27 Juni, 2007

Midsommar, wie es wirklich ist

Posted in Stockholm-Attraktionen, Typisch schwedisch um 11:44 am von Burkhard

So, nun haben wir uns also selbst ein Bild vom Midsommar in den Stockholmer Schärengärten gemacht. Wir fuhren mit der Fähre nach Möja raus, einer Schäreninsel, die schon relativ weit draussen liegt, immerhin knapp drei Stunden Fahrt von Stockholm mit der nicht eben langsamen Fähre. Dort hatten wir ein Gästezimmer angemietet. Man kann dort auch viele Hütten anmieten, die sehr idyllisch aussehen, aber einen wirklich sehr einfachen Standard haben: Humustoilette (sprich: kein WC), Campingdusche (sprich: kein warmes Wasser). Das mussten wir denn doch nicht unbedingt erleben, und so haben wir uns für das Zimmer entschieden, weil das Gästehaus ein WC und eine Dusche hatte. (Nicht etwa das Zimmer. Zimmer mit eigener Dusche/WC gibt es auf Möja vermutlich gar nicht.) 

Heerscharen von Jugendlichen waren bereits da. Die Älteren waren auch da, aber sie versteckten sich am Abend eher in den Ferienhäusern oder auf den Booten, feierten dort im kleinen Rahmen und überließen die Straße den Jungen. Diese schleppten Unmengen von Alkohol ran. Sie schliefen auf den kleinen Booten, in denen sie gekommen waren, bauten Zelte auf, oder gingen in die offenbar sehr primitive Jugendherberge. (Angeblich ein großer Raum, mit Vorhängen abgetrennt, Dreck, scheiende Kinder, Verhältnisse wie in einem Flüchtlingslager. Wir trafen eine Familie, die direkt wieder umgedreht und nach Stockholm zurückgekehrt ist).   Das Klischee mit dem schlechten Wetter stimmte dieses Jahr leider. Am Freitag und Samstag war das Wetter mäßig: bedeckt und sehr kühl, geradezu herbstlich. Glücklicherweise blieb es im Wesentlichen trocken (im Gegensatz zu Deutschland und Westschweden übrigens), aber es war ungemütlich. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Spaziergang über die Insel. Alles hätte wirklich sehr schön und idyllisch sein können, wenn die Sonne geschienen hätte. In einem kleinen Ort im Norden der Insel war ein midsommarliches Nachmittagsvergnügen im Gange: Jung und alt hatten sich versammelt und hatte Spass um den typischen Midsommarbaum, spielte Eierlaufen, Tauziehen und so was. Tanzen um den Baum wollten aber nur ein paar ältere Pärchen, trotz der Livemusik aus dem Schifferklavier. Hier waren die Generationen noch bunt gemischt, später am Abend trennte es sich dann. Einmal im Jahr schienen es die Teenage-Mädchen auch nicht uncool zu finden, ein romantisches Kleidchen und/oder einen Blumenkranz im Haar zu tragen, solange das Zurschaustellen der eigenen Coolness durch das Tragen von Dolce&Gabbana-Sonnenbrillen und anderen modischen Accessoires sichergestellt war.  

Auf dem Rückweg kamen aus einer Seitenstrasse plötzlich etwa zehn uniformierte und bewaffnete Polizisten, knapp die Hälfte davon Frauen. Dieser Anblick in der idyllischen Umgebung war etwas unwirklich, und uns schwante, dass der Abend durchaus noch einen weniger idyllischen Charakter annehmen würde.

  Abends nämlich übernahmen wie gesagt die Teenies das Regiment. Es gab das volle Programm: schnell saufen bis zum Vollrausch (die Mädels nicht weniger als die Jungs), gröhlen, laut Musik laufen lassen, kotzen, weitersaufen. Die Polizei war präsent und hatte die Lage gut unter Kontrolle, schien mir. Eigentlich war es genau wie früher, wir haben ja damals auch gesoffen wie die Löcher. Ob andere Drogen im Spiel waren, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, Alkohol spielte die Hauptrolle. Natürlich lag ab und zu auch Aggression in der Luft, und Prügeleien sind bei so etwas immer möglich. Aber andererseits schien mir hier keiner ein Messer in der Hosentasche zu haben. So gewisse, ganz elementare Hemmschwellen in Bezug auf Gewaltanwendung schienen mir noch vorhanden zu sein. Vieles erinnerte mich wirklich an uns früher, während andernorts sich die Jugendparty-Atmosphäre doch sehr verschlechtert hat, wie ich finde (härtere Drogen / niedrigere Gewaltschwelle / weniger Wir-Gefühl usw.). 

