19 Juni, 2007

Schwedische Steuern – ja bitte

Posted in Schwedischer Staat, Typisch schwedisch um 10:05 pm von Burkhard

Heute im Sprachkurs kam mal wieder das Thema Steuern auf. Ein junger Amerikaner überraschte mich mit der Ansicht, die schwedischen Steuern seien völlig in Ordnung und durch den Gegenwert gerechtfertigt. Insbesondere verwies er auf das seiner Meinung nach hervorragende Gesundheitssystem. Seine Frau hatte gerade mit Komplikationen entbunden. Er schätzte, dass in Amerika ihre Operation und Behandlung für jemanden mit einer guten Versicherung (Monatsbeitrag 1000 USD) noch zusätzlich zur Versicherung mit 15.000 USD zu Buche geschlagen wäre. Krankenversicherung seien dort für Normalverdiener mit mehreren Kindern kaum bezahlbar. Und Anwälte der Versicherungen würden im Versicherungsfall alles tun, um nicht zahlen zu müssen, z.B. nach Formfehlern in den Anträgen suchen.

Ausserdem hat er in Schweden ein kleines Gewerbe angemeldet und fand die Unternehmenssteuern durchaus akzeptabel, kaum höher als in den USA.

Das fand ich mal eine erfrischend neue Sichtweise, die ich so von einem Amerikaner nicht unbedingt erwartet hätte. Sicher sagt seine Meinung mehr über die harten Wirklichkeiten in den USA aus als über Schweden. Aber immerhin: Jeder stöhnt in Schweden über die höchsten Steuern der Welt, und das tue ich auch – die Steuern und Staatsquote müssen hier meines Erachtens runter. Jedoch ist es auch wichtig, nicht die Leistungsseite zu vergessen. Ein Amerikaner hat dafür ein Auge, denn er kommt aus einem sozial stark unterentickelten Land.

Ich denke, Privatisierung ist kein Selbstzweck, und dass die Privatwirtschaft alles besser kann, ist ein dummer Traum von Erzkapitalisten. Andererseits sieht man, wie wenig Planwirtschaft funktioniert. Es gibt eben keinen einfachen Weg, kein Patentrezept, mit dessen Anwendung alles perfekt zu klappen beginnt. Man muss sich eben im jeden Einzelfall fragen: Wo muss der Staat regulieren? Wo kann die Wirtschaft effizienter arbeiten? Es ist ein ständiger Prozess, ein ständiges Ringen der beiden Seiten, genau wie das Finden eines gerechten Lohns ein ständig neu auszutragender Ringkampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitgeber sein muss.

Dieses mag den Vereinfachern und Patentrezept-Austeilern aller Couleur nicht passen. Patentrezepte sind daher eine so beliebte Sache, weil wir uns alle so sehr wünschen, das mit einer einfachen wirtschaftlichen/sozialen/religiösen/psychischen „Weltformel“ alles zum Besten geregelt sei. Es gehört für mich zum Erwachsensein, die Komplexität der Dinge zu erkennen und auszuhalten. Vereinfacherer sind Kindsköpfe.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: