist X ziemlich schlimm‘, dann liest der Leser ganz automatisch ein ‚…, viel schlimmer als in Deutschland‘ mit. Das liegt in der Natur der Sache. Ich selbst gebe ja an anderer Stelle zu, die beiden Länder dauernd zu vergleichen, manchmal sogar mehr als gut ist. Daher reicht es nicht, so einen Vergleich nicht zu machen, man muss ihn explizit ausschließen. Also, hoffentlich unzweideutig: Es ist NICHT RICHTIG, aus dieser Schilderung meiner Eindrücke zu schließen, dass die Schweden ein größeres Alkoholproblem haben als die Deutschen. Die Fakten scheinen sogar das Gegenteil auszusagen.

Zweitens ist meine Aussage ‚Mit einem ‚nein danke, ich trinke nicht so gern’ gewinnt man hier jedenfalls keinen Blumenstrauß‘ voreilig. Es gibt wohl genug Leute, die genau diesen bewussten Verzicht auf Alkohol praktizieren. Ich weiss nicht wirklich, was passiert wäre, wenn ich so reagieren würde. Vielleicht probiere ich das beim nächsten Mal aus. Und berichte dann darüber.

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1 Kommentar »

  1. […] mehr schreiben, als ich zu Beginn dieses Blogs gedacht hätte. Zum Beispiel kann ein Text wie dieser nicht unkommentiert […]


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