26 April, 2007

Die 7000-Euro-Gärtner

Posted in Mentalität um 12:45 pm von Burkhard

In unserem Haus ist letzte Woche eine kleine Wohnung für schwindelerregende 7000 Euro pro Quadratmeter verkauft worden. Dies entspricht Gerüchten zufolge einer Verdoppelung des Preises in wenigen Jahren. Wer kann sich das noch leisten?  

Kurz darauf hatten alle anderen Bewohner ein Flugblatt vom verkaufenden Makler im Briefkasten: Ob wir eigentlich wissen, dass wir auf einem Goldklumpen sitzen? Ob wir angesichts der Preise nicht vielleicht verkaufen wollen? Ob wir an einer kostenlosen Wertschätzung Interesse haben?  

Dennoch war am Wochenende Gartendienst. Einmal im Jahr treffen sich die Hausbewohner einen Sonntag nachmittag, um einen Frühjahrsputz für Garten und Außenanlagen zu machen. Ich weiss nicht, wie viele nicht gekommen sind, aber es waren auf jeden Fall die meisten da. Auch der Nachbar von gegenüber, Weltklassearzt, sicher über 50, war sich nicht zu schade, auf den Knien herumzurutschen. Anschließend gab es Hot Dogs, Bier und Wein.  

Erneut fiel mir auf: Den Leuten scheint es wirklich wichtig zu sein, nicht auch nur den Anschein eines Standesdünkels zu geben. Die Kosten waren sicher nicht ausschlaggebend bei der Entscheidung, diese Arbeiten nicht von einem Profi machen zu lassen. Ausreden hätte es auch genug gegeben, und sei es nur die, dass man nach einer harten Arbeitswoche das Wochenende redlich verdient hat. Aber mir scheint, man hat hier durchaus noch Sinn für den sozialen Aspekt einer solchen Aktion.  

Ich finde das sehr angenehm. Leistungsbereite Städter leben hier, die hart für ihren überdurchschnittlichen Lebensstandard arbeiten, bestimmt keine Sozialromantiker. Aber gern ‚erdet’ man sich mit einfachen Aktionen wie diesen, vergewissert sich seiner eigenen Bodenständigkeit und Sozialfähigkeit. Beliebte Alternativen zum gemeinsamen Gärtnern: die ‚einfache Hütte auf dem Lande’ bewohnen, ‚Friluftsliv’, eine bodenständige Form des Lebens in der Natur (High-Tech-Ausrüstung ist hier übrigens eher verpönt!), Jagen/Angeln, usw.  

Es fragt sich nur, wie sich diese Einstellung mit der Zeit verändert. Es gibt ja heute schon viele, die sagen, dass Egoismus und soziale Kälte Einzug gehalten haben in Schweden. Für mich klingt das reichlich absurd, ich empfinde dieses Land nach heutigem Stand wirklich nicht als sozial kalt. Aber wer aus einem Überfürsorglichkeitsstaat kommt, mag das so empfinden, und der Trend mag durchaus in diese Richtung gehen, das kann ich nicht beurteilen.  

(Nebenbemerkung: Der sozial kälteste Akt, den man allerdings tun kann, ist, das Geld seiner eigenen Kinder auszugeben. Wenn man Sozialstaatlichkeit vergleicht, dann bitte nur schuldenbereinigt, d.h. unter Abzug schuldenfinanzierter Sozialleistungen. So gerechnet, bin ich gar nicht so sicher, ob der frühere oder der heutige Staat sozial mehr leistet. Das gilt für Schweden genauso wie für Deutschland. ) 

Diese Lebenseinstellung ist in ganz Skandinavien typisch und reicht Jahrhunderte zurück. Statt Historiker zu spielen, belasse ich es hier bei der Wiedergabe eines dänischen Gedichtes von Hans Vilhelm Kaalund (1818.1885) (Quelle):  

Bleibe schlicht, bleibe schlicht 

so sang es immer in meiner Seele 

wenn ich auf Flügeln der Phantasie 

mich keck vom Boden schwingen wollte. 

Alles andere wird sich rächen, 

ist nur Streit und Untergang. 

Bleibe schlicht, bleibe schlicht, 

das ist des Lebens Siegeshymne.

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