8 April, 2007

Die Passion

Posted in Leben im Ausland, Mentalität um 6:33 pm von Burkhard

Eigentlich wollte ich in diesem Blog nicht viel zum Thema Kirche sagen, da es hier um das Leben in Schweden gehen soll, aber die Karfreitagspassion wurde für mich überraschend doch zu einem Leben-im-Ausland-Thema. Der Bischof und die Musiker waren gut, aber das eigentlich Beeindruckende waren für mich erneut die vielleicht 1200 Anwesenden der Feier, die sehr stark ‚bei der Sache’ waren. Zur Kreuzverehrung wurde ein Kreuz mit fast lebensgroßem Korpus hereingetragen, zum Tage passend eine blutende Leidensgestalt. Bei der folgenden Kreuzverehrung ließ man es nicht mit einer Kniebeuge bewenden, sondern die meisten küßten die Füße des Korpus oder ähnliches. Viele waren ergriffen. Mancher weinte. Eine Frau mit langem Haar, ganz im Gebet vertieft, stand nach dem Küssen der Füße auf, und statt zur Seite zu treten, küßte sie dem Jesus ins Gesicht. Wohl alle, die zufällig hinschauten, waren einen Moment lang perplex. Aber ihre Körpersprache machte klar, dass ihr in dem Moment nichts ferner lag als Blasphemie.

Ich komme nicht umhin, auch die schönen Kirchendienerinnen zu erwähnen, die in ihrer roten Jacke fast schon ein wenig zu sinnlich daherkamen, Madonnen aus Fleisch und Blut. Aber man ist ja schließlich auch nicht bei den Evangelischen.

Das Schöne an der Feier war das Vertraute daran – Reisende und Expatriates wie wir suchen das. Manch ein Geschäftsreisender geht auf der ganzen Welt ins Hilton, weil man dort so schön vergessen kann, wo man eigentlich ist. Mancher Globetrotter isst überall bei McDonalds statt beim landestypischen Imbiss um die Ecke. Mancher im Ausland Lebende sucht sich dort Freunde nur unter Landsleuten, bleibt im sogenannten ‚Expat-Bubble’ stecken. Machen wir uns doch nichts vor: Auch wenn wir uns noch so kosmopolitisch geben – Fremdes lassen wir nur in kleinen Dosen gern an uns heran. Wer in einer Situation wie wir von so viel Neuem umgeben ist, freut sich zumindest eine Zeitlang als Ausgleich eher über Bekanntes denn über weiteres Neues. In Zeiten, in denen viel von Globalisierung gesprochen wird, ist die Kirche eine seit Jahrhunderten bestehende globale Organisation. Ein global einheitlicher Ritus ist ein Wert, den nicht begreift, wer das nicht mal gefühlt hat – diese Wärme des Wiedererkennens in der Fremde. Und dann noch die globale Sprache der Musik! Heimat, das kann auch jeder Ort auf der Welt sein, wo Menschen sich zusammenfinden, um Händel zu singen.

Gemeinschaften jenseits von Sprache, Ethnie, Geographie, gemeinsamer Geschichte usw. können funktionieren, wie z.B. die zusammengewürfelte Katholikenschar Stockholms beweist. Ich glaube aber, dass starke Werte erforderlich sind, um so eine Gemeinschaft erfolgreich zu binden – und traditionell waren das fast immer religiöse Werte. Ich glaube nicht, dass es funktionieren wird, die Menschen global mit einem kleinsten gemeinsamen Humanismus-Nenner aneinander binden zu wollen – ach ja, wir sind doch alles Erdenbürger, nicht wahr, also sollten wir besser zusammenhalten. Dieser ‚Klebstoff’ ist nicht stark genug, um den Egoismus des Einzelnen zu überwinden. Was dann bleibt, ist die globale Ellenbogengesellschaft, welche uns Menschen als Art ausrotten wird, denn jede höhere Art, das ist sogar schon in der Tierwelt so, braucht eine gesellschaftliche Ordnung.

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