3 Juni, 2007

Nicht dazugehören

Posted in Sprache um 5:18 pm von Burkhard

Als weißer, inländischer, männlicher, nicht-behinderter, heterosexueller, nicht-vorbestrafter, nicht-Schufa-eingetragener, nicht-einer-religösen-Minderheit-angehörender usw. Mensch gehörte ich bisher nur selten einer Minderheit oder benachteiligten Bevölkerungsgruppe an. Insofern kenne ich die bewußten oder unbewußt angewendeten Techniken, eine solche Gruppe ihre Minderwertigkeit oder Nicht-Dazugehörigkeit spüren zu lassen, kaum am eigenen Leibe. Umso empfindlicher bin ich aber vielleicht dafür, und das ist durchaus eine Erfahrung, die ich jedem gönne, gerade auch den Mächtigen. Es macht bescheiden und schärft die Sinne für die Belange derer, die nicht so selbstverständlich akzeptiert sind.

Eine der perfideren Techniken ist es, das Selbstverständliche zu betonen, bis es fragwürdig klingt. Ich meine zum Beispiel:

– Bundeswehroffizier beginnt jeden Morgenappell mit: Ja, wir haben ja jetzt auch weibliche Soldaten unter uns. (grins) Denkt immer dran, Männer: Frauen können genauso gut kämpfen wie wir. …
– Politiker beginnt jede Aussage zum Thema Immigranten mit: Ja, also eins vorweg: ich mag wirklich Immigranten. Aber … [Lies: Ich mag keine Immigranten, weil… In Sätzen mit ‚aber’ kann man den Teil vor dem ‚aber’ getrost vergessen, oft gilt sogar das genaue Gegenteil]

Leider geht mir das im Moment im Job genauso mit meinen noch mangelhaften Schwedischkenntnissen. Ich unterstelle niemandem Absicht – das läuft wohl eher unbewußt. Aber einige Kollegen, darunter leider auch mein Chef, bringen das leidige Thema bei ausnahmslos jedem Gespräch auf. Sie sagen dann Dinge wie: Also wir sind ja jetzt ein internationales Unternehmen und nehmen auch gern Kollegen aus den anderen Ländern auf … Nein ist wirklich kein Problem, das Meeting jetzt in Englisch abzuhalten … Nein, ich muss auch wirklich an meinem Englisch arbeiten … Oh, du hast mein Schwedisch gerade verstanden, du machst ja wirklich ganz tolle Fortschritte …

Das kann man alles einmal sagen, aber wenn es dauernd kommt, dann ist der Klartext für mich:
– Ich bin nicht sicher, ob wir Kollegen aus Deutschland aufnehmen sollten.
– Es nervt mich, das Meeting nur wegen dem einen Typen in Englisch abhalten zu müssen.
– Ich will nicht an meinem Englisch arbeiten, arbeite Du lieber an Deinem Schwedisch.
– Du sprichst nur Brocken Schwedisch, ich weiss nie ob Du mich verstehst oder nicht.

Momentan kann ich das wohl nur aushalten und muss hoffen, das das Problem mit meinen wachsenden Schwedischkenntnissen langsam verschwindet. Aber manchmal möchte ich das Gegenüber einfach nur schütteln und sagen: Ich glaube, Du merkst nicht einmal selber, wie entlarvend Du sprichst. Sei doch mal etwas ehrlicher, dir selbst und mir gegenüber, damit könnte ich viel leichter umgehen.

Auch als ich damals nach Amerika ging, umwehte mich plötzlich und unvorbereitet ein kühler Hauch der Ablehnung. Jeder Immigrant steht nämlich dort vor dem köpenickschen Problem, keine Sozialversicherungsnummer ohne festen Wohnsitz zu bekommen und andererseits keinen Mietvertrag ohne Sozialversicherungsnummer schließen zu können. Zurück in Deutschland wollte mir der Saturn keinen Handyvertrag geben, da ich bei der Schufa nicht mehr bekannt war. (Ich hatte nicht etwa einen Eintrag, es gab mich einfach nicht mehr. Meine Erklärungsversuche wurden mit einem blasierten das-interessiert-uns-nicht abgetan).

