6 Juli, 2007

Männerspielzeuge

Posted in Blick nach Deutschland, Typisch schwedisch, Uncategorized um 4:37 pm von Burkhard

Ich schrieb schon einmal in meiner Charakterisierung der Schweden kurz darüber, aber heute möchte ich dem Thema einen eigenen Eintrag widmen: Autos.  

Früher dachte ich, die Deutschen sind besonders autoverrückt, man spricht ja auch von der Deutschen liebstes Kind. Dann zog ich nach Amerika und dachte, na ja, die sind ja nicht weniger vernarrt, da müsste man also von der Deutschen und Amerikaner liebstes Kind sprechen. Hier in Schweden muss ich den Spruch abermals zu erweitern und von der Deutschen und Amerikaner und Schweden liebstes Kind zu sprechen.  

Was natürlich so langsam absurd wird. Mittlerweile glaube ich, die Deutschen sind nicht autovernarrter als andere Völker auch. Es ist eher eine Frage des Wohlstands – wer es sich leisten kann, hat ein schönes Auto und ist stolz drauf. Weltweit. Besonders sieht man das an aufsteigenden fernöstlichen Ländern. Die sind früher nicht etwa aus Überzeugung mit dem Fahrrad gefahren. Und wer von ihnen sich heute ein Auto leisten kann, steht immer noch lieber drei Stunden im Stau und fährt mit 4 km/h, als zu Fuß zu gehen.  

Aber zurück zu den Schweden. Viele schlagen autotechnisch richtig zu, und das heißt: ein deutsches Auto muss her. Da wird nicht nur die größte automobile Missgeburt aller Zeiten, der Porsche Cayenne, gekauft, diese misslungene Schimäre aus Sportwagen und Geländewagen. Nein, es muss der Cayenne Turbo sein. Der ist zwar nochmal 57.000 Euro teurer als die Basisversion, aber hey, dafür hat er zwei Auspuffe hinten. Das macht Sinn.  

Umwelttechnisch ergibt Schweden ein gemischtes Bild. Einerseits ist Schweden das Land mit den meisten Benzinfressern Europas und hat den höchsten Benzin-Durschschnittsverbrauch pro Fahrzeug. (Leider finde ich die Quelle dazu nicht mehr). Andererseits hat Schweden ein sehr erfolgreiches Programm zur Reduktion des Verbrauchs (Steueranreize etc.) und ist das Land, dessen Durchschnittsverbrauch europaweit am schnellsten sinkt. Also: Schlechtes Niveau, aber gutes Momentum in die richtige Richtung.  

Umweltautos, ‚Miljöbilar’, werden gefördert. Dazu gehören Fahrzeuge mit einem einfach niedrigen Verbrauch (z.B. ist ein VW Polo als Miljöbil anerkannt, womit VW heftig wirbt), Fahrzeuge, die mit nicht-fossilem Bioethanol fahren (extrem verbreitet die „Biopower“-Saabs), und auch Hybriden wie den allgegenwärtigen Prius. Ich will jetzt gar nicht die sehr komplizierte Diskussion entfachen, ob die Förderung in jedem Einzelfall ökologisch Sinn macht. Ökologische Gesamtbilanzen sind eine sehr komplizierte Sache, in denen auch Umweltverbände häufig haarsträubend daneben liegen. Ich will mal großzügig sein und sagen, der Zug geht in die richtige Richtung hier.  

Wichtiger als alle rationalen Argumente scheint mir dabei, dass hier Umweltautos langsam aber sicher ‚cool’ werden. Sicher gibt es noch genügend unverbesserliche Cayenne-Fahrer. Aber so ein Cayenne sieht hier immer häufiger ganz alt aus, wenn neben ihm ein hybrider Lexus RX400h parkt. OK, beides sind alberne Schwanzverlängerungen, und man kann einfacher Sprit sparen als mit dem Lexus. Aber mein Punkt ist: Der Lexus ist hier enorm verbreitet, das heisst, selbst bei den schwanzgesteuerten Autokäufern ist ‚hybrid’ mittlerweile als Anmachfaktor angekommen.  