Natürlich war die Atmosphäre auch erotisch aufgeladen, und manches sturzbesoffene Mädchen war sicher eine leichte Beute. Mindestens drei Viertel der Jungs sahen jedoch so betrunken aus, dass ich ihnen keine standfeste Leistung mehr zutraute. Außerdem fehlte es auch an Rahmenbedingungen: der Abend kühl, die Zelte schmutzig und überfüllt. An diesem Abend, nehme ich an, bellten die Hunde sehr laut, um dann um so weniger zu beißen. Auch diese Dinge, fand ich, haben sich eigentlich nicht geändert.  

Wir folgten unserem Plan, uns ein ruhiges Plätzchen in der Natur zu suchen und auf einem Einweggrill Fisch zu grillen. Natürlich funktionierte das mitgebrachte Feuerzeug nicht, also ging Stefanie zurück zur Straße, um sich vom nächstbesten Teenagergrüppchen eins zu leihen:

„Hallo Jungs, habt ihr mal ein Feuerzeug für mich?“

„Klar, hier hast Du eins.“

„Danke, ich bring’s gleich zurück!“

 „Woher kommst Du?“

„Aus Deutschland.“

„Heil H—–!“  

Schließlich brannte das Feuer und der Fisch brutzelte. Dann jedoch kam ein Mann ernsten Blickes auf uns zu:

„Ihr wisst doch, das Ihr Euch hier auf Privatgrund befindet?“ sagte er auf schwedisch. Oh weh, dachte ich, soviel zum Thema Allemansrätt in Schweden.  

„Förlåt?“ antworteten wir, uns dumm stellend. Die Mädels lächelten nach Kräften.

Er wurde weich und antwortete auf Englisch: „Also Ihr befindet Euch hier auf einem Privatgrundstück. Aber wenn Ihr Euch leise verhaltet, könnt Ihr gern hier sitzen bleiben. Aber nehmt bitte wirklich allen Müll wieder mit, sobald Ihr geht.“

„Schließlich“, so fügte er nach einer Pause hinzu, „ist heute Midsommar!“

Wir bedankten uns. Einerseits waren wir mitten in der Natur und das Privatgrundstück nicht auf den ersten Blick als ein solches auszumachen. Andererseits fragte ich mich selbstkritisch, ob ich Fremde auf meinem Privatgrundstück grillen lassen würde. Egal an welchem Tag.  

Am nächsten Tag war es immer noch bedeckt. Wir wanderten nach Hamn, einem unglaublich pittoresken Ort auf der anderen Seite der Insel. Ein paar Dutzend Schwedenhäuser lagen hier verstreut in einer hügeligen Landschaft, mit schmalen Schotterpfaden verbunden. Dazu ein sehr niedlicher Hafen. Inmitten dieser wie eine Filmkulisse anmutenden Idylle schaukelte ein kleines Mädchen in einem rosa Kleidchen auf einer Schaukel. „Vad heter du?“ (Wie heißt Du?) fragte es jeden von uns und nannte seinen Namen sowie Papas Namen: Björne. Wir glaubten, eine Zauberin hätte uns gerade in ein Phantasieland der Schwedenklischees entführt.  

Am darauf folgenden Sonntag hatte das Wetter endlich ein Einsehen. Die Sonne schien und liess den Himmel im kräftigsten Blau, die Wiesen im saftigsten Grün und die Häuser im tiefsten Rot erstrahlen. Wenn es schön ist, dann ist es wirklich wunderschön in Schweden. Das Wasser kochte vor lauter Booten, die wie eine Fauna für sich anmuteten: große und kleine, schnelle und langsame, hübsche und häßliche, alte und junge – Boote bunt wie das Leben. Auf der dreistündigen Rückfahrt bekamen wir um uns herum im Wasser mit Sicherheit über tausend Wasserfahrzeuge zu Gesicht. Schließlich fuhren wir bis mitten in die Zwei-Millionen-Metropole hinein und stolperten direkt aus dem Schiff in die U-Bahn. Ich bin von Hamburg ja einiges gewöhnt, aber eine derartige Verknüpfung von Wasser und Land, von Großstadt und Natur – das ist einmalig in Stockholm.

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1 Kommentar »

  1. Herrlicher Bericht. Auch wir sind wenig angetan von Plumpsklos und wir sind Warmduscher.


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