Mein Leben ist von einer dünnen gesellschaftlichen Lackschicht des wir-brauchen-dich, wir-akzeptieren-dich, du-gehörst-dazu überzogen, unter dem sich beim geringsten Kratzer eine Untiefe des geh-nach-hause, du-gehörst-nicht-dazu, mit-dir-wollen-wir-nichts-zu-tun-haben auftut. Es ist gut, sich dessen bewusst zu sein.

Die Ablehnung muss ja nicht gleich so drastisch kommen wie bei jenem Professor für Luft- und Raumfahrttechnik, von dem mir ein befreundeter Student erzählte. Der begann seine erste Vorlesung im ersten Semester mit den Worten: „Guten Morgen, meine Herren. Oh, ich sehe gerade, wir haben ja wie immer in der ersten Vorlesung auch zwei oder drei Damen dabei, also muss ich sagen: Guten Morgen, meine Damen und Herren. Na ja. Das gibt sich sicher bald wieder.“

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3 Kommentare »

  1. Nun ja, die Ausgestoßenen unserer Gesellschaft sind wohl nicht nicht nur in der sog. „Unterschicht“ zu finden.
    Als Grundschullehrer passieren mir auch immer wieder solche Situationen:
    „Liebe Kolleginnen , liebe KollegeN – und ich freue mich das nun auch so sagen zu dürfen.“, so wurde ich von meiner Chefin, dem Kollegium vorgestellt.
    Da halte ich einfachso: Selig, die Einfältigen [mich eingeschlossen], denn ihrer ist das Himmelreich.

  2. gabrielle said,

    Ja, auch ich weiss, wovon Du hier sprichst. Vieles, was bisher einfach selbstverstaendlich war, ist es eben nicht mehr unbedingt, wenn man in ein anderes Land zieht. Ich habe zum Beispiel Probleme, eine Kreditkarte zu bekommen hier in Kanada, aber da Du mich nun darauf aufmerksam gemacht hast – ich moechte gar nicht an die Probleme denken, die ich haben werde, falls es mich je nach Deutschland zurueckziehen sollte. Ich denke doch, die Deutschen machen es einem nochmal schwerer als die Kanadier.
    Man wird aber auch aufmerksamer anderen Minderheiten gegenueber, wie Du ja auch erwaehnst. Ich habe erst jetzt bemerkt, wie ignorant wir uns oft im normalen Leben anderen gegenueber verhalten. Und wie schwer es andere Menschen zum Teil haben, nur weil sie eine andere Religion haben, eine andere Hautfarbe oder Augenstellung. Es ist schon recht traurig, wenn man erlebt, wie eine Freundin asiatischer Herkunft anders behandelt oder sogar offen beleidigt wird, wie ich es hier leider schon erlebt habe. Dazu muss ich aber auch sagen, das ist keinesfalls die Regel oder Normalitaet. Es ist eben nur verstoerend, wenn es dann doch passiert.

    Sehr schoen finde ich dagegen, dass man sich sicher sein kann, dass Menschen fuer einen einstehen und helfen, wenn es notwendig wird. Ich habe hier in Vancouver schon einige offene Auseinandersetzungen zwischen Partnern auf offener Strasse erlebt, einige sogar koerperlich. Und immer, jedes Mal, sind Passanten dazwischen gegangen, haben geholfen zu schlichten. Ich glaube nicht, dass man sich darauf in Deutschland verlassen koennte. Wie sieht das in Schweden aus?

  3. solanus said,

    Die Erfahrung aus Kanada kann ich aus den USA bestätigen. Die Deutschen sind da viel schlimmere Weggucker. Über Schweden möchte ich diesbezüglich noch nicht urteilen.


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