Das setzt sich in den anderen Preisklassen fort. Der VW Käfer des 21. Jahrhunderts ist der Toyota Prius, und für jeden Prius in Deutschland sieht man hier 1000. Neulich sah ich ein Unternehmen, vor dem als Firmenwagenflotte 15 blaue Prius standen, wie cool sah das denn aus! Beim Thema ‚hybrid’ werden die deutschen Autobauer plötzlich ganz rational und rechnen vor, dass ein Diesel umwelttechnisch und finanziell gegenüber dem Hybrid im Vorteil ist. Ausgerechnet diese deutschen Autobauer, deren ganzes Geschäftsmodell darauf aufbaut, das Autokäufer eben nicht rational entscheiden! Die Leute WOLLEN keinen langweiligen Diesel, sie wollen ein Auto, das futuristisch aussieht, innen und aussen, das geräuschlos anfahren kann und das eine intelligente, umweltbewusste Coolness ausstrahlt. Hollywood fährt zur Gala im Prius vor, aber bestimmt nicht im Golf Diesel. Zu lange wurde dieser Fakt in Deutschland ignoriert, und nun liegt man hybridtechnisch 10 Jahre zurück. Gute Nacht, Autobauland Deutschland. 

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4 Kommentare »

  1. jan-erik said,

    Welche Autos sind die größten Umweltsünder?

    VOLVO: Größter CO2-Sünder auf Europas Straßen ist Volvo. Trotz Reduktion der Abgase um knapp ein Viertel in den vergangenen acht Jahren stoßen die schwedischen Wagen noch immer 195 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus.

    CITROEN: Auch die Franzosen bauen sauberere Autos als die Deutschen. Citroën hat viel in weniger Abgase investiert und bläst derzeit 144 Gramm Kohlendioxid je Kilometer aus. 😉 🙂

    jan-erik

    Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,464939-2,00.html

  2. jan-erik said,

    Wo sitzten die Prioritäten bei den Autobauern?

    Bei den Deutschen bestimmt bei der Motorleistung; im Stau?!

    Die sparsamsten Diesel

    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,464366,00.html

    Die sparsamsten Benziner

    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,464360,00.html

  3. Kyros said,

    Porsche ist mit dem Cayenne ein Meisterstück gelungen. Daran gibt es überhaupt nichts zu deuteln. Ein paar Liter Spritverbrauch mehr oder weniger machen den Braten eh nicht fett.

  4. jan-erik an Kyros said,

    Porsche ist mit dem Cayenne ein Meisterstück gelungen??

    Hallo Kyros, bist Du dir da sicher mit den paar Litern.

    SPRITSCHLEUDER
    Porsche Cayenne schluckt bei Vollgas 66,7 Liter
    Dass der Porsche Cayenne kein Wagen für kleine Geldbeutel ist, war schon länger klar. Doch der Benzinverbrauch des Sportwagens dürfte selbst begüterte Fahrer schlucken lassen: Laut einem Testbericht verbrennt er bei Vollgas fast 70 Liter.

    Ist der Porsche Cayenne Turbo S mit Vollgas unterwegs, wird es teuer: Er verbraucht bei Tempo 270 auf 100 Kilometer nicht weniger als 66,7 Liter Kraftstoff. Das geht aus einem „Extrem-Verbrauchstest“ hervor, den die Zeitschrift „Auto Bild“ mit 16 verschiedenen Fahrzeugen gemacht hat. Demnach gilt der Cayenne in Sachen Verbrauch als Ausreißer.

    Mit 293 km/h schneller unterwegs, aber deutlich weniger durstig war der Porsche Carrera S: Dessen Verbrauch bei Vollgas beträgt demnach 37 Liter.

    Mit 250 km/h ließen die Tester auch den BMW 535d Touring über die Piste sausen. Der Diesel aus Bayern schluckte dabei 20,3 Liter. Mit 11,5 Litern war der Toyota Prius am sparsamsten. Er erreichte aber auch nur 170 Stundenkilometer.
    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,415728,00.html

    jan-erik


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