8 Februar, 2008

Im falschen Film

Posted in Schwedischer Staat, Typisch schwedisch um 10:40 am von Burkhard

Jeder Londoner wird täglich 200 – 300 Mal mit von einer Kamera erfasst. In Stockholm dürfte die Zahl nicht geringer sein. Jedes öffentliche Transportmittel ist mit Kameras ausgestattet – nicht nur die U-Bahn, sondern auch jeder Bus. Auch in fast jedem Taxi schaut Dich mittlerweile ein Kameraauge an. Draußen ist es nicht besser. Jeder öffentliche Platz ist kameraübersät; das geht bis in die Nebenstrassen hinein. Das Handy in Deiner Tasche gibt ständig Deine Position bekannt. Eltern können einen Dienst abonnieren, mit dem sie den Aufenthaltsort ihrer Kinder so überwachen.

Es gibt also de facto keine Möglichkeit, sich in Stockholm unverfolgt zu bewegen. Und die meisten dieser Daten laufen nicht etwa bei der Polizei auf, wo man je nach persönlichem Vertrauen in den Staat von einer mehr oder weniger kontrollierten Verwendung ausgehen kann. Sie laufen bei Privatunternehmen auf. Dass die Daten dort vor Missbrauch sicher sind, glauben nur Weltfremde.

Über Deinen Namen kann jeder Deine ‚Personnummer‘ leicht herausfinden, und darüber widerum eine Fülle an Informationen, die Behörden und Unternehmen über Dich speichern, ohne Dich zu fragen, und austauschen, ebenfalls ohne Dich zu fragen. Das Finanzamt gibt jedem, der es wissen will, Dein Gehalt bekannt. Die schwedische GEZ schrieb mich an; es fragt systematisch Informationen bei Arbeitgebern ab – auch meiner hatte willig Daten über mich rausgegeben. Mein Kabelunternehmen wusste über meinen Namen sogar direkt die Verkabelung meiner Wohnung.

Ehrliche Menschen haben nichts zu verbergen, heisst es oft als Kommentar. Aber kann man es sich wirklich so einfach machen?

Eines der Probleme: Kriminelle machen sich immer mehr Methoden der Rasterfahndung zu Nutze. Sie filtern sich genau heraus, wer Geld hat, wer Geld braucht, wer schutzlos ist, wessen Wohnung gerade leersteht. Warum nicht mal schell das ideale Vergewaltigungsopfer in Stockholm herausfiltern: jung, hübsch, und steht gerade allein in einer unübersichtlichen U-Bahnstation? Gib mir Deine Daten, Mädel, denn ein ehrlicher Mensch wie Du hat doch nichts zu verbergen.

Ebenfalls offiziell abgeschafft im Überwachungsstaat ist die Gnade des Vergebens und Vergessens. Mal das Studium abgebrochen? Die Ehe gescheitert? Psychologische Hilfe gesucht? Mit einem Ex-Chef überworfen und rausgeworfen worden? Als Jugendlicher die falschen Bücher gelesen, die falschen Freunde gehabt? Im ewigen Gedächtnis Deiner Überwachungsakte wird es gespeichert sein. Es gibt keine Möglichkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich zu häuten, einen neuen Anfang zu machen. Gott vergibt Sünden – die Überwachungsgesellschaft nicht.

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